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Verletzungsbereitschaft (“Anstoß” vom 30. Oktober)

Mit den Verletzungen im Profifußball ist es ein Kreuz. Nicht nur, aber vor allem mit dessen Band. Doch nicht nur gerissene Kreuzbänder sind ein Gräuel, auch Sehnen (Beispiel: Patella am Knie) und Syndesmosen an Arm und Bein zwicken oder reißen gar. Diese Verletzungen gab es schon immer, manche wurden allerdings, wie bei der Syndesmose (deutsch: Bandhaft), erst durch moderne Methoden diagnostizierbar.
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Nun ist es im außersportlichen Bereich gang und gäbe, dass moderne Zeiten von modernen Malaisen begleitet werden. So nimmt am Jahresende die Champagnerkorkenblessur am Auge stark zu, auch das »Beefburgersyndrom« wurde schon in der medizinischen Fachliteratur dokumentiert – die Häufung von Verletzungen durch unvorsichtiges Hantieren mit dem Küchenmesser beim Trennen von gefrorenen Hamburger-Scheiben. Der Vollständigkeit halber sei auch noch einmal die legendäre Doktorarbeit über »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern« erwähnt.
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Aber im modernen Sport lauern andere Gefahren. Heftig diskutiert wird die Frage, warum es zu der Häufung von Verletzungen kommt. Mehrheitsmeinung: Überlastung durch zu viele Spiele und zu wenig Erholung. Meine Minderheiten-Ergänzung: Stimmt, aber gepaart mit zu wenig Aufbautraining und zu vielen außersportlichen Belastungen. Aber das ist heute nicht unser Thema. Sondern: Warum sind einige Profis oft, andere fast nie verletzt?
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Professor Armin Klümper, der seit Jahren im Ruhestand in Südafrika lebt, war nicht nur ein höchst umstrittener Freiburger Sportmediziner, sondern auch Mentor einiger der bekanntesten deutschen Sportärzte (hier keine Namen, denn der eine oder andere Promi des Metiers will heute nichts mehr davon wissen). Klümper galt zwar als Spritzenarzt, aber vor allem war er ein Spitzenarzt – Leistungssportler, die sich mehr als andere mit ihrem Körper und seinen Verletzungsmöglichkeiten beschäftigen, erkennen und spüren das besser als andere, zum Beispiel viel besser als manch kritischer Sportjournalist.
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Bereits im November 1980 schrieb Klümper für unsere Zeitung einen Exklusivbeitrag, den wir auf einer Sonderseite veröffentlichten: »Über die besondere Gefährdung des Bewegungsapparates im Leistungssport«. Darin nahm er schon fast alles vorweg, was heute Maßstab für Prävention und Rehabilitation ist, weit jenseits seines Donnerhall-Rufes vom Spritzenarzt mit dem »Klümper-Cocktail«. »Es gibt geradezu klassische, immer wiederkehrende Verletzungen, die ausschließlich auf unphysiologische Bewegungsabläufe zurückzuführen sind«, teils durch »insuffiziente Technik«. Nur zwei Beispiele: Der »Tennis-Ellenbogen« tritt »nahezu ausschließlich primär auf, wenn nicht konsequent mit gestrecktem Ellenbogen gespielt wird«, oder im Fußball »Pressschläge, die mit dem Innenrist erfolgen«.
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Aber ist wirklich alles Physiologie? Spielt nicht auch die Psychologie eine wichtige Rolle? Das ist jedenfalls die Überzeugung eines ehemaligen Physiotherapeuten aus der Fußball-Bundesliga. Seine Philosophie, die er für uns schon einmal zusammengefasst hatte: »Jede Verletzung ist letztendlich vermeidbar. Schicksalhaftes Pech gibt es dabei nicht, sondern nur ganz bestimmte Faktoren, die einen Körper oder Körperregionen verletzungsbereit machen – und dann kommt eben irgendwann dieser eine Schritt, dieser eine Körperkontakt, der dies alles zum Ausbruch bringt«.
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Jener »Physio«, der aus dem Mittelhessischen stammt, möchte »nicht in die esoterische Schublade gesteckt« werden, daher spricht er über sein »Stichwort Organsprache« und den »geistig-seelischen Zusammenhang mit einem körperlichen Defekt« nur sehr vorsichtig. So stehe das Kniegelenk in dieser Organsprache »für das Selbstverständnis, für das Ego, für den eigenen Stolz«. Wenn ein Nationalspieler aus der Bundesliga bei einem seiner Vereine Stress hatte, »endete das bei ihm immer im Knieschmerz. Er könnte sich ja auch einen Muskelfaserriss holen, oder die Achillessehne könnte reißen – aber es ist immer das Knie.«
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Daher beobachtete dieser Physiotherapeut aufmerksam, ob einer seiner Spieler nicht unbewusst in das zu ihm passende Krankheitsbild flüchtete. Er wollte helfen, »aus dieser Stress-Situation herauszukommen. Es ist erstaunlich, warum welche Spieler immer wieder mit den gleichen körperlichen Beschwerden reagieren. Da gibt es keine Zufälligkeiten.«
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Diese Psychosomatik (leib-seelische Wechselbeziehung), oder jene Theorie der unphysiologischen Bewegungsabläufe, oder die Überlastung, das Missverhältnis von Aufbau(-Training) und Raubbau, was führt letztlich in die Verletzung(sbereitschaft)? Vermutung: Alles hängt mit allem zusammen, und dann kommt auch noch der Zufall dazu. Es gibt eben keine Patentrezepte. Nicht einmal im Fußball. Das ist kein befriedigender Schluss, ich weiß. Aber das ist das Leben. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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