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Sport-Stammtisch (vom 1. November)

Unglückszahl der Woche: 49. So viele Polizisten wurden in Köln von einem Doppel-Mob verletzt. Unter den hohlen Hools und extremen Rechten gab es offenbar keine Verletzten. Nach ihrem Selbstverständnis haben sie also 49:0 gewonnen. Dass das Verhältnis umgekehrt sein müsste, hat nichts mit Hooligans und Rechtsextremen zu tun (schließlich gibt es bei 1.-Mai-Randalen ähnliche Verhältnisse wie beim 49:0), sondern ausschließlich mit dem Gewaltmonopol des Staates zum Schutze der Gesellschaft.
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Paradox auch, dass Hools und Rechte den »schwachen« Staat gerade deswegen verachten, weil er sie nicht vermöbelt, sondern sich vermöbeln lässt. Tut Ihnen doch endlich den Gefallen! Versöhnt sie mit der Gesellschaft!
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Am Ende der Kölner Randale schallte Musik aus den Lautsprechern, die deeskalierend wirken sollte. Ein Pianist, der in selbstgestelltem Friedensauftrag die Brennpunkte des »Tagesschau«-Geschehens bereist (Kundus, Maidan, Taksim), spielte »Atemlos« von Helene Fischer. Deeskalation? Ich kenne den einen und die andere, die bei »Atemlos« schnappatmend erst so richtig aggressiv werden.
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Das sind aber keine Nationalspieler. Die lieben ihre Helene Fischer. Sie liebten aber auch Xavier Naidoo, ihre Helene des »Sommermärchens«. Naidoo sprach am Tag der Deutschen Einheit vor den rechtskonfusen »Reichsbürgern«, was ihm viel aufgeregte Kritik einbrachte. Ach, bitte nicht. Tiefer hängen! Naidoos verquaste Gedanken und Texte sind doch nicht ernst zu nehmen. So hat er sich schon einmal zum Rassismus bekannt, aber »ohne Ansehen der Hautfarbe«, und mit den »Reichsbürgern« teilt er die Überzeugung, dass noch die Gesetze des Deutschen Reiches gelten, da die Bundesrepublik mangels Friedensvertrag nicht existent sei. – Gesetze des Deutschen Reiches? Naidoo und die Kölner Chaoten, die ähnlich denken, würden sich wundern. Legendäre Anweisung von Gustav »Bluthund« Noske (SPD!) vom 9. März 1919: »Jede Person, die, mit der Waffe in der Hand, gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.« Da sind mir unsere Gesetze doch lieber. Aber man sollte sie auch anwenden.
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Jene US-Amerikaner bleiben in jedem Fall straffrei, die im Berliner Olympiastadion den Führerbalkon an der Haupttribüne neu aufbauten. Die Täter sind des Rassismus und Neonazismus unverdächtig: Sie kommen aus Hollywood und drehen in Berlin einen Film über Jesse Owens.
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Obwohl … kurze Rückblende. Nach der Black-Power-Demo bei Olympia 1968 schimpfte ein prominenter US-Bürger: »Diese zornigen jungen Männer schwarzer Hautfarbe heizen das Klima an. Sie sind berufsmäßige Hasser. Wenn sie nicht ihren Willen kriegen, werfen sie Bomben.« – Wer sagt denn so etwas? Jesse Owens! Der war übrigens auch ein notorischer Aufreißer. Auf die Frage, warum er immer nur die weniger hübschen Mädchen bei Partys abschleppe, gab er die umwerfend ergebnisorientierte Antwort: »Ihr geht mit euren aus, ich geh mit meinen ins Bett.«
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Pep Guardiola hatte weder das eine noch das andere im Sinn, als er Bibiana Steinhaus antatschte. Die Szene, wie »Bibi« die Hand von »Pep« unwirsch wegwischt, wird in jedem Jahresrückblick auftauchen. Aber schauen Sie dann mal zu Thomas Müller, der daneben steht – dem legt sie gleichzeitig sanft die Hand auf die Hüfte …
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Schnell ein ganz anderes Thema. Otto A. Böhmer, auch als »Anstoß«-Autor langjähriger Wegbegleiter der Frankfurter Eintracht, macht sich »allmählich Sorgen«. Nicht nur, weil »diese Mannschaft kaum noch Identifikations-, geschweige denn Inspirationspotential bietet und zum Teil ratlos zusammengekauft wirkt«, sondern auch, weil »diese Eintracht merkwürdig rumpelig, ja: systemlos (??) spielt. Wenn man Schaaf zudem an der Außenlinie beobachtet, wo er, anders als zu seinen stoisch-ruhigen Bremer Zeiten, von spätem Bewegungsdrang erfasst wird, könnte der Verdacht, ihm setze insgeheim bereits Konzept- u. Ratlosigkeit zu, womöglich gar nicht so abwegig sein.«
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Otto A. Böhmer merkt auch an, Marco Russ »sollte von Bruchhagen einen Anschiss bekommen, seine Bemerkung in Richtung Jürgen Grabowski war absolut ungehörig«. Was hat Russ gesagt? Im Frust über eine »Bild«-Kolumne der Eintracht-Ikone: »Es bringt nichts, wenn so ein Voll-Experte wie Grabowski, der 1920 Fußball gespielt hat, sein Maul aufmacht.«
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Tja. In der Tat ungehörig. Und ungeschickt. Und unklug. Man beleidigt einen Grabowski nicht. Obwohl der Ärger über manchen anderen altvorderen »Vollexperten, der 1920 Fußball gespielt hat«, durchaus nachzuempfinden ist. Mittlerweile hat sich der Fußball zu einem echten Hochleistungssport entwickelt, den selbst herausragende Ex-Fußballer nicht mehr verlässlich fachlich kommentieren können, wenn sie nicht am Ball geblieben sind, zum Beispiel durch intensive Trainingsbeobachtung und neu zu erwerbende Kenntnisse über Trainingslehre und moderne Spielstrukturen.
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Das ändert aber nichts daran, dass Russ ungehörig, ungeschickt und unklug gesprochen hat. Man sagt nicht unbedacht alles, was man denkt. Absolute Ehrlichkeit gibt es nur in der geschlossenen Anstalt. Zu ergänzen wäre, auch in Bezug auf diese Kolumne (Helene F.!): »Absolute Einmütigkeit gibt es nur auf dem Friedhof« (Karl Marx). Hurra, wir leben noch! (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle