Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Gesinnung und Verantwortung

Ih habe fasziniert Ihren heutigen Anstoß gelesen und will versuchen, Ihnen ein paar Ansätze einer Antwort zu bieten. Ohne den Anspruch zu haben, eine zu finden, denn Sie haben ja Recht, es gibt keine unter den gegebenen Bedingungen.

Dass Sie Ihr Ausspielen von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht aufgeben wollen, wird wohl ewig zwischen uns stehen. Ich erinnere daran, dass Sie – schon die Logik gebietet dies – erst einmal überhaupt eine Idee davon haben müssen, wie etwas sein soll, um eine Verantwortung zu übernehmen. Alles andere ist fruchtloser Pragmatismus. Es gibt keine Politik ohne Gesinnung. Das Wort ist offenbar hässlich, weil es sich allzu leicht denunzieren lässt. Ich glaube einfach nicht, dass es viele Menschen gibt, die nur eine Gesinnung haben, ohne die Folgen zu berücksichtigen. Ich denke, Sie wissen auch, dass Ihre Gesinnungsethik und die Gutmenschen hässliche Brüder sind. Die Antwort auf Ihre Frage? Erinnern Sie sich bitte, um eine vergleichende Struktur zu gewinnen, an die Massenflucht der Iren im 19. Und 20. Jahrhundert. Der Grund waren ausbeuterische Maßnahmen der englischen Besatzungsmacht. Die Kinder sind verhungert, krank geworden, es gab kein Brot, die Menschen sind verelendet und massenhaft gestorben. Jeder verantwortungsbewusste Vater hat seine Kinder genommen und versucht, dort weg zu kommen. Ähnlich in Schottland ein Jahrhundert früher. Will sagen: Elendsflüchtlinge gab es auch in Europa, auch in Deutschland des 19. Jahrhunderts. Auch diese mussten ihr Erspartes zusammenkratzen, um an der Freiheitsstatue vorbei in ein besseres Leben zu kommen. Die Ursache heute ist natürlich begleitet von massiven zivilisatorischen und kulturellen Unterschieden.. Es bleibt aber ein – unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Weltrepublik und der entsprechenden Politik – Versäumnis der reichen Nationen, in Afrika nicht besser zu helfen. Ich höre schon die Proteste. Alles was zur Vergeudung der Hilfen durch afrikanische Eliten zu sagen ist, ist gesagt. Das stimmt, ändert aber nichts an der Forderung, medizinisch und wirtschaftlich nicht nur unter Gewinnmaximierungsgesichtspunkten zu helfen. Finden Sie es richtig, dass die pharmazeutische Industrie nur dort forscht, wo hinterher ein Gewinn zu erwarten ist? Dieser ist nicht mit Medikamenten für Afrika zu erreichen. Ich weiß, das System lässt es nicht zu. Welche Folgerung ziehen wir daraus? Der Gesinnungsethiker, also ich, eine eindeutige, die ich hier nicht hinschreibe. Aber mit Verantwortung für ein auch christliches Menschenbild haben die Verhaltensweise unseres westlichen Systems auch nichts zu tun. Kant hatte eine Idee einer moralischen religiösen und epistemischen sowie politischen Weltrepublik. Die haben wir vor lauter Pragmatismus und Gegnerschaft zu Gesinnungsethikern vergessen.

Die Produktivität der westlichen Welt um einige Promille zu steigern wäre unsere Aufgabe. Natürlich ohne dafür einen Gewinn zu erwarten. Wir sollten uns solidarisch zeigen und den Produktivitätsgewinn nach Afrika exportieren. Wenn ich dies hier auch noch ökonomisch korrekt ausführen würde, würde dieses Schreiben jeden Maßstab durchbrechen. Es muss bei dieser Andeutung bleiben. Die Gefahren sind mir bewusst, aber es bleibt keine andere Lösung. Dies bedeutet einen Wohlstandverzicht im Westen von ganz weniger Prozenten. Wir leben dann immer noch in großem Reichtum.

Es ist genug. Ich bin Ihnen aber äußerst dankbar für Ihre Frage. Diese zeigt Ihre Gesinnung, die ich hoch schätze. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle