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Freitag, 14. November, 11.55 Uhr

Bin ich zu alt für dieses Hobby, das mein Beruf war? Zu uninteressiert an aktuellen Aufgeregtheiten, die ich so oder so ähnlich schon zu oft miterlebt und mitkommentiert habe? Früher konnte ich nie verstehen, wenn Kollegen nicht von früh bis spät auf dem Sprung waren, sich nicht für alles interessierten, was mich interessierte, und die kreativ nur wurden in den Begründungen, warum man etwas NICHT machen sollte,  statt es mit Elan und Freude an der Sache einfach zu tun.

Nehmen wir nur mal den gerade geschriebenen “Sport-Stammtisch”: Nichts zur FIFA-Schote, nichts zum Anti-Doping-Gesetz, nichts Aktuelles zum Affenfelsenspiel. Früher hätte ich wenigstens den Anfang und/oder Schluss der Kolumne noch mit dem Wissenswertesten nach dem Länderspiel aktualisiert, gerade auch, weil Gibraltar ein Indiz für die recht absurde Verwässerung der EM-Gruppenphase ist. Diesmal sage ich mir: Was soll’s. Oder die FIFA: Heute sage ich mir: Soll ich wirklich zum x-ten Mal den Spruch variieren, dass Bestechung, zumindest bestechungsähnliche Beeinflussung, bei der Vergabe von Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein dürfte? Nö. Keine Lust. Und beim Thema Doping habe ich mir die bequeme Ausrede einfallen lassen (immerhin eine kreative!), mir ein Tattoo stechen lassen zu müssen, falls ich mich jemals wieder dazu hinreißen lasse, mich darüber auszulassen.

Halt. Stimmt nicht ganz, merke ich soeben. War keine echte Ausrede, sondern eigene Hilfestellung, um mich von dem von mir fast pathologisch manisch umkreisten Thema zu lösen.  Das aber ist gelungen, es umtreibt mich nicht mehr, es ödet mich an, ich bin “clean” von der Sucht, jeden Doping-Pups zu kommentieren – aber gerade deswegen müsste ich bei wirklich wichtigen Anlässen meine grundsätzliche Meinung schreiben, zum Beispiel über den Populismus, ein Anti-Doping-Gesetz zu erlassen, weil die Volksmeinung, die gar nicht weiß, wie Doping definiert wird, ein Anti-Doping-Gesetz haben will, das aber, siehe Dopingdefinition, logisch und juristisch unhaltbar ist. Wie ich aber von einem hochrangigen Journalisten gelernt habe, können alle Gesetze erlassen werden, ob unlogisch, unjuristisch oder auch unmenschlich, wenn die Gesetzesvorlage den formalkorrekt-demokratischen Weg geht. Aber Schluss damit.

Ein bisschen habe ich mich dennoch wieder echauffiert. Vielleicht bin ich doch noch nicht zu alt.

Baumhausbeichte - Novelle