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Montagsthemen (vom 10. November)

In diesen Tagen gibt es ja nicht nur EIN historisches Datum. Das andere: Samstag, 8. November 2014, 17.20 Uhr, Schlusspfiff in Freiburg: In diesem Moment ist der Überflieger der europäischen Meisterklasse Schlusslicht in der nationalen Fußball-Bundesliga. Sachen gibt’s.
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Vielleicht endet sogar die gesamte Saison mit einer historischen Zäsur: Durch den FC Bayern München könnte der Fußball, trotz BVB-Kapriolen,  endlich im plan- und vergleichbaren Leistungssport ankommen. An dessen Maßstäben ist eine Sportart nicht zu messen, in der, wie in DFB-Pokalspielen, immer wieder mal ein dritt-, viert- oder gar fünftklassiger Konkurrent den im Potenzial haushoch überlegenen Gegner bezwingt.
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Und jetzt: Die Frankfurter Eintracht kämpft und rackert am oberen Ende ihrer Leistungsfähigkeit, auf eigenem Platz, angefeuert vom ebenfalls kämpfenden und rackernden Publikum … und ihr wird, nach verzweifelt hoffnungslosem Widerstand, fast beiläufig spielerisch der Garaus gemacht. Man muss keinen Katz-und-Maus-Vergleich bemühen, man kann im sportlichen Bild bleiben: Eintracht Frankfurt gegen den FC Bayern München, das war wie ein Pokalspiel der ersten Runde … im Basket- oder Handball.
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Den Garaus gemacht? Kommt vom Ruf »gar aus!«. Mein uralter Begleiter »Grimm« (bzw. das Wörterbuch der – nicht nur – Märchen-Gebrüder) weiß dazu: Der Garaus verkündete »von den stadtthürmen das ende des tages«, mit dem »garaus muszten die thore gesperrt werden«. Betonung übrigens nach Belieben, wie bei »durchaus« und ähnlichen »zusammensetzungen aus zwei Wörtern, die ursprünglich gleiches tonrecht haben«.
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So, damit hätte ich den Bildungsauftrag dieser Kolumne erfüllt, vor allem mir selbst gegenüber. Man sollte ja wissen, was man da so hinschreibt. Zum Beispiel hieß es, als Di Matteo zu Schalke wechselte, das sei der größte Bundesliga-Transfer direkt hinter Guardiola. Ich fragte gleich: »Warum eigentlich? Durchaus möglich, dass Roberto Di Matteo ein hervorragender Trainer ist – doch das muss er in der Schalker Zukunft beweisen, denn seine Vergangenheit gibt dazu wenig her«. Auch das »Finale dahoam« nicht, denn zu diesem Sieg kam er als Interimstrainer wie die Jungfrau zum Kind. Außerdem geschah damals das, was so, siehe oben, dem damals »nur« haus- und noch nicht turmhoch überlegenen FC Bayern nicht mehr geschehen kann.
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Den vorschnell Hochgejubelten genauso vorschnell fallen zu lassen, dieses Schicksal blüht nicht nur Di Matteo, es ist das übliche Trainer-Los. Ebenso üblich, dass dem geschassten Vorgänger Übles nachgeredet wird (wie von Höwedes über Keller). Wäre es wirklich so, dass Keller monatelang geschlampt hätte (was ich mir nicht vorstellen kann, bei all den argusäugigen Trainingsbeobachtern), stünde Di Matteo auf verlorenem Posten, denn diese fehlenden Grundlagen könnte der beste Trainer der Welt nicht im Handumdrehen und Handauflegen wettmachen, sondern frühestens nach der Winterpause.
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Dann könnte auch die Eintracht einen fulminanten Endspurt hinlegen – falls ihr Rummenigge das anbietet, womit ich am Samstag  noch einmal unser altes Ziegen-Problem variiert hatte. Daraufhin versucht unser Leser Uwe Streiber »eine Erklärung ohne höhere Mathematik: Rummenigge zeigt Bruchhagen drei verschlossene Kuverts. In zweien steckt eine Kopie der Kolumne, in einem aber, mit Gültigkeit für das Rückspiel in München, unterschriebene und bezahlte Verträge von Neuer, Alaba, Götze, Lewandowski und Müller. Rummenigge lässt Bruchhagen wählen. Daraufhin sagt Rummenigge: Lieber Bruchhagen, du darfst erneut wählen: Auf der einen Seite der Umschlag, den du ausgesucht hast, auf der anderen Seite die beiden restlichen Kuverts. Wenn der Vertrag in einem dieser beiden Kuverts ist, dann gilt der Vertrag. Ich werde nämlich einen Brief mit der Kolumne wegnehmen. Wie groß ist nun die Wahrscheinlichkeit, dass der Vertrag in einem der beiden Briefe ist, die Bruchhagen bei der ersten Runde nicht ausgewählt hat? Was sagt jetzt der gesunde Menschenverstand. Hat das mit höherer Mathematik zu tun?!«
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Mhhhm … wohl nicht. Ich schrieb ja immer, der Grund zum Wechsel müsse in der Person des Moderators (hier: Rummenigge) liegen. Jetzt, unserem Leser sei Dank, glaube ich auch zu wissen, warum. Sie auch?
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Ob dies den Zweifeln endgültig den Garaus macht? Oder ob die Zweifler eher an eine andere Bedeutung des »Garaus« denken, die  »aus der alten deutschen trinkkunst«, den »Gar aus!«-Befehl des Ex-Trinkens. Grimm(iges) Beispiel: »der letzte becher machte dem trinker selbst den garaus wie er dem becher«.
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Dass der »Garaus« aber, so die Gebrüder Grimm, vor allem in »niedrigen pöbelreden« vorkomme, verunsichert mich. Wie oft kommt der »Garaus« in diesen »Montagsthemen« vor? Mal nachzählen. Oh. Elf Mal. Da muss ich wohl dem Garaus endgültig den Garaus machen. 13. Und Schluss.

Baumhausbeichte - Novelle