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Brille für die Ohren (“Mein progressiver Alttag” im “Senioren-Journal” vom 18.Oktober)

Alles fing damit an, dass ich keine Grillen mehr hörte. Das sei ein Verlust an Lebensqualität, bedauerte die Liebste, wenn sie an einem lauen Sommerabend versonnen lauschte und unbedacht fragte: »Hörst du sie? Wie schön und heimelig … ach so. Du Armer.« Stets gefolgt von der dringenden Bitte, beim Hörgeräteakustiker vorstellig zu werden.
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Vielleicht fahre ich auch deswegen so gerne nach Griechenland. Dort höre ich sie. Zwar heißen sie nicht Grillen und sind auch keine, sondern Zikaden, eine andere Spezies, doch diesen kleinen Unterschied ignoriere ich gerne. Für mich sind es große Grillen mit entsprechendem Resonanzboden und daher vor allem: hörbare Grillen.
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Zuletzt hörte ich eine dieser Großgrillen in einem Kafenion auf Naxos. Ich war begeistert, sah sie sogar, riesig hing sie an der Wand. Polyglott und kommunikativ, wie ich nun mal bin, machte ich einen der einheimischen Kafenion-Hocker auf sie aufmerksam, indem ich stumm auf die Wand deutete. Der alte Grieche missverstand mich aber und fischte den scheinbar ruhestörenden Lärmer mit einer routinierten Handbewegung herunter, schleuderte ihn auf den Boden, zertrat ihn unter seinem Absatz – mit einem ekelhaft knirschenden Geräusch – und blickte mich Beifall heischend an. Seitdem möchte ich keine Zikaden mehr hören, mir reicht der Ton, den ich schon empfinde, wenn ich nur das Wort »Zikade« … knirschknackbrtzzz.
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Aber bald waren es nicht nur Grillen, die verstummten, sondern auch Gesprächspartner. Je mehr von ihnen in einem Raum waren, um so leiser redeten sie. Flüsterten sie. Bewegten sie nur noch die Lippen. Und ich musste krampfhaft überlegen, was sie gesagt haben könnten. Manchmal funktionierte es, wenn der Taube mit den Stummen sprach, aber immer öfter sah ich irritierte Blicke und ahnte, dass ich das Gespräch in ein Stille-Post-Spiel verwandelt hatte.
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Als schließlich auch die Diskrepanz in der Ehe unüberwindbar geworden war, überwand ich wenigstens mich und bat um professionelle Hilfe. Nicht bei der Eheberatung, sondern beim Hörgeräteakustiker, denn die Diskrepanz beschränkte sich nur auf das, was die Liebste beim Fernsehen als gerade noch erträgliche Lautstärke und ich als gerade noch hörbaren Ton bezeichnete. Ein Hörgerät musste her. Ist doch auch nur eine Brille, oder? Eine für die Ohren, und viel kleiner dazu, praktisch unsichtbar.
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Ich ging also zum Hörgeräteakustiker. Der eine Hörgeräteakustikerin war. Eine sehr hübsche. Eine sehr junge. Eine sehr liebenswerte. Sie umschmeichelte mich, lächelte mich an, berührte während ihrer fachfraulichen Verrichtungen zart und verstohlen meine rosigen Öhrchen, was nicht unbedingt unangenehm war. Bedingt aber doch, denn ich gehöre nicht zu der Sorte überreifer Männer, die es zwecks Aufrichtung des virilen Egos … wie soll ich sagen? … die unter dem Joschka-Münte-Syndrom leiden? … Leiden leider nicht, sondern es genießen. Ich dagegen dachte: Ist das Mädchen etwa gerontophil? Um sie vor dieser Verirrung zu bewahren, jedenfalls in meinem Fall, gab ich mich griesgrämig, was mir nie schwerfällt. Es störte sie nicht. Im Gegenteil. Beim Abschied blickte sie mir noch einmal tief in die Augen, tätschelte mein Händchen und säuselte: »Kommen Sie übermorgen bitte wieder. Ich freue mich auf das, was Sie mir berichten können.« Schelmisch deutete sie auf meine Probe-Hörgeräte, aber natürlich meinte sie etwas ganz anderes.
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In Gedanken versunken schreckte ich erst auf, als zwei Frauen direkt neben mir laut sprachen, ich sie aber nicht sah. Ich blickte mich um, zur Seite, nach vorne – niemand zu sehen. Bis ich sie erblickte, auf der anderen Straßenseite in ein Gespräch vertieft. Welch ein Wunderwerk, diese Hilfsöhrchen in meinen Ohren! Und die Welt wurde laut.
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Frohgemut betrat ich am übernächsten Morgen den Laden. Die spontanverliebte junge Schöne schaute mich strahlend an. Ich strahlte verhalten zurück. Mit Gerontophilie ist nicht zu spaßen.
»Sie wünschen bitte?«
Sprachlos starrte ich sie an.
»Waren Sie schon einmal bei uns?«
»Vor…ge…gestern«, stotterte ich.
»Wie ist bitte Ihr Name.«
Ich sagte ihn brav auf.
»Ah, Herr …«, sie blätterte in ihren Unterlagen. »Wie ging es denn mit den Hörgeräten?« Wir entschwanden wieder ins Separee, sie lächelte mich an, berührte zart meine knallroten Ohren, behandelte mich, als sei ich ihr wichtigster Mensch auf der Welt … dabei war ich nur ihr nächster Kunde, mit dem sie hochprofessionell umging, mit routinierter Freundlichkeit.
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Von wegen Gerontophilie. Als Kunde war ich ihr Kurzeit-König, als Mensch, als Mann ein Nichts. Wenn ich den Laden verlasse, wird sie mich sofort vergessen, meinen Namen, mein Gesicht, meine überreife männliche Attraktivität.
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Wenn Frauen in ein gewisses Alter kommen, klagen sie gerne, nein, nicht gerne, sie klagen über fortschreitende Unsichtbarkeit für das andere Geschlecht. Ich weiß jetzt, wovon sie reden.
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Mir bleibt nur das Hörgerät. Die Welt ist laut geworden. Zu laut. Von allen Seiten schallt es in meinen Kopf. Zu laut auch für zartes Zirpen. Grillen höre ich immer noch nicht.

Baumhausbeichte - Novelle