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Sonntag, 19. Oktober, 6.35 Uhr

Toleranz. Ich fahre auf einer autobahnähnlichen Stadtumführung auf der rechten Spur. Ein anderes Auto fährt auf der linken Spur vorbei, fast vorbei, da zieht es plötzlich nach rechts, rumpelt mich an, es knirscht, das Auto überholt, hält rechts auf der Standspur, ich auch, der Fahrer steigt aus, ich auch, beide schreckensbleich. Er entschuldigt sich vielmals. Sekundenschlaf. An meinem Auto nicht viel passiert, meine ich. Ein langer, dicker Kratzer, leicht eingebeult, sonst nichts. Glück gehabt. Hätte schlimmer enden können. Er will mir seine Daten geben, seine Versicherung regele das, es sei ein Firmenwagen. Ich winke ab. Ist mir zu lästig. Papierkram, Telefonate, nur wegen des Kratzers, das ist mir zu mühselig. Das eine oder andere Kratzerchen habe ich sowieso schon, einmal wurde ich von einem einparkenden Auto angedotzt, das hatte ich auch auf sich beruhen lassen. Autos interessieren mich nicht, auch das eigene ist nur Fortbewegungsmittel, was macht da schon hier ein Kratzer und da ein Beulchen?

Schon ein Weilchen her. Jetzt: Abends im Parkhaus. Nach einer Veranstaltung (Badesalz! Henni!) viel Betrieb. Ich parke vorsichtig aus, will mich in die Schlange schieben. Lässt mich einer rein? Ich glaube ja. Ganz langsam schleiche ich weiter rückwärts. Scheint eng zu werden, da halte ich lieber. Seitlich hinter mir hält auch einer. Steigt aus, regt sich offenbar auf. Was ist los? Ich steige auch aus. Er meint, ich habe ihn touchiert. Ich glaube es nicht. Er zeigt mir seine Rückseite, beziehungsweise die seines Autos. Ich sehe nichts. Er sieht etwas. Fühle mit der Hand an der Stelle, die ich touchiert haben soll. Spüre nichts. Meine, dass dann ja alles in Ordnung ist. Er meint nein. Geht zu meinem Auto, fotografiert mit dem Handy das Nummernschild. Ein recht junger Mann, unauffällig, dezent gekleidet. Ich sehe einen kleinen roten Strich an meinem Heck. Muss ihn, sein rotes Auto, wohl wirklich leicht touchiert haben. Aber das ist ja nicht mal ne Bagatelle, sondern rein gar nichts, sein Auto ist in meinen Augen völlig unversehrt. Er macht aber keine Anstalten, ins Auto zu steigen, damit endlich die ungeduldigen Fahrer hinter uns losfahren können. Er will tatsächlich einen Versicherungsschaden daraus machen, es nervt mich, er nervt mich, der Typ ist vielleicht nur halb so alt wie ich, aber schon total verspießert, wahrscheinlich ist sein Auto sein Leben, wahrscheinlich wienert er es höchstpersönlich jeden Samstag, so sind die jungen Menschen offenbar heutzutage, konventionell, angepasst, spießig, furchtbar, ich verliere die Geduld, gebe ihm mein Kärtchen, sage, wenn er unbedingt glaubt, die Nichtschramme und Nichtbeule reparieren zu lassen, soll er tun, was er für richtig hält und sich bei mir melden. Ende. Aus. – Er meldet sich nicht, aber meine Versicherung. Er hat bei ihr den Schaden gemeldet, sein Auto in eine Werkstatt gebracht, Kostenvoranschlag folgt. Ich muss eine dreiseitige Unfallmeldung ausfüllen, mit lästigen Fragen wie der nach meiner Fahrgestellnummer, Typnummer usw., es ist alles eklig lästig, ich verachte diesen Jungspießer, das einzige, was mir positiv vorkommt: Dass ich nicht so bin wie er.

Toleranz. Langsam geht mir auf, dass ich mich zwar sowas von tolerant fühle, es aber gar nicht bin. Toleranz ist nicht, von anderen und anderen Meinungen, Gefühlen und Handlungsweisen toleriert zu werden, sondern selbst zu tolerieren. Mir ist diese Autobetulichkeit, dieses Versicherungsdenken, auch dieses Schnäppchendenken (mit so einer Schramme, vor allem, wenn sie keine ist, kann man auch Reibach machen) unangenehm, ich mag es nicht, es stößt mich ab. Aber vielleicht ist es das erste Auto des jungen Mannes (na ja, jung, so um die 40, schätze ich) , vielleicht ist es sein Hobby, vielleicht war das Touchieren für ihn so wie für mich, wenn einer (den bring ich um!) meinen Hund tritt. Außerdem kann ich ja wohl nicht erwarten, dass andere meine offenbar sehr eigensinnige, eigenwillige Art teilen, mit Schrammen umzugehen, vielleicht ist es anderen nicht so lästig wie mir, Formulare auszufüllen und – für mich kompliziert und unnötig erscheinende – bürokratische Regularien einzuhalten – jedenfalls ging ich davon aus, dass andere meine Einstellung teilen und nicht ich ihre Einstellung akzptieren müsste.

Ich habe mich, weil genervt und geladen, nicht einmal entschuldigt.

So viel für heute zum Thema Toleranz.

Schon viertel nach sieben. Heute kein KKK, da die Knickserin nicht da ist, ich eigenhändig für die beiden ersten K sorgen muss (hoffentlich klappt’s mit dem Kaffeemachen, als ich es trainingsweise versuchte, kam nur Wasser) und vor allem Gassi gehen muss. Wehe, einer guckt eines meiner beiden lieben Hündchen schräg an!

Baumhausbeichte - Novelle