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Bayern-BVB-IQ-Test, Freud und das Smartphone (Montagsthemen vom 29. September)

Es nimmt wieder seinen Lauf, und daher beginnen wir mit einer der Standardaufgaben in Intelligenztests. Ergänzen Sie bitte diese Zahlenreihe: 25 – 19 – ???
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Wo soll das bloß hinführen, wenn der FC Bayern trotz seiner notorischen Nach-WM-Startprobleme jetzt schon als sozusagen ambulante (lat. »spazieren gehend«) Lösung eine »7« eintragen lässt?
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Sieben Punkte Vorsprung auf den BVB. Womit die Antwort auf die IQ-Frage sinngemäß schon klar zu sein scheint, im unwesentlichen Detail aber erst am letzten Spieltag gegeben wird: Mit soundso vielen Punkten Vorsprung werden die Münchner diesmal Meister.
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Eine andere Frage wird kaum noch gestellt, sondern nur noch apodiktisch beantwortet, also keinen Widerspruch duldend: Die Klubs mit den meisten WM-Spielern leiden am stärksten unter den Nachwirkungen, speziell den Verletzungen, vornehmlich wegen Überlastung. Aber warum marschieren die Bayern fast ungerührt, während die Dortmunder (im Wortsinn blendende Ausnahme: Arsenal) stolpern und stolpern? Und das, obwohl alle noch nicht einsatzfähigen Dortmunder Lang- und Kurzzeitverletzte gar nicht mit von der WM-Partie waren?
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Die einzige und winzige Hoffnung für potenzielle Bayern-Verfolgerchen: Die wahre WM-Be- und -Überlastung wird sich erst in der zweiten Saisonhälfte auswirken. Allerdings eher unwesentlich. In der Bundesliga wegen des vorhersehbaren Vorsprungs, in der Champions League wegen der großen Rivalen, die unter dem gleichen Handicap leiden werden.
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Aber das hat noch Zeit. Schon abgelaufen ist sie für das Internet-Spektakel Eiswürfel-über-den-Kopf-Gießen. Davon bleibt nur (Vorsicht: Kalauer!) unser  Gießen und (Vorsicht, Ernst!) ASL. Nebenbei: Was durch die Spenden reinkam, hätten einige Höchstbetuchte ganz alleine locker aus der Tasche ziehen können, ohne den Eiswürfeltopf über den Kopf zu stülpen.
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ASL? War nur ein kleiner Test. Haben Sie ihn bestanden? Ich hätte, fürchte ich, versagt. ASL ist eine gängige Abkürzung für  »American Sign Language« (eine Gebärdensprache) oder »Above Sea Level« (Höhe über dem Meeresspiegel). Es ging aber um ALS, die »Amyotrophe Lateralsklerose«. Es ging? Es geht um sie.
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Vergleichsweise unbeachtet blieb die Guter-Zweck-Aktion eines Chemieprofessors. Er durchschwamm den Rhein von der Quelle bis zur Mündung, 1230 Kilometer, eine stolze sportliche Leistung. Er wollte auf den Gewässerschutz aufmerksam machen und Spenden für die Anschaffung eines Wasseranalysegeräts sammeln. Hätten die Eiswürfel-Aktivisten den Rhein durchschwimmen müssen, wäre mangels Teilnehmer nicht mal ein halbes Wasseranalgerät zusammengekommen.
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Den Schreibfehler habe ich unkorrigiert gelassen, denn er führt mich über »anal« und »Analyse« zum Anal-ysemeister Sigmund Freud, dessen Todestag sich zum 75. Mal jährt. Mittlerweile gilt Freud nicht nur mit »Es«, »Ich« und »Über-Ich« als veraltet, selbst die Freudsche Fehlleistung sei keine Offenbarung verborgener Gelüste (Wasseranalgerät!) heißt es, sondern ein simpler Versprecher. Oder Verschreiber. Ohne anal-oder sonstig fixierten Hintergrund.
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Seit ich ein Smartphone besitze, glaube ich das, sogar aufs Wort. Bei jedem Buchstaben, den ich auf das Ding tippe, schlägt es mir nicht nur das ganze Wort vor, sondern fügt es manchmal gleich ungefragt in den Text ein, statt des Wortes, das ich gerade geschrieben habe. Was manchmal seltsame Sätze ergibt. Nun habe ich erfahren, dass das Ding lernfähig ist und jene Wörter vorschlägt und sogar ungefragt reinschreibt, die ich in früheren Texten schon einmal benutzt habe. Und schon fragt mein Ich ohne Es und Über: Funktioniert das Gehirn ebenso simpel? Keine Freudsche Fehlleistung, sondern  nur ein beflissen vorauseilendes Worteinsetzen nach dem digitalen Mehrheitsprinzip? Mein Kopf nur   ein Schwein?
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Oh. Falsch eingesetzt. Muss Schein heißen. Ist aber fast noch beunruhigender. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle