Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 11. Oktober)

Die fatale Verletzungsserie der Fußball-Stars hat einen einfachen Grund: WM-Nachwehen, englische Wochen, kurz: Überlastung. Behauptet die Fachwelt, und so echot es aus den Medien. Doch das dürfte nicht einmal die halbe Wahrheit sein. Überlastung ja, aber: Nicht wegen der WM, nicht wegen der vielen Pflichtspiele, sondern wegen des Missverhältnisses zwischen Aufbau (Training) und Raubbau (Wettkampf).
*
In den amerikanischen Profiligen wird an jedem zweiten Tag gespielt, aber Verletzungsserien wie in der Bundesliga gibt es dort kaum. Denn, und das ist der Knackpunkt: Vor der Saison können in mehrmonatiger Wettkampfpause Zipperlein auskuriert, bei aktiver Erholung Akkus aufgeladen und anschließend durch gründliches Aufbautraining die physische und psychische Basis gelegt werden, um fit und leistungsstark und vor allem weniger verletzungsanfällig durch die Saison zu kommen.
*
Das alles fehlt den Fußballprofis, und zwar um so mehr, je besser und prominenter sie sind. Denn bei ihnen kommen vermehrt Sponsorenverpflichtungen hinzu, Promi-Termine, Werbeauftritte, das Vorzeige-Leben in der Szene (irgendwo muss man seine Models ja kennenlernen), Vereinnahmung durch die Fans, Reisestress und was es an außersportlichen Nebengeräuschen noch so alles gibt. Fazit: Nicht zu wenig Training an sich, sondern zu wenig Training für zu viele Spiele, zu viel Drumrum bei zu wenig Innedrin.
*
Zu dröger Einstieg? Dann zum Schnullermund: Roberto di Matteo. »Roberto. Ein Name mit Vergangenheit, denn im Italien der frühen 40er Jahre wurden viele Kinder auf diesen Namen getauft, zu Ehren des 1940 geschlossenen Dreimächtepakts (Hauptstädte ROm, BERlin, TOkio). Roberto di Matteo, Jahrgang 1970, hat mit diesem Dreimächtepakt nichts zu tun, auf Schalke würde er einen anderen benötigen: den mit Tönnies, den Fans und mit des Fußballschicksals Mächten.« – So stand es vor eineinhalb Jahren in dieser Kolumne, seinerzeit ihrer Zeit weit voraus.
*
Di Matteo zu Schalke, das sei der größte Bundesliga-Transfer direkt hinter Guardiola, heißt es. Warum eigentlich? Durchaus möglich, dass Roberto di Matteo ein hervorragender Trainer ist – doch das muss er in der Schalker Zukunft beweisen, denn seine Vergangenheit gibt dazu wenig her: Er begann in der dritten englischen Liga, stieg in die zweite auf, wurde dort, bei West Bromwich Albion, nach nur einem Sieg in zehn Spielen gefeuert, kam als Assistent bei Chelsea unter, wo er nach Entlassung des Cheftrainers Villas-Boas als Interimstrainer nach wenigen Wochen die Champions League gewann, was seinen Nimbus begründete. Doch zum einen kann ein Trainer sein Können nicht in wenigen Wochen beweisen (bald darauf wurde er entlassen, aber das ist ebenfalls kein Kriterium, das passiert auch den Besten), zum anderen geschah in diesem Finale das, was so nur im Fußball möglich ist: Die in allen Belangen schlechtere Mannschaft gewann – gegen einen großartigen FC Bayern München.
*

München. Und damit zum musikalischen Teil. Die größten Münchner Fußballer kommen zwar vom FC Bayern (was selbst 1860-Fans grantelnd anerkennen müssen), aber in der Hitparade lag »Bin i Radi«-Radenkovic weit vor »Dann mach ich Bumm«-Müller und »Gute Freunde«-Franz. Dazu schreibt  »Löwen«-Fan Achim Meisinger aus Ockstadt: »Meine Radi-Schallplatte hat schon viele Kratzer und eine abgeplatzte Stelle, aber ich hab sie noch – wie eine Reliquie – aus längst vergangener Zeit. Die von Ihnen sehr schön beschrieben Stärken von Radenkovic im Vergleich mit unserem aktuellen Nationaltorhüter habe ich übrigens bereits im Sommer während der WM in unserem Freundeskreis angesprochen und kann Sie darin nur bestärken. Bei Youtube gibt es in Mitschnitten aus dem Finale der Pokalsieger 1965 im Londoner Wembley Stadion gegen West Ham United zahlreiche Paraden und Ausflüge aus dem Strafraum vom Radi zu bewundern.«
*
In voller Länge sind Achim Meisingers Zeilen in der »Mailbox« zu lesen, wie auch jene von Oliver Simic (Rosbach), einem »Kind der 80er«: »Ich lese Ihren Anstoß ja wirklich gerne, doch am Samstag war’s nach dem Eröffnungssatz vorbei: ›Musikalisch lässt der HR in diesen Tagen die Achziger aufleben (übrigens ein schwaches Pop-Jahrzehnt…)‹. Wie bitte? Ich könnte Ihnen jetzt mit dem King of Pop (M. Jackson) oder der Queen of Pop (Madonna) kommen, doch die jucken mich nicht. Die bedeutenden Künstler der 80er waren eindeutig britische Bands wie The Cure und Depeche Mode. Daneben bei vielen eher unbekannte Bands mit starken Einflüssen auf nachfolgende Generationen wie New Order oder The Smiths.«
*
Zugegeben: Es war nur ein mutwilliger Piekser von mir, um »Kinder der 80er« frotzelig auf den Arm zu nehmen. In Wahrheit kenne ich die Musik dieses Jahrzehnts nicht gut genug, um mir eine Meinung zu bilden, und überhaupt hat jeder sein eigenes Musik-Jahrzehnt, manche sogar das der 90er Jahre (haha! Das schwächste von allen! Pieks.). Meine Top-Zeit umfasst sogar zwei Jahrzehnte, etwa Mitte 60 bis Mitte 70. Damals sang auch schon Udo Jürgens, der vorige Woche ebenfalls in unserer Kolumne auftauchte (bzw. sein Bademantel), was bei Doris Heyer (Staufenberg-Treis) zwiespältige Erinnerungen wachrief: »Als Udo Jürgens mal in der Gießener Kongresshalle auftrat (gefühlt vor 100 Jahren), wollte ich mir lange nicht die Hand waschen, die er mir gegeben hatte. Ich wollte aber nichts mehr von ihm wissen, als er mal sagte, er mag keine Frauen ›mit Orangenhaut‹, nee, das hat man doch nicht nötig, der soll nur mal öfter in den Spiegel sehen, gelle?«
*
Dankeschön für diese und andere Mails. Sie sind nur für mich geschrieben – wohl dem, der solche Leser hat! In unseren Modernen Zeiten  kursieren aber auch andere Zuschriften. Zum Beispiel diese, die so oder so ähnlich fast täglich in jeder Mailbox eintrifft: »Beliebt auf Twitter: Siegfried Lenz ist tot.« Fehlt nur noch das bei Facebook tausendfach gedrückte »Gefällt mir«. Aber das ist … Sie wissen schon. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle