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Sport-Stammtisch (vom 27. September)

Unser Endspiel-Held Christoph Kramer will ein Buch über die WM schreiben, ein »philosophisches« sogar, und zwar schnell, denn er möchte »das Weihnachtsgeschäft mitnehmen«. Damit erfüllt er die Grundvoraussetzungen für einen Bestseller: Zielgerichtetes Marketing (Weihnachten), scheinbarer Tiefgang (philosophisch), ein Thema, das brennend interessiert (WM-Sieg) – und von dem er selbst nicht viel weiß (Gehirnerschütterung).
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Foulspiel. Das war böse und ungerecht gegenüber einem Sportler, der Schriftsteller werden will. Aber längst nicht so böse und ungerecht, wie Schriftsteller gegen den Sport hetzen. Der ist für Robert Musil ein »Ersatzkrieg«, für Theodor W. Adorno das »Reich der Unfreiheit«, und man lernt im Fußball nur, so der englische Romancier Julian Barnes, »wie man Leute in andersfarbigen Hemden hasst, wie man eine Verletzung vortäuscht, wie man aufs Spielfeld rotzt, wie man eingebildet und überbezahlt ist und seine besten Jahre hinter sich hat, bevor man überhaupt begreift, worum es im Leben geht«.
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Typische Arroganz der Eierköpfe (was keine Beleidigung ist, sondern als Egghead im Englischen ein Synonym für einen Großintellektuellen). Ein Beispiel aus Deutschland, gelesen im Tagebuch des Gruppe-47-Gründers Hans-Werner Richter: »26.5.1967. Es ist merkwürdig hier in Wartaweil am Ammersee, ein Fußballerheim, merkwürdig, weil sich hier niemand für die Krise in Israel interessiert. Sie sprechen hier nur vom Fußball. Die politischen Nachrichten lassen sie widerwillig über sich ergehen – an Zeitungen lesen sie nur Bild – und warten am Fernsehschirm, bis der Sport kommt. Dann werden sie lebendig. Gestern ein Fußballspiel Schottland – Italien im Fernsehen in Gegenwart der Hamburger Fußballelf (HSV) gesehen, vierundzwanzig junge Leute, denen alle Ereignisse in der Welt gleichgültig sind, nur nicht das braune Leder auf dem grünen Rasen.«
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»Schottland – Italien«, damit meint er das Europapokalfinale der Landesmeister (heute Champions League) Celtic Glasgow – Inter Mailand (2:1). Aber nicht diese Unwissenheit kennzeichnet die bornierte Arroganz des Literaten Richter. Denn was er den Fußballern vorwirft, lebt er ihnen in seinem Tagebuch selbst vor: Nichts im Kopf als sein »Fußball«, die Gruppe 47. Alles kreist in seinem Kopf nur um diesen jährlichen Literaten-Stammtisch (»7. 5. 1970. Paul Celan hat sich das Leben genommen. Er ist in die Seine gegangen. In den Nachrufen wird kaum oder eigentlich nicht erwähnt, dass er durch die Gruppe 47 bekannt wurde.«). Fehlt nur noch, dass Richter am 21. 7. 1969 notiert hätte: »Neil Armstrong erster Mensch auf dem Mond. Ich muss ihn unbedingt zur Gruppe 47 einladen.«
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Richter und seine Freunde haben, neben dem Kreisen ums eigene Hauptthema, noch eine Gemeinsamkeit mit den Fußballern, doch dazu blättern Sie bitte ein paar Seiten zurück zur »Nach-Lese« im Feuilleton. Hier nur so viel: Es geht um nichts in der Birne haben und viel hinter die Binde kippen.
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Nach diesem Kolumnen-Ping-Pong zwischen Sport und Kultur zu einem ganz anderen Thema: Udo Jürgens’ Bademantel. In den letzten »Montagsthemen« kam ich über die Gewinnspanne beim WM-Trikot (15 Cent für die Näherin in Bangladesch, 84 Euro im Laden) irgendwie – war’s sein 80. Geburtstag? – auf die drängende Frage: »Wer näht, häkelt, strickt oder klöppelt die weißen Bademäntel von Udo Jürgens?« Achim Meisinger (Ockstadt) weiß es: »Interessanterweise haben sie dabei von einer von mir und meiner Familie durchaus auch bevorzugten Sportartikelfirma in Herzogenaurach den Bogen zu einem ebenfalls von uns gern gehörten und in Konzerten seit Jahren immer wieder besuchten Künstler aus Kärnten gespannt. Da ich Ihnen ja gerne hier und da behilflich sein möchte, kann ich Ihnen verlässlich mitteilen, dass der Udo-Jürgens-Bademantel von der Firma Vossen in Jennersdorf, einer 4126 zählenden Gemeinde im Burgenland gefertigt wird. Die Produktionsstätte des Udo-Bademantels wird allerdings, wie dem Aufnäher auf meinem Bademantel zu entnehmen ist, mit Türkei angegeben. Ursprünglich war die Firma ein deutsches Unternehmen und wurde 1925 in Gütersloh gegründet. Die zur Produktion verwendete Baumwolle besitzt das »Fairtrade«-Gütesiegel, das weltweit größte Sozialsiegel für fairen Handel. Da ist der Udo hoffentlich schon mal auf der sicheren Seite.«
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Danke. Großartig. Für solche Leser lohnt sich alle Kolumnen-Schreiberei. (gw)

 

 

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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