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Ziemlich beste dumme Freunde (“Nach-Lese” vom 27. September 2014)

Haben Sie das neue Buch von Judith Hermann gelesen? Ich nicht. Aber sehr, sehr viel über das Buch. »Aller Liebe Anfang« wurde uns ja auch in einer der massivsten PR-Kampagnen der letzten Jahre unter die Augen gerieben. Die Kulturseiten quollen fast über an Vorab-Informationen, Judith-Hermann-Interviews, Rezensionen und, als bewährter redaktioneller Textbeschleuniger, großformatigen Anzeigen.
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Ich spürte die Absicht und war verstimmt. »Graad ned!«, motzte der sture Hesse und ließ »Aller Liebe Anfang« ungekauft und ungelesen links liegen. Aber als Sturkopf stehe ich offenbar nicht einsam in der Kulturlandschaft herum – in der akuellen »Spiegel«-Bestsellerliste suche ich das Buch jedenfalls vergeblich. Und das bei diesem Ballyhoo! PR-Overkill?
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In »Aller Liebe Anfang« geht es um eine Art Stalking, Lebensgefühl in Berlin, Verwundbarkeit und so weiter, aber vor allem scheint es den Feuilletons um Kabale und Liebe im literarischen Elfenbeinturm zu gehen und um Hochjubeln, um besonders tief fallen zu lassen. Judith Hermann wurde 1998, als ihre Geschichtensammlung »Sommerhaus, später« erschien, hymnisch gefeiert. In ihren Texten erklinge der Sound einer neuen Generation, hieß es, seitdem ist sie ein Begriff, eine Größe im deutschen Literaturbetrieb. Dort sammelt man Freunde und Feinde, gibt beiden Küsschen links und rechts und, wenn sie nicht da sind, Ohrfeigen rechts und links. Habe ich jetzt erfahren. Von Hans Werner Richter. Aber dazu später.
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Judith Hermann bekommt zwar noch das eine oder andere Küsschen, aber Ohrfeigen kassiert sie im Terence-Hill-Rhythmus (erinnern Sie sich an die Szene in »Mein Name ist Nobody«?). Die schallendste verabreicht ihr die alte Tante FAZ beziehungsweise deren böser Onkel Edo Reents: »Judith Hermann hat zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen.« Rumms!
»Kann nicht schreiben, hat nichts zu sagen.« Beschimpfte mich derart ein Leser, würde sogar meine dickfellige Journalistenseele tief verwundet aufquieken. Wie muss es da erst einer empfindsamen Schriftstellerin gehen, bundesweit bösartigst bloßgestellt? Wie geht es überhaupt zu in der ersten deutschen Literaturliga, in der Schreiber und Kritiker in einem Boot sitzen, mutwillig schaukeln und einen Sturm in ihrem Wasserglas erzeugen, bei dem mal dieser, mal jene über Bord geht?
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Wer wüsste es besser als Hans Werner Richter, Spiritus rector der legendären »Gruppe 47«. Gruppe 47? Für Nachgeborene: Das ist keine Staatengruppe Bananen exportierender Länder oder eine Popband der Neuen Deutschen Welle oder ein Verbund transfergeschädigter Fußballklubs, sondern war eine lose Formierung von Literaten, 1947 gegründet und zusammengehalten von Richter. Der hatte 1965 lang und breit erklärt, warum er nie ein Tagebuch schreiben würde, um dann 1966 ein Tagebuch zu schreiben: »Mittendrin 1966 – 1972.« Erst vor einem Jahr veröffentlicht. Ich lese es. Und nun wundert mich nichts mehr.
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Wie kleingeistig große Köpfe denken können! Richter schreibt über und beschreibt Böll, Walser, Grass und Co. als Freunde, macht aber diese Freunde, wenn sie es nicht hören oder lesen können, auf mieseste Art runter – um beim nächsten Treffen freundschaftstrunken in ihre Arme zu sinken. Haupteigenschaft von Richters »Freunden«: »Dummheit.« Horst Bingel etwa ist »ein etwas dümmlicher Mensch«, überhaupt wundert sich Richter, »was diesen Dummköpfen alles einfällt«, »allen voran der bemerkenswert dumme Erich Kuby«. – Doch Intelligenz und Dummheit schließen sich für Richter nicht aus. Über Hans Mayer: »Eitel wie immer, als sei er aus homosexuellem Stahl geschmiedet«, »ein schrecklich eitler und dadurch trotz seiner Intelligenz recht dummer Mensch.« – Oder Martin Walser: »Eine Mischung zwischen Begabung, Dummheit und Intelligenz, halb schizophren. Welches Gequassel, welche Sucht nach Wortexperimenten. Und alles mit einer Erotik, die zum Kotzen ist, schwüle Pubertät eines frühzeitig alternden Mannes.«
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Richters gute Freunde Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki (»ein großer Schwätzer«), Joachim Kaiser und Hans Mayer sind »alle vier besessen von Geldsucht«. Richters besonders guter Freund Heinrich Böll ist ein »Kleinbürger. Er hat nie begriffen, um was es geht.« Ihm attestiert er »bramarbasierende Moral statt politische Intelligenz«. Ein paar Tage später, soeben war Böll zu Besuch. »Der gute Mensch von Köln. Was macht ihn nur so sympathisch? Auch ich erliege diesem rheinischen Charme.«
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Frauen sind ein ganz besonderer Fall. Hilde Domin: »Hysterisch, wahrscheinlich Verfolgungswahn, ein unerträgliches Wesen.« Die Freundin von Reinhard Lettau: »Dumm und intolerant.« Hildegard Brücher (damals noch ohne »Hamm«): »Eine alt werdende, verhärmt aussehende Suffragette. Immer dieses dumme, bürgerliche Geschwätz.« Aber bei den Frauen kommt noch ein andere Aspekt hinzu. Wiedersehen mit Gabriele Wohmann: »Ich war allein und sie unter der schwarzen Bluse ›oben ohne‹. Aber sie ist so männlich, oder so wenig weiblich, dass ich es kaum registriert habe. Vielleicht ist alles an ihr ein wenig zu wenig, zu dünn, zu nichtssagend. Dafür trank sie klaren Korn.«
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Egal ob Männlein oder Weiblein, in einem sind alle gleich: »Ein Zimmer voller Wichtigtuerei. Eine verlogene Gesellschaft und trotzdem Freunde, viele Freunde, gute Freunde.«
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Das alles ist kaum auszuhalten. Aber Richter hält es aus, dank eines ganz besonders guten Freundes. Kleine Auswahl: »Trinkerei bis zum Morgen« / »Am Abend Fest. Erst um sieben Uhr zu Hause.« / »Zeitweise ziemlich betrunken.« / »Vier Stunden mit Peter Bichsel im Biergarten. Wir tranken zusammen sechs Liter Bier.« / »Es wurde eine schöne, fast ganz durchgefeierte Nacht.« / »Bis um neun Uhr morgens bei Uwe Johnson durchgetrunken.« – Überhaupt, Johnson: »Ein pommerscher Elefant, zuerst mit dem Inhalt eines runden Dutzend Bierflaschen im Magen, dann, als es kein Bier mehr gab, mit Rotwein – und, als ich ging, mit Whisky.« / »Milo Dor getroffen und mit ihm völlig versumpft. Eine schreckliche Sauferei. Es endete um fünf Uhr morgens auf dem Bahnhof, im Wartesaal« / »Anschließend versumpft, bis sechs Uhr morgens, bis Siegfried Lenz zusammenbrach, bis Grass ins Bett ging und auch alle anderen übermüdet umfielen.«
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Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf Saufgelage, Ränke und Intrigen, Lobeshymnen und Bosheitsorgien. Aber ich las tapfer zu Ende. Nächstes Buch, jetzt doch und erst recht auf dem Nachttisch: »Aller Liebe Anfang.«
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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