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Sonntag, 9. November, 11.10 Uhr

Elf Uhr zehn. Beginnt in einer Minute der Karneval? Keine Ahnung. Geht aber bestimmt schon im November los. Wetten, dass?! Und wetten, dass es weder Gottschalk noch Kackikacki-Humor in die “Montagsthemen” geschafft haben (ohne – da nur rhetorische Wette, weil in “gw-Beiträge Anstoß” schon online überprüfbar -  Frage- und Ausrufezeichen, nur mit Punkt:). Der “Garaus” hat mich über die Brüder Grimm weitschweifig abschweifen lassen (früher hätte ich “abgeschwiffen” geschrieben, aber dieses ebenfalls sehr kleine Gagchen habe ich mir ja nach Dauergebrauch untersagt), und dann kam noch die erhellende Mail von Leser Streiber (siehe “Mailbox”) zum aufgewärmten und abgewandelten Ziegen-Problem vom “Sport-Stammtisch” dazwischen, schon war die Kolumne randvoll.

Ob auch das Boot randvoll ist? Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, die australische Variante des Flüchtlingsproblems zu thematisieren: die rigorose Ankündigung, über youtube in vielen Sprachen auch an Fluchtwillige in deren Heimatländern gerichtet, alle aufgegriffenen Flüchtlinge gnadenlos aus Australien fernzuhalten, koste es, was es wolle, auch Menschen. Ich wollte ungefähr so argumentieren: Wenn es stimmt, wie australische Regierungsstellen behaupten, dass seit dieser Ankündigung niemand mehr auf See gestorben sei und dass der Staat 2,5 Milliarden eingespart habe, dann wäre das doch die verantwortungsethisch beste Lösung, mit der auch Gesinnungsethiker einverstanden sein müssten, wenn die eingesparten 2,5 Milliarden (Milliarden!) in vernünftige, wirksame humanitäre Projekte investiert würden, um die Lebensbedingungen der heute noch Fluchtwilligen in ihren Heimatländern zu verbessern, statt diese Länder durch den Verlust meist junger und tatkräftiger und vergleichweise nicht armer Menschen  (wer wagt sonst solch eine gefährliche Flucht bzw. kann sie sich leisten?) in Agonie ausbluten zu lassen. Ich habe es aber gelassen, nicht nur wegen des fehlenden Platzes, sondern weil ich für mich die Unterscheidung in Gesinnungs- und Verantwortungsethiker überdenken will, ebenso den Gutmensch-Schmäh. Es ist schließlich alles viel komplizierter, als ich es gerne plakativ runtergeplättet ausdrücke. Man sollte vielleicht nur unterscheiden zwischen Menschen, die ihre ihnen guttuende ethische Gesinnung vereinbaren können mit der, falls umgesetzt, auch sie schmerzenden Verantwortlichkeit für  Folgerungen und Kosten  in der Lebenswirklichkeit, und den beiden anderen gleichartig egozentrischen Gruppen, von denen eine ohne Rücksicht auf die Folgen auf ihre Gutgesinntheit pocht, während die andere inhuman gesinnungslos auf der reinen, kalten Vernuft beharrt. Aber selbst in einem solchen parataktischen Satzungetüm kann ich es nicht auf den Punkt bringen, da lasse ich es lieber. Ich würde sowieso, wider besseres Wissen, behauptet jedenfalls die Liebste aus der liebsten Zielgruppe, jedem Gebeutelten, der mich flehend anschaut, sofort Asyl gewähren und ihm mein letztes Hemd schenken.

Das aber stimmt nicht. Höchstens das drittletzte. Oder viertletzte.

Baumhausbeichte - Novelle