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Ein Torhüter und Boxer (“Wer bin ich?” vom 20. November)

Torhüter und Linksaußen sind ja ein bisschen verrückt, heißt es. Wie verrückt bin dann ich, der in der B-Jugend seines Heimatvereins Torhüter UND manchmal Linksaußen war? Dazu war ich auch noch  Außenseiter im Dorf, meiner Herkunft wegen. Nicht schön für ein Kind.
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Als Stürmer hatte ich mehr Talent, konnte gut flanken und hatte einen ziemlichen Bums. Ich bin aber lieber ins Tor gegangen, denn dann muste ich nicht so viel laufen. Das war keine Faulheit, sondern mir taten die Füße weh, weil meine Schuhe zu klein waren. Warum ich keine neuen, passenden bekam? Sie stellen Fragen! Das waren andere Zeiten.
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Wir haben damals auf Asche gespielt und hatten immer aufgeschrammte Knie, vor allem ich als Torwart. Daher hat meine Mutter mir Knieschützer angefertigt. Woraus, das verrate ich nicht, denn sonst könnten sie mich vielleicht googeln. Ich sage nur: Rosa waren sie, ich habe mich geschämt, aber sie erfüllten ihren zweckentfremdeten Zweck.
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Zu den Spielen fuhren wir in offenen Lastwagen, auch im Winter, wir saßen hinten auf Bänken, bibberten im eisigen Fahrtwind und sangen Fußballlieder. Trotz des Fahrtwindes stank es, denn der Lastwagen wurde mit Gas aus Holz angetrieben. Einmal machte uns der Rauch echt krank, wir spielten trotzdem, torkelten auf dem Platz herum und verloren 3:9. Mit mir im Tor. Zum letzten Mal. Denn obwohl mir schwindlig war, ich dauernd hustete und hilflos herumwankte, sagten alle, so gut sei ich noch nie gewesen. Ha! Verarschen kann ich mich selbst. Da habe ich lieber meine Torwartkarriere beendet.
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Später, viel später, spielte ich wieder Fußball, sogar im berühmten Maracanà-Stadion in Rio de Janeiro vor 120 000 Zuschauern. Es war zwar nur ein Vorspiel, aber ich hatte trotzdem Lampenfieber. Wenn der Ball auf mich zukam, schien er zu einem Golfball zu schrumpfen, und ich haute daneben.
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Meine zweite Sportkarriere startete ich in Mainz beim berühmten Professor W. Ich boxte in seiner Studentenstaffel. Als ich einmal ausgeknockt wurde, im Training, schleppten mich die Kommilitonen unter die Dusche. Das wirkte. Am nächsten Tag war ich wieder dabei. Da wussten sie, dass ich hart im Nehmen war. Dass ich Boxer war, sieht man heute noch an meiner Nase. Auch meine Figur erinnert ein wenig an Mike Tyson
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Ach ja, Mike Tyson. Viele Jahre lang hatte ich ein ebenso mieses Image wie dieser Schläger. Deutschland machte mich zum Bösewicht, ich hatte ja auch schlimme Dinge getan, aber das Allerschlimmste verzeihen mir einige noch heute nicht, Jahrzehnte nach der Tat. Ich habe eine hübsche, junge, sehr beliebte Frau getötet. Es war aber kein Mord, denn dazu gehören niedere Beweggründe, und die hatte ich nicht. Wirklich nicht. Es sei denn, Geld gilt als niederer Beweggrund.
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Für mich nicht. Mein Credo: Erfolgreich ist ein Kerl, wenn er mehr Geld hat, als seine Frau ausgeben kann. Zusatz für die liebste Zielgruppe meines Ghostwriters: Und Ihr seid nur erfolgreich, wenn ihr solch einen Typen findet! (Zwischenruf des Ghostwriters: Mein lieber Mann, wenn du wüsstest, wie viel Geld meine liebste Zielgruppe ausgeben könnte! Selbst du wärst dann ein armer Schlucker!)
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Ja, ist ja gut, war doch nur ein Scherz. Ein Aphorismus, verstehen Sie? Mittlerweile sind die alten Geschichten ja auch längst vergessen, ich bin rehabilitiert, wunderbar in die Gesellschaft integriert, man liebt mich und denkt nicht mehr an die schlimmen Geschichten aus meiner bösen Vorzeit. Wer bin ich?
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Tja. Wer ist dieser Mann, der Fußball spielte, boxte und, neben anderen Schandtaten, ein junges Mädchen tötete? Das werde ich ihm nie verzeihen. Ihr zu Ehren sind in dieser »Wer bin ich?«-Runde zwei Punkte zu gewinnen. Einer für den Täter, einer für das Opfer (Einsendeschluss: Dienstag, 25.November)
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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