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Sonntag, 9. November 2014, 6.22 Uhr

Heute muss ich wohl in der Datumszeile besonders korrekt sein und auch das Jahr nennen. Und die Uhrzeit auf die Minute genau. Oder geht meine Uhr nach? Ich muss ja kaum das Licht anmachen, so hell scheint es in mein Arbeitszimmer. “Es” ist aber nicht sie, sondern er: Dunkel ist’s, der Mond scheint helle … als ein Auto blitzesschnelle langsam um die Ecke … der FAS-Bote ist es, die Uhrzeit stimmt.

Das graurotgrüne Großstadtlied: “Rote Münder, die aus grauen Schatten glühn / Girren einen süßen Schwindel / Und der Mond grinst gelblichgrün / Aus dem Nebelbündel.” Stimmt ja nicht. Kein Nebel, der Mond strahlt unvernebelt, und hier im Dorf glühen keine roten Münder aus grauen Schatten.

Kennen Sie das Gedicht? Gehört zu meinem auswendig gelernten Repertoire, stammt von meinem früheren absolut-absoluten Lieblingsdichter und geht so weiter: “Graue Schatten, rote Dächer / Mittendrin mal grün ein Licht / Heimwärts gröhlt ein später Zecher / Mit zerknittertem Gesicht // Grauer Stein und rotes Blut / Morgen früh ist alles gut / Morgen weht ein grünes Blatt / Über einer neuen Stadt.”

Ob es wörtlich genau ist, weiß ich nicht. Wie alles im Blog habe ich auch das Gedicht ohne Netz und doppelten Boden geschrieben und werde es auch nicht überprüfen und korrigieren. Ich habe es ab-, aber wer hat es geschrieben? Derselbe, der auch dieses Minigedicht verfasst hat: “Da war ein letzter Kuss am Kai / Vorbei / Stromabwärts und dem Meere zu / Fährst Du / Ein rotes und ein grünes Licht / Entfernen sich.”

Hilfestellung: Ich nannte ihn als Wahlschriftsteller fürs Abitur, das wurde aber abgelehnt, weil der Lehrer glaubte, ich fauler Kerl hätte mir einen ausgeguckt, der nur ganz wenig geschrieben hat. Dann nannte ich meinen zweiten Lieblingsschriftsteller (Remarque), der wurde abgelehnt, weil angeblich zu unliterarisch, zu wenig Niveau fürs Abi. Und die Gedichte, die mich faszinierten, weil sie mich in geheimnisvoll-melancholische, abenteuerliche und verheißungsvolle Hafen-Atmosphäre teleportierten, seien schwach, sehr schwach, urteilte die Germanistik, die von meinem Lieblingsdichter, der aus meiner Sicht großartige Kurzgeschichten geschrieben hatte, nur ein Theaterstück gelten ließ: “Draußen vor der Tür.” Das wiederum gefiel mir zwar auch, aber längst nicht so wie die Kurzgeschichten. Mittlerweile ist er völlig vergessen, ich habe ihn seit damals nicht mehr gelesen, weil ich befürchte, je älter ich werde, um so befremdlicher, naiver und, ja, peinlicher könnte mir der junge und jung gestorbene Wolfgang Borchert werden.

Da hat’s mich am frühen Morgen, der Mond ist schuld, schon ganz schön weit abgetrieben. Wie gestern, am späten Abend, nachdem mir eingefallen war, dass gerade die letzte “Wetten dass”-Sendung läuft. Hatte ich seit Gottschalk nie mehr gesehen, was nicht an Lanz lag, sondern an der scheintoten Sendung, die nur Gottschalk noch mühsam am Leben halten konnte. Auch gestern schaute ich natürlich nicht zu, hatte Besseres vor, setzte mich später aber an den Computer, weil ich dachte, der Abgesang könnte ein schönes, ein einziges großes Montagsthema werden, da die Sendung von ihrem Erfinder Elstner über den unglückseligen Lippert und die langen Jahre mit dem auf seine Art genialen Gottschalk immer ein wunderbarer Lieferant für die “Montagsthemen” war, da sie fast immer Sportliches zum Inhalt hatte, manchmal sogar scheinbar Verblüffendes, was aber sportlich ganz einfach zu erklären war. Spontan suchte ich in meinem Spezialarchiv schöne Wetten-dass-Montagsthemen heraus, um die Kolumne komplett damit zu füllen, doch dann, nach Schlaf und Traum, im Mondenschein, klicke ich als erste Tagesmaßnahme wie immer in die dpa-Meldungen der Nacht … und lese, dass sich Wetten dass nur aus Österreich verabschiedet hat und die wirklich letzte Sendung erst am 13. Dezember kommen wird. Da mache ich aus dem Blog halt wieder einen Stein(es)bruch für die Kolumne und beame die gestern gesammelten “Anstoß”-Relikte in diesen Sonntagfrühmorgenblog … Moment, das bedarf einiger Tastendrückereien … voila:

 

Was wäre Gottschalk ohne Sport, und was die »Montagsthemen« ohne »Wetten dass«. Natürlich gab’s auch ein paar außersportliche Absonderlichkeiten, zum Beispiel das Kleidchen von Sarah Connor (nicht sexy, sondern ziemlich daneben). Oder das Unsensibelchen Gottschalk selbst, dem wie »Kaiser Franz« niemand etwas krumm nimmt, selbst wenn er über ein Spülmittel sagt, schlichte Gemüter würden »Reini« für ein Gleitmittel halten. (2002)

 

Erwarten mich schon am frühen Schreib-Morgen die ersten lustvoll-schaudernden Leser-Anfragen: »Wetten, dass« gesehen? Den unglaublichen Boris und sein oberpeinliches Hochzeitsversprechen? Daneben die Braut, die das unwürdige Spektakel sogar zu genießen schien? (2009)

 

Gottschalks Witze sind oft buchstäblich gleichen Geistes Kind. Einmal fragte ihn Robbie Williams: »Hast du auch Haare auf der Brust?« Gottschalk: »Nee, erst ganz weit unten.« Ach, Tommie, dafür lieben wir dich. Kindische müssen zusammenhalten. * Manchmal gelingen ihm auch hinterlistiglustige Gags, aber die verpuffen, so wie vor fünf Jahren, als er schon einmal in Halle zu Gast war und behauptete, Händels Denkmal dort erinnere daran, dass er hier den ersten Wienerwald eröffnet hat (wann fällt der Groschen?). * Auch eine schöne Geschichte: Als Gottschalk bei einem Lufthansa-Flug auf die Toilette musste, hatte sein Vorgänger diese total verdreckt hinterlassen. Unsereiner würde sofort angeekelt rausgehen und bis zur Landung eisern die Pobacken zusammenkneifen. Kann sich ein Gottschalk nicht leisten: Er putzte und schrubbte das Klo von oben bis unten, bis es wieder picobello aussah. Denn hätte er das nicht getan, sagte er, hätte der nächste Klo-Besucher die Bescherung mit seiner Digitalkamera geknipst und die Aufnahme verkauft: »So sieht ein Klo aus, wenn Gottschalk drauf war.« (2011)

 

Thomas Gottschalk ist ein Guter. So schlau, wie Harald Schmidt sich fühlt, so klug, wie Günther Jauch gilt (oh, war das grammatisch richtig?). Einziger Kritikpunkt: Vielleicht ein bisschen zu selbstverliebt. Aber was er im Fernsehen macht, macht keiner besser. Lanz wird ein Flop, der »Wetten dass« schon längst ohne Gottschalk geworden wäre, weil im Prinzip Schnarchfernsehen mit Promi-PR und Gabelstapler-Irrsinn. (2012)

 

Wir erinnern uns an Gießens »Mister Volleyball« Burkhard Sude, der vor vielen Jahren im Alleingang eine ganze Bezirksliga-Mannschaft besiegte – da staunte der Laie, der Fachmann wunderte sich, und die »Wetten daß«-Geschichte hatte ihren bis heute unübertroffenen Sportwette-Höhepunkt.

“Letztens musste ich aber noch mal daran denken. Im Flugzeug nach Berlin habe ich Roberto Blanco getroffen. Der war damals mein Wettpartner. Er hat mich sofort wiedererkannt, nach mehr als 20 Jahren. Fand ich einen schönen kleinen Sieg für den Volleyball.«

 

Deutschland diskutiert, sitzt mit dem Rücken zur Wand. * Wer »Wetten dass« nicht gesehen hat: Bei der isometrischen Kraftausdauerübung, auf einem nicht vorhandenen Stuhl zu sitzen, »versagten« Gewichtheber Weller und Ex-Kugelstoßer Günthör kläglich gegen einen Hobby-Sitzer, einen Langläufer und gegen die Boxerin Halmich. Haben Sie’s auch versucht, liebe Leser? Haben Sie auch länger ausgehalten als die beiden Schwergewichtler? Sicher doch, oder? * Denn es verwundert nicht, dass die Isotoniker Weller und Günthör schlapp gemacht, sondern nur, dass sie überhaupt mitgemacht haben, obwohl sie doch allerheftigst verlieren mussten. * Denn bei der aktiven Arbeit des Muskels gibt es zwei verschiedene Formen: die isotonische (dynamische) und die isometrische (statische) Kontraktion. Isotonisch ist ein Muskel tätig, wenn während der Kontraktion Arbeit im physikalischen Sinn geleistet wird, wenn also eine Last über eine bestimmte Strecke bewegt wird. Isometrisch ist die Kontraktion, wenn der Muskel lediglich Spannung entwickelt, ohne einen Weg zurückzulegen. * Und darum hatten Weller und Günthör keine Chance: Im Sarkoplasma des Muskels ist ein roter, dem Hämoglobin des Blutes verwandter Eiweißstoff in unterschiedlichen Mengen enthalten. Dieser Eiweißstoff, das Myoglobin, ist deshalb für die Rot- bzw. Weißfärbung der verschiedenen Muskelfasern verantwortlich. Die roten, viel Myoglobin enthaltenden Muskeln ermüden nur langsam, während die weißen, wenig Myoglobin enthaltenden zwar schneller zur Kontraktion kommen, aber rascher ermüden. Nach Untersuchungen an Tieren hat man bereits 1919 festgestellt, dass sich die Muskulatur nach einer längeren Trainingsphase an die jeweilige Belastungsart anpasst. Demnach haben Explosivsportler, also Sprinter, Heber oder Werfer, vorwiegend weiße, Ausdauerleister aber rote Muskelfasern. * Zwangsläufig musste der hochspezialisierte Isotoniker Weller als Erster aufgeben (je besser er spezialtrainiert ist, desto früher). Zwangsläufig gab Günthör als Zweiter auf, weil er zwar auch ein »weißer« Muskeltyp ist, aber schon lange nicht mehr im Hochleistungstraining, so dass sich wieder »Rotes« gebildet haben dürfte. Und daher machten die Boxerin und der Langläufer natürlich die beste Figur, da sie in ihrem Sport mit den Beinen keine einmalige Explosiv-Höchstleistung vollbringen, sondern über viele Minuten hinweg Spannung im submaximalen Bereich halten müssen.

 

Ein Mann tritt auf, zieht sich ein Kondom über den Kopf, setzt einen Hut auf, bläst den F. mit der Nase auf und hängt den Hut, der auf dem senkrecht erigierenden P. schwebt, auf einen Haken (was leider misslingt, ooooch). * Dazu muss ich Verschiedenes anmerken. Erstens: Seit der F. und der P. gesellschaftsfähig geworden sind, darf jeder das Kondom in den Mund nehmen, während F. und P. noch Pfui-Wörter waren. Gut so. Ein in der gesellschaftlichen Entwicklung leicht Zurückgebliebener wie ich nimmt aber eher irritiert zur Kenntnis, wenn ein kleines Mädchen in der ersten Reihe, brav neben Mama sitzend, begeistert in die Händchen klatscht, wenn Papa auf der Bühne einen Pariser mit der Nase aufbläst (na gut, hier auch das F.-Wort: Frommser)

 

Wer hat die größte, atemberaubendste Leistung des Wochenendes vollbracht? Steffi? Martin? Nein, Ricco! Nicht Ricco Groß, der Biathlet, sondern Ricco, der Borded Collie von »Wetten daß«. Phänomenal, wie dieses Genie von einem Hund 75 Spielzeuge unterscheiden und apportieren kann.

 

Schon bei der Auswahl hatte ich große Lust, daraus die “Montagsthemen” zu konzipieren und komprimieren. Warte ich halt ein Weilchen, lasse die Bruchstüclke im Blog ruhen und behaue sie nach dem 13. Dezember. Für morgen nehme ich nur, als alter Besserwisser, die Voraussage mit rein, dass es mit Gottschalks Abtritt auch mit der Sendung vorbei sein werde.

Noch eine Unkerei kommt rein: Was ich bei Di Matteos Antritt auf Schalke geschrieben habe. Außerdem, warum die Überfußballer aus München aus dem Fußball erst “richtigen” Sport gemacht haben. Vielleicht auch zwei aktuelle Klo-Geschichten, wobei manche meinen könnten, diese Art Humor sei meine Gemeinsamkeit mit Gottschalk: Entweder spätpubertärer Sexwitz oder frühkindliches Kackikacki. Eine meint es jedenfalls. Die Allerliebste der liebsten Zielgruppe. Da kommt sie. Kaffeee, Kuchen … ja, auch Knicks. Dann ist ja alles gut.

 

Baumhausbeichte - Novelle