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Zwischen Olympia und Lampedusa (“Anstoß” vom 25. September)

Bei Olympia in Sydney 2000 gewann Eric Moussambani aus Äquatorial-Guinea seinen Vorlauf über 100 Meter Freistil. Moussambani durfte überhaupt erst dank einer Wildcard des IOC starten. Denn während Athleten großer Sportnationen um ihre Olympiaplätze erbittert kämpfen müssen (siehe US-Trials der Leichtathleten, das Musterbeispiel von gnadenlosem Sportsozialdarwinismus), verschenkt das IOC Olympia-Freikarten an kleine Staaten. Ein Triumph des Sports? Eher ein Triumph des Willens – zur sportlichen Unfairness, zur verlogen menschelnden Show, und das mit fatalen Folgen.
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Moussambani siegte, weil seine beiden einzigen Gegner – aus Niger und Tadschikistan – wegen Fehlstarts disqualifiziert werden mussten. Er schwamm erstmals in seinem Leben 100 Meter weit und verfehlte mit 1:52,72 den Weltrekord recht deutlich. Den über 200 Meter.
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Der schwimmende Nichtschwimmer war für schwärmerische Geister der Beweis: »Olympia lebt!« Eric Moussambani wurde weltweit bejubelt und ging als »Eric The Eel« in die Olympia-Annalen ein. Aber diese bejohlte und bejubelte Vorstellung hatte mit Leistungssport nichts, das Johlen und Jubeln aber etwas mit Jovial-Humor auf Gutsherrenart (um nicht gleich die Rassismus-Keule zu schwingen) zu tun.
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Moussambani war womöglich ein Vorbild für die Somalierin Samia Yusuf Omar. Sie wurde 2008 in Peking kurzzeitig weltberühmt, als sie, 16 Jahre alt, im 200-m-Vorlauf knapp 33 Sekunden lief, also in etwa so schnell wie jede/r von uns zwischen 15 und 55. Das Erlebnis hatte sie derart euphorisiert und inspiriert, dass sie unbedingt auch an Olympia in London teilnehmen wollte.
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Es war einfach zu schön, von der Welt geliebt zu werden. Beziehungsweise sich von ihr geliebt zu fühlen. In Wahrheit interessierte sich die Welt nicht für sie. Für die Sportwelt war sie nur ein kleiner Olympiagag und längst vergessen. Bis sie starb. Dann wurde sie plötzlich wieder ein Thema für die Welt. Denn um noch einmal Olympia erleben zu können, musste Samia, wie sie illusionär glaubte, in den Westen, ins gelobte Land, und dort nur fleißig trainieren, um wieder die wunderbare Liebe und Aufmerksameit von Peking genießen zu können. Am besten schon 2012 in London. Sie wählte den Weg, den viele Afrikaner wählen, und erlitt das Schicksal vieler von ihnen: Samia Yusuf Omar starb auf der Flucht mit einem Boot, kurz vor Lampedusa.
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Ersten medialen Widerhall fand die tragische Geschichte vor zwei Jahren in der »Zeit«. Überschrift: »Sie lief um ihr Leben.« In diesen Tagen erscheint nun der Doku-Roman des Italieners Giuseppe Catozzela: »Sag nicht, dass du Angst hast«, nach ersten Rezensionen zu schließen ein schwer erträgliches Melodram, eine Schmonzette, die vor allem eines will: auf westliche Tränendrüsen drücken.
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Olympia und Lampedusa. Zwei Seiten einer Medaille. Samia Yusuf Omar flüchtete nicht aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen aus ihrer Heimat. Sie starb also auch wegen der unsportlichen und unehrlichen Verklärung von »Exoten« bei Olympia. Der eine verdient(e) Geld damit (wie »Eddie the Eagle«), andere gerührt bestaunte und belächelte Kurzzeit-Attraktionen werden schnell vergessen wie »Eric The Eel« – und Samia Yusuf Omar stirbt. Armes Mädchen.
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Lampedusa. Einst ein Urlaubs-Traumziel, die pelagische Insel zwischen Sizilien und Afrika, zwischen Camilleri-Krimis und Tomasi di Lampedusas »Leopard«. Heute ist Lampedusa eine Chiffre für das Grauen,  und auch, leider, für das scheinbar steinerne Herz des reichen Westens. So denken jedenfalls manche im Westen, die nur sich selbst ein weiches Herz attestieren.
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Aber wie soll man dieses Elend beenden, ohne unrealistische Gesinnungsethik, die das Elend noch verschlimmern würde, und ohne rechte Stammtischparolen? Je mehr Flüchtlinge durchkommen, desto mehr kommen nach und desto lukrativer wird das massenmörderische Geschäft der Schleuser. Gibt es irgendeine funktionierende menschliche Lösung? Der Papst und der Bundespräsident haben kraft Amtes gut reden, wenn sie gut reden.
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Manche dieser Zeilen könnten Ihnen bekannt vorkommen. Einige waren in dieser Kolumne schon vor Jahren zu lesen. Sie haben sich nicht geändert, weil sich nichts geändert hat. Aber wenn wir nichts ändern, könnte uns das gleiche Schicksal drohen wie dem untergehenden sizilianischen Adel in Tomasi di Lampedusas »Der Leopard«, der die Mahnung des alten Fürsten Don Fabrizio nicht beherzigte: »Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass sich alles verändert.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle