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35 – 25 – 15 – 5 (Anstoß vom 23. Oktober)

Machen die »Privaten« das Fernsehen seichter? Schadet die Kommerzialisierung dem Sport? Wäre es »optimaler«, wenn verletzte Bayern-Spieler sich in München behandeln ließen? Gibt es einen Gott und wenn ja, heißt er van Gaal? Fragen über Fragen. Die erste wurde vorauseilend gestellt, als es noch gar kein Privatfernsehen gab; die zweite begleitet »gw«-Kolumnen bis heute, die dritte, sprachspielerische, scheint aktueller (Thiago!) denn je, und die vierte, na ja, das ist nun mal die Frage aller Fragen, bei der Louis van Gaal aber freundlicherweise die Auswahl einschränkt. – Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im Oktober (demnächst folgt der November-Countdown) kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.
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Jetzt aber noch einmal zum Thema »Fußball und Fernsehen«, das selbst gemütliche Gemüter gemütskrank machen kann. Die Lösung des Problems auch für diesen Bereich kann nur das Privatfernsehen sein. Wenn private Unternehmer in Konkurrenz mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten auf zehn und mehr Kanälen um die Gunst des Zuschauers kämpfen, könnte ein Programm den Wunsch der Fußball-Fans erfüllen, ohne dass andere sich fußballgeschädigt fühlen müssten. Natürlich gibt es ernstzunehmende Einwände gegen das Privatfernsehen. Kritiker befürchten, dass privates Fernsehen die Tele-Sucht noch vergrößert, dass sich alle Programme nach dem Geschmack der Zuschauer orientieren und nur noch Sport, Krimis und seichte Unterhaltung bringen, mithin das geistige Niveau des Durchschnittsbürgers noch weiter absänke. Meine Meinung dazu: Sollte dies wirklich der Fall sein, hätten wir nichts Besseres verdient. (Oktober 1979)
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Wer Boris Becker zum dreifachen Wimbledonsieger und vielfachen Dollarmillionär macht, muss recht haben. Denn recht behält, daran lässt Ion Tiriac schnauzbärtig-kaltschnäuzig keinen Zweifel, nur der Erfolgreiche. Die verlogene (Amateur-)Scheinheiligkeit der Brundage-Zeit ist glücklicherweise vorüber. Leider wurde sie abgelöst von einer Schein-Heiligkeit, die dem Sport womöglich noch mehr Schaden zufügen wird. Das leicht verdiente Geld zerstört Strukturen und Grundlagen des Sports, deren existenzielle Bedeutung ein Tiriac mit Dollarbrett vor dem Kopf nicht erahnen kann. Sein schleichendes Gift hat den Sport schon paralysiert, die Glieder beginnen abzusterben, das Herz schlägt rasend im Dollar-Rhythmus, der Infarkt naht. (Oktober 1989)
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Einen optimaleren Sprung als den von Beamon konnte man sich nicht vorstellen. Der müsste ja auch am optimalsten sein, was bekanntlich unmöglich ist. Optimalerweise steigert man optimal überhaupt nicht, wie jeder weiß, der auch nur minimalste grammatische Kenntnisse besitzt. Ottmar Hitzfeld hat als Ex-Lehrer sicher maximale, daher ist es einigermaßen unfair, wenn er in fast allen deutschen Zeitungen zur künftigen Reha-Politik der Bayern genüsslich wie folgt zitiert wird: »Es ist optimaler, das in München zu machen.« Auch wir haben das Zitat gebracht – allerdings optimal, also ohne Steigerungsform. Das ist Ehrensache. Schadengefreut haben wir uns aber über jenen schadenfreudigen Kollegen, der Hitzfeld veralbern wollte, aber nur sich selbst bloß stellte: »Es ist optimaler, dass in München zu machen.« (Oktober 1999)
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»Ich bin nicht Gott.« Das ist einerseits der Titel der Autobiographie des am 12. September tot in einem senegalesischen Hotel aufgefundenen belgischen Radprofis Frank Vandenbroucke, andererseits das Dementi von Louis van Gaal, das sehr viel peinlicher ist als der damit dementierte Satz. »Ich bin Gott«, das könnte ansatzweise ironisch oder sogar gesellschaftskritisch gemeint sein (siehe John Lennons »die Beatles sind populärer als Jesus«), aber ernsthaft zu betonen, nicht Gott zu sein, impliziert die Annahme, eine gewisse Gottgleichheit nicht für völlig unwahrscheinlich zu halten. Na ja, wer diesen zweiten und dritten Vornamen trägt: Paulus! Maria! Und Louis, das ist nur die Abkürzung für Aloysius. Aloysius Paulus Maria van Gaal – ein Münchner im Himmel, Luja, sag i! (Oktober 2009) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle