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Sport-Stammtisch (vom 8. November)

Endlich darf ich auch einmal die Sportbürokratie loben: Das deutsche Vorläufigkeits-Urteil im Falle des beinamputierten Weitspringers Markus Rehm ist ein salomonisches, also ein gutes. Er behält seinen DM-Titel, darf in Zukunft an Wettkämpfen der Nichtbehinderten teilnehmen, wird jedoch getrennt gewertet, bis eine international einvernehmliche Entscheidung fällt, ob die Prothese einen im Wortsinn unvergleichlichen Vorteil bringt.
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Da dies für unvoreingenommene Praktiker schon jetzt – und im Zuge der prothesentechnischen Entwicklung schon bald für alle – keine Frage mehr ist, wird es nur zu gemeinsam gewerteten Wettkämpfen kommen, wenn eine genormte Wettkampfprothese hergestellt werden kann, die einen fairen Leistungsvergleich ermöglicht. Da bin ich allerdings sehr skeptisch.
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Skeptisch bin auch, ob dieser Einstieg in den »Sport-Stammtisch« online viele Klicks bekäme. Sportbürokratie, Prothesentechnik, Wettkampfvergleichsmöglichkeit – damit kann man vielleicht einen Wortbandwurm erfreuen und allenfalls einen alten Hund hinter dem Ofen hervorlocken, aber keinen schnellfingrigen Netzrumwuseler vom Wegklicken abhalten.
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Doch darauf lege ich sowieso keinen Wert. Viel mehr jedoch auf meine liebste Zielgruppe, aus der zuletzt aber Kritik aufkam, wieder einmal, immer aus dem gleichen Grund: Zu viel Fußball in der Kolumne. Zur Wiedergutmachung kehre ich ihn heute besenrein raus, den Fußball.
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Überhaupt: die Leser. Sie – ja, Sie! (zum Beispiel Barbara T. aus Reichelsheim oder Brigitte L.) – schreiben mir sehr freundliche Briefe (ja, Briefe!), für die ich herzlichst danke. Einige davon stelle ich, obwohl keine Mails, fleißig abschreibend in die »Mailbox«.
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Dort steht, zum Nachlesen, auch die ausführliche Mail von Karl Nickerl (Staufenberg-Daubringen), der sich über den »Anstoß« vom Donnerstag (»Unrechtsstaat«) freut: »Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Der DDR-Sport kann nicht, wie Sie schreiben, isoliert betrachtet werden, er war in seiner Summe genauso schlecht und unmenschlich wie das gesamte System.« Unser Leser kann sich ein Urteil erlauben: »Ich, Jahrgang 1941, war von 1962 bis 1968 Geschäftsführer beim Bund Deutscher Radfahrer in der damaligen Bundesgeschäftsstelle in Gießen. Als Delegationsmitglied habe ich seinerzeit an den Verhandlungen zur Bildung einer gesamtdeutschen Olympiamannschaft teilgenommen. Ich weiß also, wovon ich rede.«
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Auch Horst Schweitzer (Wöllstadt) hat den »Anstoß«  mit Genugtuung (wieder)gelesen. Schon 1990, bei der Erstveröffentlichung, hatte er ihn »mehrfach kopiert und an alle meine Sportfreunde verteilt. Diese Aufklärung war für einige bitter nötig. Noch mal vielen Dank.«
Etwas möchte ich aber klarstellen: Ich bin kein Kommunismus-Hasser, wie Michael B., ein alter Kommunist und – dennoch – »Anstoß«-Leser, einmal vermutet hat. Theoretisch ist Kommunismus eine gute Sache. Fatal  nur, dass er in der Praxis nicht kompatibel mit der Natur des Menschen ist. Mit meiner schon mal gar nicht. Und wenn dann Zwangsbeglückung auf dem Programm steht, angeordnet und überwacht von machtgeilen Spießern, Blockwart-Charakteren, Denunzianten und Sadisten, dann hat das nichts mit der utopischen Lehre des Kommunismus zu tun, sondern mit der DDR und genau diesen Typen, die in solch einem System aufblühen. Wir Kinder der Bundesrepublik haben einfach nur Glück gehabt. Ein anderer Verlauf der Zonengrenze, und hüben und drüben wären jeweils die anderen Typen aufgeblüht. Dank den Alliierten. Danke, USA.
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Ganz anderes Thema: Als zappender Tele-Rumwuseler stieß ich gestern bei »Bayern Alpha« auf einen milde lächelnden Mathematik-Professor mit dieser frappierenden statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnung: Wenn bei einem PSA-Test 80 Prozent der Untersuchten negativ sind und 20 Prozent positiv, sind nicht 80 Prozent gesund und 20 Prozent krebskrank, sondern fast alle gesund, und nur vier Prozent haben Prostata-Krebs. Sagt der Professor. Was mich sofort an unser Ziegen-Problem erinnerte, das mich genauso ratlos und schon mehr als eine Generation von »Anstoß«-Lesern schier verrückt gemacht hat. Zur Feier des Tages (die Bayern kommen!) eine Abwandlung: Rummenigge zeigt Bruchhagen drei verschlossene Kuverts. In zweien steckt jeweils eine Kopie dieser »Sport-Stammtisch«-Kolumne, in einem aber, mit sofortiger Gültigkeit  für das heutige Spiel, unterschriebene und bezahlte Verträge von Neuer, Alaba, Götze, Lewandowski und Müller. Rummenigge lässt Bruchhagen wählen. Der deutet auf ein Kuvert. Daraufhin öffnet Rummenigge ein anderes, in dem die Kolumnen stecken, und gibt Bruchhagen die Möglichkeit, seine Wahl zu überdenken. Was macht der Eintracht-Boss? Soll er bei seinem Kuvert bleiben oder ein anderes nehmen? Ist doch egal, sagt der gesunde Menschenverstand, die Chancen stehen 50:50, egal ob er wechselt oder bei seiner Wahl bleibt. – Denkste! Wenn Bruchhagen so schlau ist, wie er wirkt, wird er wechseln und seine Chancen beträchtlich erhöhen. Warum? Weiß nicht. Hat was mit höherer Mathematik zu tun.
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Und nichts mit Fußball, die Kolumne bleibt besenrein. Dass der jährliche Frankfurter Fußballfeiertag diesmal seltsam unaufgeregt erwartet wird und dass dies eine Begleiterscheinung der turmhohen Münchner Überlegenheit ist, die selbst Superoptimisten nicht von Sensationen träumen lässt, ist daher auch ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

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