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Montagsthemen (vom 27. Oktober)

»Krise« ist für das, worin Dortmund steckt, schon fast ein Euphemismus, eine Beschönigung. Das Wort Krise kommt aus dem Kriesischen … quatsch, aus dem Griechischen und bedeutet im ersten Wortsinn »Urteil, Beurteilung«. Erst im dritten (jedenfalls nach meinem »Pons«-Wörterbuch) ist die Krise eine »anomale Periode«. In dieser Formulierung hilft Hölderlin dem BVB (»Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«), denn eine gefährlich »anomale Periode« deutet die Hoffnung an, dass sie nur eine Episode ist und bald Sieg-Normalität einkehren wird. Dafür gibt es keinen geeigneteren Aufbaugegner als den nächsten, denn wer slapstickartig gegen schwächere Gegner verliert, müsste doch im Umkehrfußball-Schluss knallermäßig gegen Bayern München …
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Na ja. Schluss mit albern. Auch in Frankfurt gab es eine Art Slapstickfußball, doch darüber mehr an anderer Stelle. Immer wieder abstoßend, im Wald- wie im Überallstadion: die Einpeitscher mit dem Megaphon und die Massen, die ihnen brüllend folgen. Zum Glück verstehe ich erst gar nicht, was da in die Megaphone gebrüllt (in Frankfurt eher: fürschderlisch gekrische) wird, ich höre im Geiste immer nur das Original von 1958: »Heja, heja!« Das löste zwar keinen echten, aber zumindest einen Stimmungskrieg zwischen Deutschland und Schweden aus (zur Erinnerung: WM, Göteborg, Juskowiak, Hamrin, platt gestochene Reifen etc.). Zitat aus einem zeitgenössischen Jugend(!)buch: »Göteborg glich einem Heerlager wilder Krieger, das sich zur Erstürmung einer schier unüberwindlichen Festung bereitstellte.«
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Daran muste ich denken, als ich jetzt einen Brief von E.-L. R. (Gießen-W.) las, der mir schrieb, um »Ihren Selbstvorwurf abzumildern«. Es ging um »cetero censeo« (richtig: »ceterum«), das sei kein Klops, nur ein »Klöpschen«. Es folgt eine Perle umfassender humanistischer Bildung, zu komplex, um sie in die »Montagsthemen« einzubinden, aber in der »Mailbox« von »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen. Doch zu den Einpeitschern, der brüllenden Masse und dem »Heerlager wilder Krieger« passt des Lesers  Schlusswort  zu »ceterum censeo«, Cato und dem zu zerstörenden Karthago: »Der Wahnsinn des Krieges wird für die Menschheit nie enden, weil das ›Kampfgen‹ stärker ist als jeder Firnis der Kultur und Zivilisation. Ein leichtes Kratzen an der Schutzschicht genügt auch heute noch, und der Barbar wird freigelegt.«
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Warum ich nur die Initialen nenne? Es ist der Wunsch des Lesers, denn »ich möchte mir in meinem Alter nicht mehr den Ruf eines Grammatik- oder Bildungsfreaks oder gar eines Publicity-Süchtigen einhandeln«. Respekt. Und tiefer Diener.
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Rollkunstlauf. Ich glaube, noch nie ein »Anstoß«-Thema. Manche glauben sogar, dass es diesen Sport gar nicht gibt. Aber er existiert, wenn auch nur ganz am Rande. In die Schlagzeilen, nein, das ist übertrieben, in die Schlagzeilchen kommt er jetzt auch nur mit dieser kleinen Meldung aus dem sportlichen Absurdistan: »Der italienische Rollkunstläufer Danilo Decembrini ist für zwei Jahre gesperrt worden. Bei ihm war bei einer Trainingskontrolle die verbotene Substanz Hydroxy-Stanozolol gefunden worden.« Ein Anabolikum. Im Rollkunstlauf! Stanozolol! Das Uraltmittel, von dem Ben Johnson noch heute glaubt, dass es ihm Carl Lewis 1988 in den Tee gekippt hat! Ich fasse es nicht.
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Aber ich fasse ja noch viel mehr nicht. Zum Beispiel, dass die ehemalige österreichische Justizministerin Bandion-Ortner, die im saudi-arabischen “Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog« in Wien Weiterverwendung und -versorgung fand, in einem Interview auf den Hinweis, allein in diesem Jahr seien in Saudi-Arabien 60 Menschen hingerichtet worden und besonders freitags nach dem Gebet werde öffentlich geköpft, beschwichtigt: »Ach, das ist nicht jeden Freitag!« (Quelle: FAS).
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Satzbautechnisch ist anzumerken, dass im letzten Satz ein von Mark Twain verabscheutes Gräuel der deutschen Sprache auftaucht (das Verb »beschwichtigen« folgt erst nach ellenlangen Satzgefügen). Inhaltlich denke ich eher an einen Hit aus dem Jahr 1966: »Friday on my Mind.« Darin freuen sich die »Easybeats« schon am Montag auf den Freitag. Nicht, weil dann endlich geköpft wird, sondern weil das Wochenende beginnt.
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In der Hoffnung, dass für unsere Leser die Woche nicht so beginnt wie das Lied der »Easybeats« (»Monday Morning feel so bad«), endet nicht diese Kolumne, denn an deren Schluss soll ein Satz stehen, der sie wieder zum »Anstoß«-Urzweck zurückführt, dem Sport und nichts als dem Sport. Aus dem Bericht vom Auftaktspiel der WM 1958 im »Wilde Krieger«-Büchlein: »Kraftvoll rammelt sich Uwe Seeler immer wieder durch.« Uns Uwe! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle