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Sport-Stammtisch vom 4. Oktober

Musikalisch lässt der HR in diesen Tagen die Achtziger aufleben (übrigens ein schwaches Pop-Jahrzehnt, doch das ist ein anderes Thema). Wir lassen andere Achtziger hochleben: Neben dem hier schon gewürdigten Udo Jürgens natürlich Sophia Loren und Brigitte Bardot, die gerade 80 geworden sind (und die, so in einem Geburtstagsartikel zu lesen, »nur die Oberweite eint«, was Geschichtsklitterung und völliger Quatsch ist, da sie sich auch busentechnisch deutlich unterscheiden, doch das ist ebenfalls ein anderes Thema).
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Mit einem weiteren Achtziger nähern wir uns sportlicher Kernkompetenz: Radi feierte am Mittwoch 80. Geburtstag. Für Spätgeborene, die sich über ein Gemüse-Jubiläum in dieser Sport-Kolumne wundern: »Radi«, das ist Petar Radenkovic, Torhüter bei 1860 München, als der FC Bayern noch spielte wie heute die »Löwen«, mit »Bin i Radi bin i König« Hitparaden-Stürmer (wann lässt der HR die Sechziger aufleben? Das waren noch Pop-Zeiten!) und vor allem ein mitspielender Torwart, dessen Ausflüge weit in die gegnerische Hälfte hinein sich nicht einmal Manuel Neuer trauen würde. Also: Von wegen Neuerfindung des Torwartspiels – der wahre Revolutionär heißt nicht Manu, sondern Radi. Unterschied: Radi galt als Clown. War er aber nicht. Sondern seiner Zeit voraus.
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Noch einmal zurück in die Zeit: 1954 gab es nicht nur das »Wunder von Bern«, sondern auch »08/15«, den Roman-Dreiteiler von Hans Hellmut Kirst. Dessen Protagonisten, den gewitzten Gefreiten Asch, spielte in der Verfilmung der jetzt in seinen hohen Achtzigern gestorbene  »Blacky« Fuchsberger. Es ging um Leben und Überleben im Krieg und unter den Nazis. Dass auch Kirst ein Nazi  gewesen sein soll, behauptete der damalige Landrat, ein gewisser Franz-Josef Strauß, und verhängte ein Schreibverbot, woraus sich eine jahrelange Fehde der beiden entwickelte, und das ist jetzt kein anderes Thema, sondern führt uns direkt zum Fußball. Auf dessen großer Bühne wurde das Münchner »Geisterspiel« von Moskau dargeboten. UEFA-Strafe wegen rechtsextremer Auf- und Ausfälligkeiten von ZSKA-Fans. Der »Kicker« berichtet, dass selbst die 62 mitgereisten Bayern-Fans draußen bleiben mussten, während 360 Russen, angeblich Vertreter von UEFA-Sponsoren, im Stadion waren und akustisch Doppelpass mit grölenden ZSKA-Prolls draußen vor der Tür spielten. Ist das der Sinn von »Geisterspielen«: Strafe für den Fußball, begleitet vom Hohn jener, denen die Strafe galt?
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Auf kleiner Bühne: Bei einem Regionalligaspiel in Lübeck soll ein 19-jähriger Spieler von Werder Bremen II den »Hitler-Gruß« gezeigt haben, was bundesweit empörte Schlagzeilen erregt. Werder Bremen dementiert ebenso empört, der Spieler auch, ich schaue mir das Video bei Youtube an – ganz klar, er hat’s getan. Aber warum mit Kanonen auf Spatzenhirne schießen? Es genügt doch das, was ein Mitspieler getan hat: Rennt auf den dummen Jungen zu, reißt ihm den Arm runter, stößt ihn weg. Nur eines fehlte noch zur angemessenen Reaktion: der Tritt in den Hintern.
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Da fällt mir ein Bekannter ein. Wenn ich an ihm vorbei radle, hebt er die Hand zum Hitlergruß. Er weiß es gar nicht, er will nur winken, er kann nicht anders, da durch ein Rückenleiden in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Sollte ich ihn darauf aufmerksam machen? Oder wäre das diskriminierend (»lass es lieber, du kannst das nicht«)? Doch wieviel Schuld trüge ich, würde er demnächst angezeigt?
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Auf Fußballplätzen geschieht aber auch manches, auf das wir alle mächtig stolz sein können. Oder? Zum Beispiel auf Stefan Kutschke aus Paderborn: Als dem Gladbacher Christoph Kramer nach einem vermeintlichen Foul die gelbe Karte gezeigt wurde, ging Kutschke zum Schiedsrichter und erklärte, nicht berührt worden zu sein. Riecht nach Fair-Play-Plakette? Eher müffelt es nach Fußballer-Gewohnheitsunrecht. Denn erstens müsste es nicht Ausnahme, sondern sportliche Regel sein, und zweitens: Warum überhaupt ließ Kutschke sich fallen? Schwalbe? Gut, vielleicht nicht absichtlich. Aber was der Nationalspieler Kramer dazu anmerkt, verblüfft dann doch: Er hätte das wohl nicht getan, gibt er zu. Damit meint er leider nicht die Schwalbe an sich, sondern das Zugeben. Schwaches Bild.
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Apropos Bild. Dem Kragenbär aus Robert Gernhardts Cartoon soll jetzt in Göttingen ein Denkmal errichtet werden. Festgehalten mitten in der Verrichtung (»Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern runter«). Das gefällt nicht allen Göttingern. Vielleicht denken sie auch an den kleinen Unterschied zwischen Cartoon und Denkmal: Der gezeichnete Kragenbär (mit schamrotem Nacken) ist nur  von hinten zu sehen. Um das Denkmal aber kann man herum gehen …
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Beim Blättern in meinem großen Gernhardt-Bilderbuch kam ich auch an diesem Cartoon vorbei: Ein Raumschiff landet. Die Aliens kommen! Ein Begrüßungskomitee steht bereit: »A, sie landen!« – Zweites Bild: Aus dem Raumschiff steigen verlotterte Gestalten. Das Begrüßungskomitee wendet sich angeekelt ab. »Asylanten!« – Aber auch das ist ein anderes Thema und hat mit Sport… Sie wissen schon. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle