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Sonntag, 26. Oktober, 6.25 … 4.25 Uhr!

Es dämmert noch nicht, obwohl es längst dämmern müsste, daher dämmert mir: Ich erfülle gerade eben alle Klischees und faulen Witze über die alljährlichen persönlichen Probleme mit der Zeitumstellung. Auf meiner Uhr ist es jetzt jedenfalls kurz vor halb sieben, ich habe sie gestern abend rechtzeitig umgestellt, doch auf der Leiste unten am Computer steht … mal kurz hinschauen … im Moment genau 4.30 Uhr. Gestern war es also um diese Uhrzeit … halb sechs? Oder täuscht sich der Computer? Nein, ich glaube nicht. Denn was ich weiß: Nach der Zeitumstellung wird es früher dunkel. Und wird früher hell. Ist aber noch stockdunkel. Oder wie oder was. Wenn ich weiter nachdenke, weiß ich gar nichts mehr.

Was weiß denn ich? Ich weiß, dass heute der Tag des Herrn ist. So heißt er auch bei den Griechen: Kiriaki. Nicht Kikeriki. Von Kirios, der Herr. Alles in Lautschrift geschrieben. In echt stecken im Kikeriki, quatsch, im Kiriaki drei der fünf griechischen Schreibweisen für das “i”: Kupiakn, mit der Betonung auf dem “n”. Bei dem “n” müssen Sie sich den zweiten senkrechten Strich verlängert vorstellen, dann ist es das “ita”, das man aus dem Kreuzworträtsel als “eta” kennt (“siebter Buchstabe des griechischen Alphabets”). Das “u” ist das griechische Ypsilon, wird aber genauso als “i” gesprochen wie das auch mitten im griechischen Sonntag geschriebene “i” (Iota). Dazu gibt es das “i” noch … Moment, draußen hält ein Auto … hat sich der Zusteller der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ebenfalls bei der Zeitumstellung geirrt? Oder haben wir uns beide nicht geirrt, sondern der Computer? Ich glaub, ich spinne … also, dazu gibt es das “i” noch als “oi” und als … Mist, jetzt habe ich das fünfte griechische “i” vergessen. “Oj”? Oje. Oherr. O Tag des Herrn. O kiriaki. Nein, heißt ja “i Kiriaki”, “o” ist “der”, “i” ist “die”, das Geschlecht erkennt man an der Endung, weiblich meist “i(ta)” (aber auch “a”), männlich “os” (oder auch “as”), der Sonntag ist also die Sonntag, oder ist Sonntag eine Ausnahme, männlich, aber mit weiblicher Endung? Beim Verwirrspiel fällt mir auch das fünfte griechische “i” ein: “ei”. Jetzt hammers. Kleine Zusatzverwirrung: Der Kiriaki-Sonntag schreibt sich griechisch, wie oben gesehen, “kupiakn” (mit dem langen zweiten n-Bein), denn das griechische “r” (= rho) wird groß und klein wie das deutsche “p” bzw. “P” geschrieben (was manche verwirrt, wenn auf  ihrer Flasche Retsina “Petsina” steht).

So, jetzt habe ich Sie hoffentlich ebenso verwirrt wie mich die Zeitumstellung. Nicht nur Sie, die Sie kein Griechisch können, sondern wahrscheinlich auch die, die es viel besser können als ich, der seit Jahren nur … wie heißt das Wort? … deliriert?… dilettiert. Bei dem Wort müssen wir Dilletanten, Dilettanten, Diletanten, Dillettanten höllisch aufpassen, wo und wie viele “l” und “t” wohin kommen.

Ich versuche es jetzt mal ernsthaft, kurz und hoffentlich richtig (ich schreibe mich ja nur warm für die “Montagsthemen”, ohne Netz, doppelten Boden, Duden und nachträgliche Korrektur). Also: Unser “i” schreibt sich griechisch auf fünf Arten (jeweils Groß- und Kleinschreibung): 1. H/n (=”i-ta”; das “H” in der Großschreibung kompliziert es noch). 2. I/i (= “iota”). 3. Y/u (=ipsilon, wobei das “u” aber, wenn es in “eu” oder “au” vorkommt, wie “f” gesprochen wird). 4. ei. 5. oi.

Sinnefiasmeni Kiriaki / piasis me tin karsia mu / pu echi panta sinnefia / Kriste ke Panagia mu.

Ich könnte auch versuchen, das in Griechenland sehr bekannte Lied von Vasilis Tsitsanis, dessen Text ich in meinem Sprachkalender gefunden habe, in griechischen Buchstaben zu schreiben, aber das ist mir jetzt zu kompliziert . Frei übersetzt bedeutet diese erste Strophe:

Trüber Sonntag / du gleichst meinem Herzen / das immer trüb ist / Mein Gott, o heilige Maria.

Die deutsche Version könnte aber auch so gehen: Mein Herz ist schwer, und trüb mein Sinn, ich sitz im goldnen Käfig drin … und wenn es im Herzen auch frisst und nagt … wenn ein Mensch verlassen ist, und er klagt, und er fragt (und jetzt alle mitschunkeln): Hast du dort oben vergessen auch mich, es sehnt doch mein Heheherz auch nach Liebe sich, du hast im Himmel viel Englein bei dir, schick doch eines davon auch zu mir. Erkannt? Hab ich als Kind auswendig gelernt, warum auch immer (seltsamer Knabe), und kann es immer noch “by heart”. Beginnt mit: “Es steht ein Soldat am Wolgastrand…”. Das Wolgalied also. Nicht das Vilja-Lied (“Vilja, o Vilja du Waldmägdelein, lass mich, o lass mich dein Trautliebster sein”. Wie gesagt: seltsamer Knabe).

Zwischen Traum und Tag, Vilja und Wolga, Kikeriki und Kiriaki, Deliriums-Delariums-Dilettantismus. Immerhin bin ich jetzt auf Betriebstemperatur (übrigens auch so ein Wort, das sich inflationär ausbreitet). Jetzt gehe ich langsam an die Montagsthemen, ohne bisher auch nur ein Wörtchen auf dem Themenzettel notiert zu haben. Na ja, wird schon werden. Wie immer. Fragt sich nur, wie es wird.

Das noch: Während bei mir immer Brechts Wort von der hochgestapelten Mittelmäßigkeit als Menetekel über meinen Texten schwebt (bzw. mich immer ermahnen soll, nicht schreibend hochzustapeln), habe ich gestern einen Brief von K.-L. R. aus Gießen abgeschrieben (war keine Mail, natürlich nicht) und in die Mailbox gestellt. Es geht um “ceterum censeo” (Sie erinnern  sich?). Wer diesen Brief liest, der weiß, was wahre, echte, nicht hochgestapelte Bildung ist.

 

Baumhausbeichte - Novelle