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Sonntag, 28. September, 6.30 Uhr

Das Wichtigste aus der Nacht:

Es ist vollbracht: Hollywoodstar George Clooney (53) und die britisch-libanesische Juristin Amal Alamuddin (36) haben am Samstag in Venedig geheiratet. Um einen völlig hilflosen Dackel aus einem Erdloch zu befreien, hat die Feuerwehr in Düsseldorf ein Gartenhaus mit einem Luftkissen angehoben. Peschmerga-Kämpfer trainieren in Bayern für den Kampf gegen die Terrormiliz IS

Damit ist alles abgedeckt, was die Menschheit bewegt. Daher habe ich auch auf Absätze oder Gedankenstriche zwischen den drei Meldungen verzichtet. Man kann ja auch eine daraus machen: Peschmergas kämpfen in Bayern auf dem Oktoberfest gegen IS-Terroristen um die Bierherrschaft, angetrunken verbrüdern und lieben sie sich (dürfen Brüderchen und Schwesterchen ja jetzt, dann also auch Brüderchen und Brüderchen), heiraten in Venedig in einem Gartenhäuschen mit einem Dackel als Trauzeugen, und wenn sie alle bier- und liebesseelig hilflos sind, kommt unsere gute alte Feuerwehr, hebt das Hochzeitshäuschen mit einem Luftkissen an und lässt es auf Nimmerwiedersehen entschweben.

Zu albern? Nö. Nicht stockdunkelsonntagfrühmorgens. Ich wollte sowieso was ganz anderes schreiben, an Robert Gernhardts Krägenbär denkend, dem jetzt in Göttingen ein Denkmal verehrt werden soll. Festgehalten mitten in der Verrichtung („Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andern runter“). Das gefällt nicht jedem Göttinger (das Denkmal, die Tätigkeit an sich schon eher, oder?). Dabei ist mir ein wichtiger Unterschied zwischen Cartoon und Denkmal auf- und eingefallen: Der gezeichnete Kragenbär ist dezenter, denn man sieht ihn, mit schamrotem Nacken, nur von hinten. Um das Denkmal aber kann man herum gehen, und dann wird’s porno.

Beim Nachschauen in meinem großen Gernhardt-Bilderbuch kam ich auch an einem mir nicht mehr präsenten Cartoon vorbei. Erstes Bild: Ein Raumschiff ist gelandet, die Aliens kommen, ein Begrüßungskomitee steht bereit: „A, sie landen!“ – Zweites Bild: Aus dem Raumschiff steigen verlotterte Gestalten. Das Begrüßungskomitee wendet sich angeekelt ab. „Asylanten!“

Leider muss ich zugeben, dass mir an diesem Bilderwitz mehr noch als der tiefere Sinn das herrliche Wortspiel gefällt: A sie landen / Asylanten. Gernhardt bleibt der Beste. Nur einmal blieb er Zweitbester: In der Neuen Frankfurter Schule gewann Bernstein mit seinem »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“ gegen Gernhardts »Die größten Kritiker der Molche waren früher ebensolche«.

Elche, Molche, Raucher, Gesinnungsethiker … die Neue Frankfurter Schule vereint alle, auch jene, die sich nicht reimen lassen. Auch Sigmund Freud, dem zum 75. Todestag diverse Artikel gewidmet werden. Mal ins Unreine gedacht: Entspricht das von Max Weber in den Diskurs gebrachte Gegensatzpaar Gesinnungsethik und Verantwortungsethik (»Aufgabe politisch Handelnder“ ist es, „eine Balance zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu finden«) womöglich Freuds Instanzen in jedem Menschen: Es, Über-Ich und Ich? Das „Es“ steht für das Unbewusste, die Triebe, das „Über-Ich“ ist die regelkonforme hochmoralische Instanz, und das arme „Ich“ muss sich  hindurchlavieren. Zum Beispiel, wenn sein Über-Ich unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen fordert und sein Es Amok laufen will, wenn vor der eigenen Haustür ein Flüchtlingsheim gebaut werden soll. Das arme Ich sitzt zwischen beiden Stühlen, sehr unbequem, was für Freud ein ständiger Quell psychischer Leiden war.

Aber Freud gilt ja als veraltet. Selbst die Freudsche Fehlleistung sei keine Offenbarung verborgener Gelüste, sondern ein simpler Versprecher. Oder Verschreiber. Glaube ich mittlerweile auch, seit ich ein Smartphone besitze und whatsappen kann: Bei jedem dritten Wort, das ich zu schreiben beginne, schlägt mir das Ding nicht nur das ganze Wort vor, sondern fügt es manchmal gleich ungefragt in den Text ein, statt des Wortes, das ich geschrieben hatte. Was manchmal seltsame Sätze ergibt. Nun habe ich erfahren, dass das Ding lernfähig ist und die Wörter vorschlägt (und ungefragt reinschreibt? Oder drücke ich nur den falschen Knopf?), die ich in früheren Texten schon einmal geschrieben habe. Und schon fragt mein Ich ohne Es und Über: Funktioniert das Hirn ebenso simpel? Freudsche Fehlleistung nur ein beflissen vorauseilendes Worteinsetzen? Mein Kopf ein Schwein?

Oh. Falsch eingesetzt. Muss Schein heißen.

Auch die Albernheit dieses Textes könnte nur ein Schein sein. Jeder lese ihn, wie er mag. Ich schreibe jetzt. Montagsthemen. Bayern, BVB und so. Bis dann.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle