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Sonntag, 21. September, 6.25 Uhr

Oktoberfest. Es ist angezapft, was selbst in Hessen jeder bayerisch zu schreiben und sprechen versucht. Auch bei uns oktoberfestfetzt es, manchmal auch in Variationen wie dem “Almabtrieb”, bei dem die armen Kühe zuvor auf die Hügel getrieben werden, um sie dann abtreiben … abtreiben? … zu können. Schon drängeln sich Assoziationen zwischen diese frühmorgendlichen Zeilen: Abtrieb, abtreiben, Almabtrieb, auf der Alm, da gibt’s keine (bei “koa” sträuben sich mir Nackenhaare, Zunge und Schreibfinger) Sünde, sagt der Pfarrer, weil keine Kinder der Sünde wg. Almabtrieb … also, den gab es vorige Woche auch hier im Dorf, auf meiner Radrunde hörte ich  von weitem das von einem Anheizer ins Mikro gebrüllte “drei Promille, drei Promille”, was wohl der Tagesbefehl war. Über dreitausend Menschen kamen ins mit weißblauen Fahnen geschmückte Dorf. Ich verstehe das alles nicht. Steckt ein tiefer mittelhessischer Minderwertigkeitskomplex dahinter, dass wir unbedingt bayerisch feiern müssen? Hat nicht jedes Dorf im hintersten Hinterland sogar eine “Karibische Nacht”? Da lob ich mir die echt hessische Kirmes. So denkt wohl auch wenigstens ein Teil der Dorfjugend, jedenfalls habe ich nach dem Almabtrieb hübsche Grafitti gelesen, zum Beispiel “Frei statt Bayern”. Aber so manche urige Kirmes leidet an Existenzproblemen, im eigenen Dorf gibt es sogar keine mehr (und wie das oft so ist: Wer nie hinging, vermisst sie jetzt, obwohl er sie, zusammen mit anderen Nichthingehern, hätte retten können; dies ist übrigens eine heftige Selbstkritik).

Die sonntagmorgendliche Schreibübung, ohne Netz und doppelten Boden unkontrolliert vor mich hin zu schreiben, die noch schlaflahmen Gedanken aufzuwärmen wie die Muskeln vor dem Sportwettkampf, führt in seltsame Gefilde, in denen ich plötzlich als verhinderter Kirmesretter auftauche. Habe ich übrigens “Grafitti” richtig geschrieben? Im Blog läuft kein Rechtschreibprogramm mit, nachzuprüfen würde heißen, aus dem Blog raus und wieder rein zu müssen, was ein bisschen umständlich ist, also lasse ich die Grafitti Grafitti sein. Immerhin in korrekter Mehrzahl.

Das übliche Lamento (wie heißt hier die Mehrzahl? Lamenti?) über die gähnende Leere auf dem Montagsthemen-Themenzettel lasse ich heute mal sein, es wird sowieso schon werden, das wenigstens weiß ich aus hundert Jahren Kolumnenerfahrung. Dafür ist das Zettelchen für die Nach-Lese (am nächsten Samstag im Feuilleton) schon voll, hinzugekommen ist die Meldung, dass WM-Held Kramer (der, der nichts mehr davon weiß) ein “philosophisches” WM-Buch schreiben will, und zwar schnell, denn er möchte “das Weihnachtsgeschäft mitnehmen”. Passt gut zu der Gliederung auf dem Zettelchen: Richters Tagebuch, die Beobachtung im HSV-Trainingslager, die Gemeinsamkeit Literatur/Sport, die Gegensätze, die Literaten-Nationalmannschaft, der Medien-Auftrieb um den Hermann-Roman, der Hochjubel-Niedermach-Mechanismus und, wieder bei Richter landend, die heimtückische Boshaftigkeit in der Literaturszene, dargelegt mit Zitaten aus dem Richter-Tagebuch über Böll, Walser, Grass und Co., allesamt Freunde, aber diese Freunde, wenn sie es nicht hören oder lesen können, auf mieseste Art runtermachend (und beim nächsten Treffen freundschaftstrunken in ihre Arme sinkend). Und was die Kerle saufen können! Die wären heute noch Helden beim Almabtrieb.

Da freut sich das schlaftrunken schlurfende Hirn über den Bogen, den es ungewollt geschlagen hat, zurück zum Oktoberfest: Angezapft ist es (das Hirn), Mass-Arbeit beim Aufwärmen für die Kolumne. – Hab ich vorhin “gähnende Leere” geschrieben? Was ist das, eine Leere, die gähnt? Da muss ich wohl gegähnt haben. So was kommt mir nie in die Kolumne. Aber jetzt kommen: Kaffee, Kucken, Knicks.

8.30 Uhr: Ja, ich weiß es. Jetzt. Hätte es wissen müssen, als Griechisch-Anfänger: Graffito kommt ja über das Italienische/Lateinische aus dem Griechischen. Neugriechisch: “Graffo” (Lautschrift; exakt in Giechisch ist mir ohne Lexikon zu schwierig), schreiben, bzw “ich schreibe” (die Griechen kennen keinen Infinitiv, im Wörterbuch steht daher immer die 1. Person Einzahl/Präsens). Gibt mir aber die Gelegenheit, wieder einmal mein Lieblings-Graffito unterzubringen, vor zig Jahren gelesen an einer Gießener Behörden-Wand, “Ich glaub euch nix!”

So, und jetzt Montagsthemen. Wegweiser: HSV-Trainer/Slomka/Pep/Lewa & Co./Guardiola, verheddert auf hohem Nievau/auch die Köpfe/zum Glück die Beine stark/BVB-Typisches/Veh/ Genugtuung/Eintracht/Wann ist ein Hand ein Hand/ Apropos Groenemeyer: Tief im Westen Bochum ganz oben/Schlafanzug, Adidas, Klopp Trainingsanzug, wer näht das?, Omis in Bangladesh?/ Udo Jürgens 80, wer näht all seine Bademäntel/0der häkelt, oder strickt, mal die Genderbeauftragte fragen, Frauen wissen das doch)/ Schluss: Kragenbär / Wahrscheinlich nicht unterzukriegen, da zu komplex, also ein Extra-Thema demnächst: Das Buch über die Läuferin aus Somalia, ihre Teilnahme an Olympia 2008, ihr Tod vor Lampedusa und der fatale Zusammenhang zwischen unserer kolonialherren- und frauengönnerhaft beklatschten Vorliebe für Olympia-”Exoten” und der Lampedusa-Lage (nicht nur vor Lampedusa). Schon als Stichworte zu umfangreich, daher: Extra-Thema, extrem schwieriges und potenziell missverständliches.

Baumhausbeichte - Novelle