Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

„Nach-Druck“: Unrechtsstaat („Anstoß“ vom 6. November)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Ziemlich genau in der Mitte dieser Jahre fiel die Mauer. Vorher herrschte Kalter Krieg, ausgetragen auch stellvertretend von den beiden deutschen Staaten, vor allem im Sport. Nach der »Wende« folgte eine kurze Phase der Euphorie, aber schon bald wurde auch die Frage gestellt, was von der DDR bewahrenswert sei. Aktuell wird sogar in Frage gestellt, dass die DDR ein Unrechtsstaaat war. In diesen Tagen geraten Äußerungen des Bundespräsidenten in die Kritik nicht nur der Linken, die als Partei ein Mehrfach-Alias der SED ist, einer ehemaligen Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD, der jetzt in Thüringen eine freiwillige Zusammenarbeit folgen soll. Und was ist nun das Bewahrenswerte? Häufige Forderung, mittlerweile in wesentlichen olympischen Teilen (Förderungskriterien! Curling!) sogar schon teilweise verwirklicht: das angeblich so erfolgreiche DDR-Sportsystem. Das war und ist ein arger, ein ärgerlicher Triumph der Vergesslichkeit. Dagegen setzen wir noch einmal »gw«-Argumente vom 2. Oktober 1990 anlässlich der Wiedervereinigung, als schon damals erste Rufe nach »Hinüberrettung« des DDR-Sportsystems laut wurden. Titel und Fazit: »Bitte keine Wiederbelebungsversuche!« Es folgt der Originaltext.

Man lese, denke und staune: Prominente Vertreter unserer staatstragenden Parteien plädieren, vom Glanz der Medaillen geblendet oder geistig erblindet, für ein Sportsystem, dessen Erfolg nur im Rahmen eines Unrechts-Systems möglich war. Haben die großdeutschen Medaillenjäger denn vergessen, dass die DDR nur ein Sportriese auf Stelzen war, konzentriert auf wenige Spitzensportler in ausgesuchten Sportarten? Haben sie vergessen, dass viele Sportarten in der DDR überhaupt nicht vorkamen oder verkümmerten? Schauen wir uns nur einmal die Sportarten an, zu denen man einen Schläger benötigt: Tennis, Tischtennis, Badminton, Squash, Golf, Hockey, Eishockey – was hatte die DDR hier zu bieten? Nachahmenswert?
*
Wissen sie denn nicht, dass die DDR-Trainer und -Sportwissenschaftler nicht besser als andere waren, sondern nur die schlechteren Lebensbedingungen in der DDR zu ihrem Besten nutzen konnten? Wenn eine 18-jährige Bundesdeutsche nach Mallorca wollte, musste sie ein paar Monate sparen, die Gleichaltrige aus der DDR aber jahrelang hart trainieren, denn nur der Erfolg im Sport konnte Auslandsreisen und einige – an bundesdeutschen Maßstäben gemessen bescheidene – Lebensstandard-Vorteile verschaffen. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass die hochgelobte Talentförderung in Wahrheit eine Talent-Zwangsrekrutierung war? Wenn bei einem Zwölfjährigen die Handgelenksvermessung ergab, dass er im Diskuswerfen eine bessere Perspektive als im Handball hatte, dann musste er Diskuswerfer werden, und wenn er noch so gerne Handball spielte. Nachahmenswert?
*
Wissen sie denn nicht, dass eine Kosten-Nutzen-Rechnung den DDR-Sport an das Ende einer Weltwertung stellen würde? Hinter einer DDR-Medaille stehen so viele Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler wie in der Bundesrepublik hinter zehn und mehr Medaillengewinnern. Nachahmenswert?
*
Wissen sie denn nicht, dass das DDR-Sportsystem kein Prachtstück, sondern ein Sargnagel des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden war? Und nicht nur ein Sargnagel, sondern der Henker des Sports in der DDR überhaupt! Denn im Sport kann Spitzensport immer nur den kleinen, spektakulären oberen Bereich abdecken und muss auf dem Breitensport basieren. Im DDR-Reagenzglas ließ die SED aber einen künstlichen Staatssport mixen und mit einer sportlichen Genmanipulation das Horrorgebilde DDR-Spitzensport entstehen, während der gesamte Breitensport wegrationalisiert wurde. Nachahmenswert?
*
Die DDR ist zusammengebrochen, mit ihr der DDR-Spitzensport. Da ist nichts mehr zu retten, auch nichts hinüberzuretten. Der DDR-Sport kann nicht isoliert betrachtet werden, er war in seiner Summe genauso schlecht und unmenschlich wie das gesamte System. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle