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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Toleranz

»Modern«? Nein, diese jungen Leute sind alt, älter als Sie und ich. Konservativ in einem äußerst unangenehmen und gefährlichen Sinn. Sie wollen mir – uns – sagen, dass Ihre Toleranz nicht ausreicht, weil Sie letztlich nur Papierkram vermeiden wollen und keineswegs Verhaltensweisen akzeptieren? Diese aber akzeptieren wollen? Da ist nichts Akzeptables. Sie haben doch mit jedem Wort Recht. Schnäppchen, das meint: Versicherungsbetrug. Die waschen auch ihr Auto nicht, sie lassen waschen. Nein, ist hier schon einmal betont worden, mit diesen jungen Menschen ist kein Staat zu machen, im Wortsinn, nicht metaphorisch gemeint. Seien Sie diesen gegenüber bitte intolerant, Sie tun unserer Gesellschaft, ihrer Weiterentwicklung, einen Gefallen. Irgendein Professor hat neulich die sog. Shell – Studie zu Jugendlichen geschönt. Er meinte, das Desinteresse an allem, außer an sich selber, sei gar nicht so schlimm, sie würden nur auf ihre Weise Revolution machen. Ihre Anpassung sei Tarnung. Wofür sagte er nicht.

Wir sind uns hier völlig einig. Ich mag diese Typen auch nicht. Aber man muss mit ihnen leben, weil sie in der gesellschaftlichen Wildbahn häufig vorkommen. Gefährlich ist nur, dass man mit ihnen letztlich alles machen kann, politisch meine ich, weil ihre Seele, ihr Geist, ihr Moral im Mercedesstern materialisiert ist. Verstehen Sie jetzt, warum uns die Griechen nicht mögen? Mag ja sein, dass dieser Typ Mensch erforderlich ist, um das Bruttoinlandsprodukt herzustellen so wie es hergestellt ist, exportorientiert und damit arbeitsplatzvernichtend für andere. Ich gebe zu, dass das Niveau meiner Einlassung den Stammtisch streift. War hier nicht anders zu machen, bin empört. Zum Abschluss wiederhole ich: notieren Sie bitte auch, dass die Verhaltensweise dieser Menschen politisch hoch brisant ist, weil dieser Mehrheitstyp unsere Zukunft bestimmt, will sagen: verspielt. Gegen diese gibt es keine Toleranz. Unser Gewährsmann für Toleranz ist Lessing. In seinen »Juden« ebenso wie im »Nathan« führt er vor, dass Toleranz nötig ist, um Vorurteile abzubauen, wenn ein Urteil in der Tat nur ein ungeprüftes Vorurteil ist. Da gilt es im guten Sinne aufzuklären. Aber eine Auffassung über jemanden oder etwas, die geprüft und kein Vorteil ist, kann man getrost vertreten, ja man muss es. Und dem Irrtum des anderen entgegentreten. Nathan hat ja die Auffassung der fürchterlichen Christen in seinem Drama nicht zugestimmt, er hat sie aufklärerisch entlarvt. Aber dabei eben erst einmal geprüft. Auf seiner Auffassung hat er bestanden. Ihr Toleranzbegriff war in der Gefahr, den der Gleichgültigkeit zu streifen. Und in der Ringparabel steht nicht, dass alle Religionen oder Meinungen gleichgültig sind, sondern dass es keine Möglichkeit gibt, die Wahrheit zu erkennen. Da es aber auf allen Seiten »gute Menschen« gibt, muss an allen Religionen auch etwas Wahres ein. Erst dann kann man tolerant sein, wirklich erst dann.

(Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

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