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Montagsthemen (vom 17. November)

Simpeljournalistisches Lehrstück für Abgefeimte: Vorher eine irreal hohe Erwartungshaltung aufbauen (»Knacken wir den 16:0-Rekordsieg?«), danach enttäuscht kritisieren, dass nur ein 4:0 erstolpert und erholpert worden ist. Den nicht ganz unwichtigen Kritikpunkt, dass solche Spielchen, ob sie 16:0, 25:1 oder 4:0 ausgehen, sportlich sinnlos sind, durch die Aufblähung von Vorrunden (wie auch in der Champions League) sogar sportlich schädlich, das lässt man gerne unter den Tisch fallen, da gegen den Primat der plakativen Eventisierung verstoßend. Ich hätte den Abgefeimten nach dem 4:0-Desaster gerne zugerufen: Das geschieht euch recht! Doch ihnen geschieht ja nicht recht, sie werden wieder hochjubeln und tief fallen lassen, wieder und wieder.
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Abgefeimt. Schönes deutsches Wort. Synonyme: ausgekocht, durchtrieben, gerissen, gewieft, hinterhältig, hinterlistig, verschlagen, mithin »in allen Schlichen und Schlechtigkeiten erfahren, in unmoralischer Weise schlau« (Duden).
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Das Abgefeimte aber ist es nicht, warum »die journalistische Berichterstattung aus Sicht der Vereine und Verbände an Bedeutung verliert«. So zitiert die  Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Medienberater (u.a. von Löw und Özil) Roland Eitel. Grund ist vielmehr die in allen obigen Wortsinnen abgefeimte Spießumdrehung der Klubs und Verbände, ihre Stars vermehrt exklusiv auf eigenen Kanälen zu vermarkten. Auf diese Wegnahme seines Gewohnheitsrechts reagiert der Journalismus tief beleidigt und hoch empört.
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Vor allem aber hilflos. Denn seit der Netz-Trivialisierung scheint höchstes Ziel des Simpeljournalismus, exklusiv Original-Zitate von möglichst hochkarätigen Stars zu erhaschen und zu verbreiten. Beispiel roter Teppich in Berlin: Bastian Schweinsteiger geht vorbei, eine, nun ja,  Journalistin (sie hat wohl »irgendwas mit Medien« gelernt) ruft ihm zu: »Wie geht’s?«, Schweinsteiger im Vorübergehen: »Super«, und Sekunden später taucht die investigative Höchstleistung auf Twitter und Facebook auf.
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»Was ist in der Spitze des Profifußballs, wie er sich jenseits des Platzes präsentiert, überhaupt noch echt? Was ist Fake?«, fagt die FAS.  Nun, ich glaube die Antwort zu kennen, und sie hat nur indirekt mit aktuellen Trends zu tun: Wer im inneren Zirkel steht (Spitzensportler), lässt nur nach außen (Medien) dringen, was er herauslassen will, und das hat oft rein gar nichts mit dem zu tun, was innen geschieht. Also Fake. Den zu erkennen und das Erkannte zu vermitteln, das ist in diesen echtjournalistisch schwierigen Zeiten natürlich etwas komplizierter als … »Wie geht’s?« – »Super!«
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Dem heutigen Print-Sportjournalismus, in seinem gewohnten und gepflegten Anspruchsdenken tief verunsichert, fehlt offenbar echtes Selbstbewusstsein (vorgespieltes, auftrumpfendes, gefaktes hat er noch genug). Denn was interessiert mich schon, was welcher Promi-Profi wo sagt? Im Zweifelsfall ist das, was er (beziehungsweise sein Berater oder Klub als Souffleur) auf dem eigenen Kanal hemmungslos vorspiegelt und -spielt, viel bezeichnender und entlarvender als das, was er einem fremden Journalisten »preisgibt« (also nichts preisgibt).
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Journalistisches Selbstbewusstsein – und auf Dauer auch journalistische Selbstbehauptung in »Ich mach was mit Medien«-Zeiten – ist nicht, wenn ich wiederkäue, was andere sagen, sondern selbst sage und mitteile, welche Schlussfolgerungen ich durch Nachdenken, Erfahrung und Sachkenntnis daraus ziehe.
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Daher interessiert mich auch überhaupt nicht, was Xabi Alonso (haben Sie’s gesehen?) hinter vorgehaltener Hand zu Thomas Müller gesagt hat, offenbar etwas Lustiges. Interessant ist vielmehr, dass Alonsos Hand eine Reaktion auf den Lippenleser ist, den der Fußball-Exklusivsender Sky mittlerweile einsetzt, und dass diese gnadenlose, spannerhafte und fast stalkerische Gier nach Nähe zum Objekt der Begierde dieses um so mehr dazu treibt, sich zu verstecken und zu verstellen, nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern hinter dem eigenen Image-Produkt.
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Uff. Anstrengend, so viel engagiert Ernsthaftes ausdrücken zu wollen. An der Oberfläche schreibt es sich leichter: Lasse Viren in die Hall of Fame aufgenommen? Hui! Marita Koch ebenfalls? Pfui! So einfach geht das mit journalistischer Schnellbewertung. Kochs fabulöser 400-m-Weltrekord von 47,60 Sekunden bleibt seit 30 Jahren unangetastet, jeder glaubt zu wissen, warum. Viren wurde 1972 und 1976 jeweils Doppel-Olympiasieger über 5000 und 10 000 Meter, eine historische Leistung. Sporthistorisch, behaupten böse Zungen, sei allerdings auch seine Rolle als Blut-Pionier. Frank Shorter, Marathon-Olympiasieger von 1972, hielt noch 1987 sauerstoffgepowerte Eigenbluttransfusionen für richtig, denn »wenn man bei Olympia etwas gewinnen will, muss man im Vorfeld davon Gebrauch machen«. Ceterum censeo: In einer ehrlichen, ungefakten Sportwelt gehört Jan Ullrich in die Hall of Fame des Sports. Und das ist mein blutiger Ernst.
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Kein Scherz auch, dass die Münchner Faschingsgesellschaft ihren Karl-Valentin-Orden in diesem Jahr an Heino verleiht. Was mit großer ernsthafter Empörung kommentiert wird (»Bayerns Kabarettisten reagieren fassungslos«/SZ), aber nur beweist, dass Kritiker und sonstige Fassungslose unbeleckt sind vom im besten Sinn abgefeimten Humor von Valentin. Denn wenn er, als Münchner im Himmel, zu den Tönen seines Wolken-Partners »Luja« selbst einen Humor-Orden verleihen könnte, träfe niemand anderen seine hinterlistige, gerissene, durchtriebene Wahl als – Heino! Aber das ist nun wirklich ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle