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Montagsthemen (vom 6. Oktober)

Da alles wieder seinen Lauf nahm, begannen die »Montagsthemen« in der vergangenen Woche mit einer – den Standardaufgaben in Intelligenztests ähnlichen – Zahlenreihe (25 – 19 – ??? = Punktvorsprünge des FC Bayern). Das dreifache Fragezeichen hat sich von sieben auf zehn Punkte (Vorsprung auf Dortmund) verändert, und da die Bayern das Lauf-Tempo noch einmal anziehen, muss nun eine verblüffende neue Zahlenreihe ergänzt werden: 5 – 5 – ???
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Der hilfestellende Text dazu: Bayern läuft der Konkurrenz, die längst keine mehr ist, trotz leichter interner Unwuchten leichtfüßig davon, der BVB setzt seine masochistisch-altruistische Serie fort, Krisen-Klubs aufzubauen, um selbst tief in die Krise zu rutschen, und Eintracht Frankfurt sieht sich plötzlich genau in der Mitte zwischen den beiden Über-Klubs. Lösung also: 5 – 5 – 2, München fünf Punkte vor Frankfurt, Frankfurt fünf Punkte vor Dortmund, Dortmund … zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz. Unglaublich.
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Der Schalker Rhythmus ist ein anderer als der des alten Rivalen. Aber während es in Dortmund – tiefer nimmer, höher immer – nur noch aufwärts gehen kann, entnervt auf Schalke das ständige Auf und Ab. Bei allem Respekt vor und aller Sympathie für das stoische Stehaufmännchen Jens Keller: Das ständige Wechselbad verlängert nur die Agonie des Trainers.
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Agonie? Das Wort hat dieselbe Wurzel wie »agon«, der Wettkampf, bedeutet aber »Todeskampf«, was im Falle Fußball, Schalke und Keller eindeutig überzogen wäre, aber in der wörtlichen Übersetzung dann doch zutrifft: »agonía«, die »Qual«.
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Jens Keller ähnelt einem »dead man walking«. Das rufen Wächter und Gefangene in US-Gefängnissen, wenn ein Todeskandidat aus seiner Zelle zur Hinrichtung geht. Seit dem gleichnamigen, Oscar-prämierten Film mit Susan Sarandon und Sean Penn von 1995 hat der »dead man walking« die »lame duck« (lahme Ente) als Bezeichnung abgelöst für einen Regierungschef in der letzten Phase seiner Amtszeit ohne Aussicht auf Wiederwahl.
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Auch Keller hat keine Chance auf Wiederwahl, sondern kann die Wahl seines Nachfolgers (Tuchel?) nur quälend lange hinauszögern. Unterschied zu einem echten »dead man walking«: Keller hat eine Alternative, er könnte einfach gehen, wenn und wann er Lust hat. Das wäre mal ein starker Abgang!
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Schwach dagegen, was in Kaiserslautern abging. Einige Lebensgelangweilte, die ihren Kick in Krawallen rund um den Fußballplatz suchen, spielten wieder einmal Randale und hielten die Einsatzkräfte derart auf Trab, dass ein Polizeisprecher später »fassungslos über die Gewaltbereitschaft beider Fanlager« war. Was wiederum mich fassungslos macht.
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In den USA gibt es so gut wie keine Krawalle nach Football-Spielen (sondern viel häusliche Gewalt bei den Profis, aber das ist ein anderes Thema), was fast ausschließlich daran liegt, dass die Fans fassungslos über die Gewaltbereitschaft der Cops wären. Nun sind die USA wirklich kein Vorbild in Sachen Gewaltanwendung urbi et orbi, aber es wäre schon hilfreich, wenn die Deppen Angst vor der Polizei hätten und nicht die Polizei Angst vor den Deppen.
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»Den Deppen müsste eigentlich angst und bange werden«, schreibt auch der Sport-Informationsdienst. Nein, stimmt ja gar nicht. Statt »den Deppen« heißt es da »der Bundesliga«. Wegen der haushohen Überlegenheit des FC Bayern. Der Bundesliga wird aber nicht angst und bange. Sie nimmt es demütig hin und ergibt sich gleichmütig in ihr Schicksal. Was bleibt ihr auch anderes übrig?
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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