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Renner der Saison (“Nach-Lese” vom 18. Oktober 2014)

Möglicherweise haben Sie DEN Mode-Trend des Sommers verpasst. Ich nicht, obwohl ich bisher jeden Mode-Trend verpasst habe. Aber mit diesem Teil, beziehungsweise mit diesen beiden Teilen, bin ich »cool« und habe »Charme«, wie die Fashion-Illustrierte »Elle« behauptet – Attribute, die mir bisher eher selten zugeschrieben wurden. Wobei, wenn ich in mich gehe, »eher selten« sogar ein Euphemismus für »noch nie« sein könnte.
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Danda Santini, Chefredakteurin der italienischen »Elle«-Ausgabe, stellt den, nun ja, »Renner der Saison« vor: »Als wir sie mit weichem Fell und lebhaften Farben auf den Laufstegen gesehen haben, haben wir uns wohl alle in sie verliebt. Sie wirkten so unglaublich bequem, gleichzeitig zart, exzentrisch und total neu – wir Modeleute mussten sie einfach anbeten.«
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Ahnen Sie schon, wer da angebetet wird? Tipp: Gefertigt werden diese hippen Acçessoires in Vettelschoß. Nie gehört? Vettelschoß liegt in Rheinland-Pfalz und hat viel zu bieten, einiges davon zählt Ortsbürgermeister Heinrich Freidel auf der Website des Ortes stolz auf, neben erschlossenen Bauplätzen (»65-67 Euro/m2«), Kindergarten und Grundschule auch »Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels« sowie »Gewerbe und Industrie«, und in dieser Rubrik finden wir, zwischen dem »Brandschutzservice« und dem »Atelier Hiltrud Enkelmann«, auch die Geburtsstätte des Renners der Saison – die »Birkenstock Orthopädie GmbH & Co.KG«.
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Ja. Deren Öko-Schlurfer, von Top-Designern aufgemotzt (aber immer mit Original-Fußbett, darauf legt Birkenstock wert), machten mich – im schnickschnackfreien Original, versteht sich – in diesem Sommer zum modischen Mitläufer auf dem Catwalk, denn »nie standen sich Topmodels und deutsche Frührentner stilistisch näher: Birkenstocks sind die Mode-Überraschung des Sommers.« (Süddeutsche Zeitung).
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Überhaupt, Sandalen verleihen Flügel, sogar echte, nicht die imaginären eines Limo-Herstellers (der nach einer Sammelklage in den USA jedem US-Bürger, der glaubhaft nachweisen kann, dass ihm nach dem Trinken einer Limo-Dose keine Flügel gewachsen sind, zehn Dollar zahlen muss. Echt wahr, aber ein ganz anderes Thema). Zurück zu unserem: Sandalen mit Flügeln. Im »Griechenland-Journal«, einer neuen Mehrmonats-Zeitschrift (übrigens sehr zu empfehlen, ein Muss für alle Philhellenen), lese ich: »Wie Hermes fliegen? So in etwa haben es sich die Gründer von ›Ancient Greek Sandals‹ gedacht. Als Logo für ihr Unternehmen haben sie die geflügelten Sandalen gewählt, mit denen Hermes, der antike Gott des Handels, oft abgebildet wird. Die Idee wurde ein weltweiter Erfolg. Das Label konnte bereits jetzt einen Gewinn in Millionenhöhe erzielen. Die Schuhsohlen sollen sogar aus der gleichen Fabrik wie die Sohlen von Channel stammen«. Dass die gleiche Fabrik die selbe ist und Coco nicht Channell, sondern Chanel heißt, darauf ka…uen nur Korinthenzähler herum.
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Griechenland-Kenner staunen aber nicht über die geflügelten Sandalen, sondern über den Trend zu einem anderen Fortbewegungsmittel. Mitten in der Krise boomt die einheimische Fahrradindustrie. Jährliche Zuwachsraten von 30 bis 40 Prozent – davon träumen andere Branchen. Aber natürlich boomt das Rad nicht trotz, sondern wegen der Krise. Die eigene Muskelkraft ist eben billiger als Benzin. Vor allem aber deutet der Trend zum Rad darauf hin, dass die Krise das Selbstverständnis der Griechen in wenigen Jahren stärker zerbröselt hat als der Zahn der Zeit die ältesten antiken Skulpturen. Wer viele Jahre lang Griechenland bereist hat, musste zu der Erkenntnis kommen, dass die Hellenen buchstäblich ohne Zwischen-Schritt vom Esel ab- und ins Auto gestiegen sind, denn sie vermeiden nicht nur jeden unnötigen Schritt, sondern wurden von mir nie – nie! – auf einem Fahrrad gesichtet. Bis die Krise kam, und da sie nicht geht, radelt der Grieche.
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So tief in seiner Selbstachtung ist der stolze Hellene aber noch nicht gesunken, dass er die Hermes-Sandalen selbst tragen würde … die exportiert er, denn das Zu-Fuß-Gehen überlässt er auch heute noch den verrückten Touristen, die freiwillig kilometerweit Strecken wandern, die einheimische Vorväter schon vor Jahrtausenden nur auf dem Esel zurückgelegt haben.
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Jetzt radeln sie also. Damit sind die Griechen in der Krisenbewältigung jedenfalls schon weiter als die Ägypter. »Präsident Abdel Fattah al-Sisi ruft zum Radfahren auf«, lese ich in einer anderen meiner Lieblingszeitschriften, der »ADFC-Radwelt«. Die Ägypter wollen noch nicht so recht, aber sie sollen, weil sie müssen: Der ägyptische Staat subventioniert den im Lande äußerst billigen Treibstoff jährlich mit 17,5 Milliarden Euro, kann sich dies aber nicht mehr leisten und ruft seine Bürger daher zum und auf das Rad.
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Den zögerlichen Ägyptern fehlt vielleicht ein glühender Werbeträger fürs Radfahren. Leider ist unser Literatur-Titan Arno Schmidt schon lange tot, er würde sicher gerne nach »Zettels Traum« auch Abdels Traum realisieren: «›Ich, als tapferer Barbar, ehre Glühbirnen & Fahrräder‹ – stellt sich Arno Schmidt (…) gleich am Anfang seines Mammutromans ›Zettels Traum‹ vor. (…) Sein Tandem (…) wurde mit Frau Alice zu Archivbesuchen weidlich genutzt. 6000 Kilometer im Jahr«, las ich im Februar dieses Jahres in der »FAZ«. Den Artikel hob ich auf, nicht weil ich ahnte, dass er Monate später den Schussabsatz einer »Nach-Lese« inspirieren könnte, die bei Birkenstock beginnen und von Hermes-Sandalen beflügelt auf dem Rad enden würde, sondern weil Schmidt Tandem fuhr, ohne dass der ansonsten so manische Wortklauber die Herkunft des Begriffes zu (Achtung, klasse Wortwitz) erfahren versuchte.
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Ich weiß es jetzt, dank »FAZ«. »Tandem« kommt aus dem englischen »Kutschenbauer-Jargon« des 19. Jahrhunderts. »Leichtbau-Wägelchen für ein Pferd und zwei Insassen« wurden auch als «›Gig‹ (kapriziöses Mädchen) bezeichnet, denn die Leichtgewichte hüpften auf unebenen Wegen schon mal in die Luft. In Frankreich nannte man sie wegen dieser Kapriolen Cabriolet (von lateinisch ›capra‹ für Ziege)«, aber als ein englischer Wagenbauer ein besonders leichtes Modell baute und »Tantum« (lat. »nur so viel«) nannte, ward das »Tandem« geboren: »Das Tantum wurde, englisch ausgesprochen und lautmalerisch aufgeschrieben, zum Tandem.«
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Die Frage, ob der »Drahtesel« ebenfalls dem Kutscherjargon entlehnt ist, kann ich nicht beantworten. Ich weiß Tandem dazu: Nichts.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« Mail: gw@anstoss-gw.de)

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