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Montagsthemen (vom 3. November)

Der geballten Kraft dieser Masse an außergewöhnlicher Qualität konnte Dortmund nur eine Halbzeit lang widerstehen, und das auch nur rein ergebnismäßig. Wenn jetzt auch noch Reus … halt. Hier kein Klagelied über die bösen Bayern. Nur der werfe den ersten Stein, der nicht jubiliert, wenn »sein« Verein dem BVB nacheinander Götze, Lewandowski und, nun ja, auch noch Reus wegkauft, und sei es nur, weil er’s kann. Eintracht-Fans zum Beispiel, die würden im Freudentaumel delirieren und Bruchhagen heilig sprechen.
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Ach ja, die Frankfurter Eintracht. Links und rechts vom Main beginnt schon wieder das masochistisch lustvolle Paniken. Jetzt weiß ich aber auch, woher diese kollektive Panik kommt: Sie verbreitet sich »ähnlich wie Viren« (»FAS«). Fatal nur, dass es gegen das Paniken-Virus keine Schutzimpfung gibt.
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Panik ist »eine plötzlich einsetzende intensive Angst, bei der die Betroffenen eine katastrophale unmittelbare Gefahr fürchten, ohne dass diese wirklich vorliegt«, zitiert die Wissenschafts-Seite der »FAS« den Bochumer Jürgen Margraf, einen Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Der denkt dabei weder an die Eintracht noch an den BVB, aber bei beiden denkt man an Panik. Fatal, wenn dieses Virus auch die Spieler befällt. Vor allem in Dortmund liegt keine unmittelbare Gefahr vor (die in Frankfurt jedoch eine chronische ist), aber wer weiß, was geschieht, wenn in einem potenziellen Champions-League-Finalisten unterschwellig die Panik wächst. Womöglich als sich selbst erfüllende Abstiegs-Angst. Unvorstellbar? Ja. Aber gerade das ist die Gefahr. Dortmunds Weg wird kein leichter sein.
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Noch mal zu Götze/Lewandowski/Reus (das Fragezeichen beim Letztgenannten denke sich, wer will): Profis und Vereinsbosse sehen diese Dinge viel sachlicher als die Fans, und vor allem viel sachlicher, als sie in ihren öffentlichen Statements wirken wollen (Watzke!). Für 99,9 Prozent der (wenigen überhaupt in Frage kommenden) Profis ist ein Vertrag bei den Bayern das größtmögliche Statussymbol überhaupt, sie würden von den Mitprofis nicht verteufelt, sondern beneidet.
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Welcher Lohn bleibt den Vereinstreuen, den mit ihren Klubs Herzensinnigen? Im besten Fall werden sie unsterblich, indem ihnen eine eigene Straße gewidmet wird. Wie Moritz Stoppelkamp in Paderborn. Nach seinem 82,3-Meter-Tor gegen Hannover wurde eine genau 82,3 Meter lange Straße hinter dem Stadion in Stoppelkamp-Allee umbenannt. Auch nicht schlecht, oder? Lohnt sich Vereinstreue also doch? Mal nachschauen im Spieler-Steckbrief Stoppelkamp. Stationen: Viktoria Buchholz, MSV Duisburg, Fortuna Düsseldorf, Rot-Weiß Essen, Rot-Weiß Erfurt, Rot-Weiß Oberhausen, Hannover 96, 1860 München … und dann erst: SC Paderborn. Was den Götzes recht ist, muss den Stoppelkamps … billig sein.
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Alles Fußball oder was? Nein. Basketball: Zu meinen kleinen Freuden gehört es in der NBA-Saison, wenn Überschriften nach jedem Spiel der Dallas Mavericks eine Serie beginnen oder enden lassen. Gestern zum Beispiel beim Sport-Informationsdienst (sid): »Nowitzkis Mavericks starten eine Serie.« Weil sie nach Auftakt-Niederlage und Sieg im zweiten Spiel auch das dritte gewonnen haben. Tolle Serie. Fast genauso viel Freude macht mir,  wenn Vornamen sprachmächtig variiert werden, wie bei Nowitzki, der  seltener »Dirk« als »Superstar« heißt.
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Bei Pechstein trifft der Vorname »Superstar« die eingebildete Sache aber eher als das simple »Claudia«. Dass sie mit ihren 42 Jahren immer noch zur Weltklasse gehört, ist aller sportlichen Ehren wert. Am anderen Ende der Ehrenskala steht aber ihr großkotziger Allmächtigkeitsanspruch, artikuliert in ihrem ärgerlichen Unverständnis über den Eisschnelllauf-Sportdirektor Günter Schumacher: »Der ist immer noch im Amt, obwohl ich ihm mehrfach den Rücktritt nahe gelegt habe.«
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Jedenfalls leidet Megastar Pechstein nicht »an sich verstärkenden Selbstzweifeln« (»taz«) wie Borussia Dortmund. An denen leidet auch Jürgen Klopp, was ihn (noch) sympathischer macht, denn im tiefen Tal des Frustes schlägt er nicht wild um sich, sondern wirkt glaubwürdig demütig. Selbst eine anhaltende Hilflosigkeit leugnet er nicht, deren Eingeständnis – eine Todsünde in diesem Macker-Business – bei jedem anderen Trainer zur sofortigen Entlassung führen würde (noch ein Sympathie-Punkt für den BVB).
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Allerdings greift Klopp in seiner Hilflosigkeit nach einem Strohhalm, wenn er glaubt, »dass das Leben gerecht ist. Und wenn man sich im Erfolg schlecht verhält, glaube ich, dass das irgendwann zurückkommt.«
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Das Leben ist gerecht? Wer sich im Erfolg schlecht benimmt, wird das büßen? Bayern hin, München her: Die Lebenserfahrung der meisten Menschen ist eine andere. Auch daher glauben und hoffen viele, dass erst das nächste Leben Gerechtigkeit und Buße bringen wird. Aber das wäre für den BVB zu spät und ist sowieso ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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