Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 25. Oktober)

Mit seinem berühmten Paukenschlag im zweiten Satz der 94. Symphonie wollte Haydn angeblich  das mittlerweile eingenickte Londoner Publikum aufwecken. Hätte er so viele Paukenschläge draufgesetzt wie die deutschen Bundesligaklubs in dieser Woche, wäre das Publikum nach dem Wachrütteln in Ohnmacht gefallen. Sechs Spiele, sechs Siege, sechs…undzwanzig Tore – man kann’s auch übertreiben.
*
Dass die Bayern derart göttlich spielten, dass sogar der Papst bei ihnen um Audienz bat, ist vielleicht auch leicht übertrieben (für solch einen Kalauer wird man in anderen Religionen mindestens gevierteilt, aber das nur am Rande). Dass ganz Fußball-Deutschland hofft, Mönchengladbach möge nach dem 5:0-Schlussakkord dieser deutschen Paukenschlagwoche auch den Bayern Paroli bieten, scheint dagegen eher nicht übertrieben, denn das hoffen möglicherweise sogar die Bayern, damit’s ihnen nicht gar zu langweilig wird.
*
Was die Dortmunder Gala wert ist, wird sich erst heute gegen Hannover zeigen. Die Istanbul-Methode, dem Gegner mehr Ballbesitz zu lassen, um selbst mehr Tore schießen zu können, funktioniert auch gegen schwächere Mannschaften. Man muss sie nur anwenden. Mein altes Mantra. (K)omm!
*
Noch einmal kurz zu den Bayern, bei denen einer in all den Lobeshymnen zu kurz kommt: Manuel Neuer. Zwischendurch wehrte er drei, vier Mal Bälle aus kürzester Distanz in einer Art ab, die ihresgleichen sucht. Und nicht findet. Das Spiel hätte auch 7:4 ausgehen können. Na ja, eher: 11:4. Unterschied zum WM-7:1: Brasilien erlitt einen kollektiven Nervenzusammenbruch, Rom wurde einfach  schwindlig gespielt.
*
Interner deutscher Aufreger der Fußballwoche: Bremen bittet die DFL zur Kasse. Es geht um Polizeieinsätze bei »Problemspielen«, und obwohl der Meldungs-Tenor nach Vollzug klingt, ist noch gar nichts entschieden, denn Bremen bittet nur, und die DFL sagt: Nein, danke.  Rechtlich ist die Lage verzwickt. Was sind Problemspiele? Und wer zahlt, wenn Hamburger Chaoten auf dem Weg zum Spiel nach München im Frankfurter Hauptbahnhof randalieren und ein paar Hundertschaften anrücken müssen? Bayern? HSV? Oder die Eintracht?
*
Unabhängig von der Kostenfrage: Es sind überwiegend Wohlstandsverwahrloste, die nach ihrem Spießer-Alltag den Wochenend-Kick suchen. Den sollten sie auch bekommen, aber bitte nicht nach der gängigen Formel, dass auf einen verletzten Chaoten zehn verletzte Polizisten kommen. Die Randalierer müssten schnell und schmerzhaft spüren, dass ihr Freizeitvergnügen kein Spaß ist und keinen Spaß macht.
*
Dass den Curlern die Förderung gestrichen wird, macht auch keinen Spaß. Ich reihe mich dennoch nicht bei den Empörten ein, sondern erinnere an ein anderes altes »Anstoß«-Mantra: Die Ware Sport ist nicht der wahre Sport. Aber da die Ware Sport schon längst dominiert, sogar mit großer öffentlicher Zustimmung (man denke nur an die Diskussionen, wenn Deutschland im Medaillenspiegel abfällt), ist die Streichung der Steuermittel für das medaillenchancenlose Curling nur folgerichtig. Leute! Ihr habt jetzt den Sport, den ihr gewollt und verdient habt! Meiner ist es schon lange nicht mehr.
*
Aber es gibt ein Patentrezept für alles: Bayern, Papst, Bremen, Problemspiele und Curling. Der Papst könnte mit der Million, die ihm die Bayern durch ein Benefizspiel schenken wollen, ein Jahr lang die Bremer Polizei-Einsätze sowie den gesamten Curling-Etat finanzieren. Noch besser wäre es aber, wenn Bayer Leverkusen dies übernähme. Mit den 16 Millionen, die der Klub nun löhnen muss, könnte man alle Problemspiel-Einsätze der Saison bezahlen, Curling für Jahrzehnte zum Goldgaranten aufrüsten und nebenbei noch meine Rente bis zum Lebensende verdoppeln. Mindestens.
*
Und die 20 000-Euro-Strafe für jenen russischen Tennisfunktionär mit dazu, der mit seinem sehr schwachen Witz von den »Williams-Brothers« offenbar eine weltsportpolitische Krise ausgelöst hat. Erinnern sie sich an die »Press-Brothers«? Irina und Tamara, mehrfache russische Goldmedaillengewinnerinen, wurden von uns im Westen unwidersprochen »Press-Brothers« genannt. Als Sextests eingeführt wurden, verschwanden sie von der Bildfläche, blieben aber in der UdSSR hoch geehrt. Jetzt jedoch soll die IOC-Ethikkommission den »Williams-Brothers«-Fall übernehmen, den Serena Williams einen sexistischen und rassistischen nennt. Was der viel bessere Witz ist, denn alleine mit Serenas weiblichen Anteilen könnte man mehr als zehn Press-Brothers mit den ihnen fehlenden so ausstatten, dass sie jeden Sextest bestünden.
*
Ach so, ja. Warum muss Bayer 16 Millionen zahlen? Weil der Klub vom Billigstromanbieter Teldafax noch Sponsorengelder kassiert hat, als ihm dessen bevorstehende Insolvenz schon bekannt gewesen sei.
*
Aber was verkaufte dieser Billigstromanbieter eigentlich? Bot er billigst Rom-Reisen an? Oder gab es bei ihm ohne Buchpreisbindung billigst Romane? Das Wort alleine gibt ohne Bindestriche keine Auskunft, da muss man schon Rudi Völlers Werbespruch kennen: »Wechseln is’n Klax mit TelDaFax.« Wechsel! Also Strom. Es gibt bekanntlich Wechsel- und Gleichstrom. Was mich, ich bitte vorab vielmals um Entschuldigung, zu meinem liebsten Wortkalauer führt: Haben Sie Gleichstrom oder erst später? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle