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Montagsthemen (vom 13. Oktober)

Als »Bild online« kurz vor dem Spiel so lautstark wie schwachmatisch tönte: »Gibt es heute wieder ein 7:1« (wegen der gleichen Trikots wie gegen Brasilien), da ahnte man: Das wird nichts. Denn immer, wenn »Bild« derart unterirdisch schlagzeilt, geht’s in die Hose. Prompt folgte nach dem Spiel die empörte »Bild«-Reaktion auf die sich nicht selbst erfüllende eigene Erwartungshaltung: »Peinlich-Pleite«.
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Liebe »Bild«-Zeitung: Peinlich bist, im Zweifelsfall, immer nur du. Aber, um auf deiner Stilebene zu bleiben: Im Kalender steht, dass heute der »Tag der Katastrophen-Vorbeugung« ist. Stimmt nicht! Der ist erst morgen, wenn gegen Irland der Katastrophe vorgebeugt werden muss. Weia. Sorry.
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Nichts ist passiert. Auswärts gegen starke Polen verloren – na und? Die ersten Monate nach einem großen Titelgewinn müssen mit Nachsicht bewertet werden. Da ist der Geist  theoretisch wieder willig, praktisch aber noch schwach, schwächer sogar als die angeschlagene Physis. Das Unterbewusstsein weiß: Noch in hundert Jahren wird man vom WM-Sieg und dem 7:1 gegen Brasilien reden, aber schon morgen nicht mehr über das 0:2 in Polen.
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Zwei deutsche Gewinner gab es dennoch: Bastian Schweinsteiger, der »König im Exil«, der »als Spieler, Kapitän und Einpeitscher schmerzlich vermisst« wird (»FAS«), und Karim Bellarabi, der »spektakulärste Spieler der jungen Bundesliga-Saison« (»11Freunde«) und  beim Länderspiel-Debüt gleich bester Deutscher. Dass er aber  als »Alternative für Deutschland« (»taz«) angekündigt wurde, dürfte weder Bellarabi noch der AfD so richtig gefallen, deren Mitglieder sich selbst für die besten Deutschen halten (Leute, selten so getäuscht!).
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So richtig schlecht waren die Fußball-Deutschen gar nicht, eher zeitweise ziemlich gut, fast im BVB-Stil des ersten Saisonviertels, folgerichtig konnte Jürgen Klopp im »FAZ«-Interview schon vor dem Anpfiff analysieren: »96 Prozent alles richtig machen, kann zu einem 0:1 führen.« Deutschland machte zu etwa 92 Prozent alles richtig – also: 0:2.
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Zudem ist Polen, als Sportnation im strammen Aufwind, drauf und dran, ein neues Spanien zu werden. Außerdem: Dass wir dem stolzen Land am Samstag etwas von dem zurück gaben, was drei ihrer Fußballer jahrelang dem BVB gegeben haben, ist nur recht und billig und sportlich fair.
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Gegen Irland geht es morgen zwar nicht um Katastrophen-Vorbeugung, aber Vorsicht bleibt dennoch geboten: Die Iren werden sich buchstäblich reinschmeißen, als gäbe es kein Morgen beziehungsweise kein Respekt vor dem WM-Gestern. – »Kein Morgen«? Ist das grammatisch richtig? Klingt wie früher, nach der WM 2002: »Es gibt nur ein Rudi Völler«, wobei zumindest der Apostroph fehlte. Apo .. nee, apropos: Völler war »nur« Vizeweltmeister. Noch ein Unterschied zum aktuellen Weltmeistertrainer: »Es gibt nur ein’ Yogi Löw« wurde nicht einmal im Gaucho-Gaudi-Delirium gegrölt.
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Noch ein Verlierer von Warschau: »Das Aktuelle Sport-Studio« des ZDF. Wenn die Bundesliga nicht spielt und ein Länderspiel nicht übertragen werden darf, gibt es nicht nur keinen Sport im Studio, sondern nicht einmal ein Studio. Als ob Fußball alles wäre und alles andere nichts.
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Autsch! Wer mit dem Zeigefinger auf Andere deutet, kann sich leicht drei Finger ins eigene Auge stechen: Was wäre diese Kolumne heute ohne das EM-Qualifikationsspiel? Das muss sich wenigstens zum Schluss noch ändern: Pep Guardiola schätzt an den Deutschen vor allem ihre »Disziplin und Pünktlichkeit«. Welch ein furchtbares Kompliment! So oder so überall auf der Welt zu hören. Zu uns Deutschen fallen ihnen als positive Eigenschaften primär nur Sekundärtugenden ein, also solche, mit denen man, laut einem ebenso furchtbaren Kompliment von Oskar Lafontaine (damals für Helmut Schmidt), »auch ein KZ betreiben kann«.
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Dabei lieben wir Deutschen doch die Primärtugenden, mit denen man ganz gewiss kein KZ betreiben könnte: Menschenfreundlichkeit, Friedfertigkeit, Hilfsbereitschaft, feinsinnigen Humor, Empathie … und was ich noch alles aufzählen könnte. Doch ich muss jetzt Schluss machen. Habe noch eine Verabredung. Und ich hasse nichts so sehr wie Unpünktlichkeit.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle