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Sport-Stammtisch (vom 18. Oktober)

Angreifen, überlegen sein, hoch überlegen sogar, den Gegner im Griff haben, ihn von links und rechts unter Druck setzen und nur darauf warten, bis dieser offenbar ungefährliche Gegner endlich und zwangsläufig einbricht, aber dann, urplötzlich, in einen Konter laufen, durch den der Verlauf auf den Kopf gestellt wird – woran erinnert mich das bloß? An die Nationalelf? An den BVB (nur bis heute, jetzt kommen die Kreativen, toitoitoi)? Ja. Auch. Aber vor allem an den »Rumble in the jungle« am 30. Oktober 1974 in Kinshasa. Ali war gegen den damals scheinbar übermächtigen Weltmeister Foreman ebenfalls krasser Außenseiter, aber er ließ sich, weil er im offenen Schlagabtausch keine Chance sah, bewusst in die Defensive drängen, um buchstäblich zuzuschlagen, als sich Foreman an ihm müde geklopft hatte.
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Warum die beiden Weltmeister (Foreman und die Nationalelf) so unklug auftraten, war und ist mir ein Rätsel. Warum immer im gleichen 08/15-Stil spielen, statt sich mal selbst zurückziehen, den Gegner kommen lassen, der ja nicht im eigenen Strafraum stehen bleiben kann? Dann bieten sich Chancen zum eigenen Konter, statt sich an einer Doppeldeckung müde und mürbe zu arbeiten. Aber ich gebe zu: Das klingt derart einfach und einleuchtend, so nach Patentrezept und Stammtisch-Parole, dass es einfach falsch sein muss. Nur: Was daran ist falsch?
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Und was ist 08/15? Das immerhin weiß ich, denn Hans Hellmut Kirsts gleichnamige Roman-Trilogie gehört zu meinen ersten literarischen Leseerlebnissen, schon kurz nach dem ersten Tarzan-Heftchen. »08/15« war ein deutsches Maschinengewehr, und der Name ging als Kurz-Synonym für sinnloses Einerlei in den deutschen Sprachschatz ein. Gehört habe ich es aber schon lange nicht mehr. Kirst ist sowieso längst vergessen. 08/15 auch?
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Zum Glück hatten Serben und Albaner in Belgrad keine Maschinengewehre zur Hand, es hätte ein Massaker gegeben. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man schmunzeln über die eigentlich recht pfiffige Idee, eine Provokations-Flagge per Drohne ins Stadion einzufliegen. Aber man stelle sich bloß vor, oder lieber nicht, was man noch alles mit einer Drohne dort- und anderswohin transportieren könnte. Gruselig. Da bei beiden in der Prioritäten-Rangliste der Fußball gleich hinter ihrem Feindschafts-Wahn kommt, gäbe es nur einen angemessenen Denkzettel: Beide raus aus der EM-Quali.
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Nein.Stimmt nicht. Dann würden wieder nur Unschuldige und der Sport am meisten leiden. Außerdem möchte ich keine Drohne anschwirren sehen, mit Kurs auf meinen Kopf. Mal sehen, ob sich die Uefa zur Zielscheibe macht.
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Zielscheibe meines Spotts war kürzlich die Umfrage, dass es in Deutschland »viele Vorurteile gegen Sinti und Roma gibt«, denn »jedem dritten Bundesbürger wären sie als Nachbarn unangenehm«. Das bestätigte mein Vorurteil gegenüber solchen Umfragen, denn im Umkehrschluss wären 66 Prozent der Bundesbürger gerne Nachbarn von Sinti und Roma. Zu korrekt, um wahr zu sein. Aber diesmal nichts gegen die Statistiker, denn sie können nichts dafür, was andere aus ihren Umfragen machen. Neueste Volte: Jetzt kommt heraus, dass interessierte alarmistische Kreise die von ihren Erhebern im Grunde differenziert bewertete Studie antiwissenschaftlich falschinterpretiert hatten, um ihre These vom deutschen Antiziganismus unters Volk zu bringen. Gelesen habe ich es im »Spiegel« unter der sehr hübsch treffenden Überschrift: »Politische Wissenschaften«.
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In diesem Zusammenhang möchte ich sehr gerne noch erwähnen, dass auch meine stets mit ungläubigem Spott begleiteten Thesen vom »Multiversum« offenbar in sich selbst zusammenfallen wie Materie in ein schwarzes Loch. Noch einmal der »Spiegel«: »Die Wissenschaftssensation des Jahres erweist sich als Flop. Was Physiker für ein Signal des Urknalls hielten, war bloß Staub. Hat es eine inflationäre Ausdehnung des Alls nie geben?« Cetero censeo: Wer an den Urknall glaubt, hat selbst ’nen Knall.
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Zurück zum Sport. In Kürze beginnt die NBA-Saison. Mit Dirk Nowitzki. Ein ganz Großer des deutschen Sports, für mich sogar der Größte, aber das ist natürlich Geschmacksache. Daher las ich auch sehr gerne einen »SZ«-Artikel über den Doku-Film »Der perfekte Wurf«. Allerdings wunderte ich mich über den Satz »Hier war er bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr«. Nämlich im oberfränkischen Rattelsdorf, in einer winzigen Turnhalle, in die der Film Nowitzki begleitete. Seit 20 Jahren nicht mehr? Dabei kommt Nowitzki eher seit 20 Jahren regelmäßig jährlich dorthin zurück, um im Sommer mit seinem Mentor Holger Geschwindner Grundlagentraining zu absolvieren. Ich muss es wissen, und »Anstoß«-Leser ebenfalls, denn nie werde ich vergessen, wie ich mit dem zum Chaotischen neigenden Geschwindner einen sommerlichen Trainingsbesuch in Rattelsdorf vereinbart hatte, kurz vor dem Ziel noch einmal in seinem Büro im nahen Bamberg anrief, er mir aber empfahl, mir dort in einem Biergarten einen schönen Tag zu machen, das Training falle aus, denn »du glaubst net, was hier los ist, bei mir brennt die Hütt«. Ich fühlte mich, pardon, verarscht, war aber, wie sich später herausstellte, Live-Ohrenzeuge einer Razzia bei ihm wegen des Verdachts auf Millionen-Steuerhinterziehung. Und dafür reagierte er cool wie … Holger Geschwindner.
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Zu guter Letzt aus einer Mail (komplett in der Online-»Mailbox«) von Ernst-Ludwig Reuter aus Gießen-Wieseck: »Dass Sie sich fragen, ob ›Kein Morgen‹ grammatisch richtig ist, entlockt mir ein Schmunzeln, weil Sie bei Ihrer beeindruckenden Souveränität in der Beherrschung der deutschen Sprache mit dieser Frage vermutlich kokettieren. ›Das Morgen‹ als Synonym für ›die Zukunft‹ ist eine Binse, und Ihnen als ausgewiesenem Sprachkenner stellt sich da plötzlich ein Fragezeichen in den Weg? Wer soll Ihnen denn das glauben? Ich vermute mal, dass Sie Ihre Leser testen wollen.« – Ist doch gelungen, oder? Allerdings, ohne nach Komplimenten zu fischen: »Sprachkenner« ist eindeutig zu haushoch gegriffen. Ich bin mir meiner Schwächen bewusst (zum Beispiel hessisches Plusquamperfekt!) und bleibe nur ein Sprachspieler, das aber mit kleinkindhafter Lust. Heute übrigens noch auf zwei weiteren Spielplätzen, der »Nach-Lese« im Feuilleton und im »Senioren-Journal« unserer Gießener Ausgabe. Auf Wiederlesen dort? (gw)
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(www.anstoss-gw.de Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle