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Montagsthemen (vom 22. September)

Ein »Kicker, Finanzberater, Diskothekenbesitzer, Millionär« sorgt »für mehr Schwung in Hamburg (»FAS«) und beflügelt nicht nur den HSV, sondern auch die Phantasie. Welch eine Vita! Kam schon in der 3. Liga mit dem Ferrari zum Training! Whow! Wau! Weia!

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Zinnbauer also, Joseph, ein Vorname, der seit Josep Guardiola auch hierzulande zum »Pep« verkürzt wird. Er beflügelt meine Phantasie nicht, die hat von Natur aus weite Schwingen. Zinnbauer macht aber – Diskothek hin, Ferrari her – jedem Sportlerherzen Freude, wenn er nicht, wie leider üblich, den von ihm vorgefundenen schlechten Trainingszustand des Kaders beklagt, sondern den Vorgänger lobt, der ihm »die Mannschaft in einem Top-Fitnesszustand hinterlassen« hat. Dafür verdient er mehr als nur einen Punkt auf der Fairness-Skala.

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Der Original-Pep scheint sich auf seinem hohen Niveau bisweilen zu verheddern und dabei auch die Köpfe der Spieler zu verwirren. Aber deren Beine, sie sind einfach zu stark, kann er nicht komplett verwringen, daher geht der FC Bayern seinen Weg, zwar mühsamer als gewohnt, aber er geht ihn.

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Lewandowski und Götze gehen ihn mit, aber irgendwie verheddert in den Sahin-Kagawa-Komplex. Dem Klopp-Klub scheinen die Wechsel weniger zu schaden als den Wechslern, er spielt seinen Fußball wie eh und je, allerdings nur im Guten wie gegen Arsenal, im Schlechten dagegen wie in Mainz: Gegen nominell deutlich unterlegene, aber klug formierte, im eigenen letzten Drittel eingeschnürte und von dort gelegentlich Nadelstich-Konter setzende Mannschaften macht er das Spiel, man fragt sich nur, wann das erste Tor wohl fallen mag, und dann fällt es, auf der anderen Seite, und das scheinbar gemachte Spiel kippt und wird verloren. Leit- und Leidmotiv: Wenn man vorne genug versiebt hat, kriegt man’s hinten reingesemmelt.

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Womöglich auch bezeichnend, wie seltsam unaufgeregt Klopp, der Stimmungsbeauftragte, die Niederlage hinnimmt. Fast so, als gäbe es ein Motivationsgefälle zwischen Champions League und Bundesliga …

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So gesehen nimmt die Frankfurter Eintracht die wiederholte spielentscheidende Benachteiligung fast in Champions-League-Größe hin – statt vor ohnmächtiger Wut schier verrückt zu werden. Ein Elfmeter, der keiner war, keiner, der einer war, als Zugabe eine rote Karte, die keine war, zuvor die Kommunikations-Panne gegen Augsburg – falsche in richtige Entscheidungen umgerechnet, bedeutet das Punkte-Augenhöhe mit … Paderborn. Was nun auch wieder zu diesem aufdenkopfstellenden Saisonbeginn gehört wie ein erfolgreicher Torschuss aus 83 Metern.

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Wann ist ein Hand ein Hand? So oder so ähnlich fragt Herbert Grönemeyer (der auch »Tief im Westen« Bochum besingt, derzeit hoch oben in der 2. Liga, aber das ist ein anderes Thema). Also Handspiel: Die DFB-Regel 12 unterscheidet nur zwischen absichtlichem (Hand zum Ball) und unabsichtlichem (Ball zur Hand) Handspiel. Die oft in die Diskussion geworfene »Vergrößerung der Körperfläche« spielt keine Regel-Rolle. Nur die Absicht zählt, und die ist Ansichtssache. Die wäre allerdings mit Video-Hilfe überprüfbar. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

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Zur Textilindustrie. Onkel Dagobert würde im Grab rotieren, läge er denn drin (doch er ist ja unsterblich), wenn er von der Gewinnspanne erführe, die zwischen  15 Cent für eine kinderarbeitende Näherin in Bangladesch und  84 Euro im Laden für ein WM-Trikot liegen. Er müsste in Entenhausen neue Geldspeicher anbauen, um all die Fantastillionen unterzubringen.

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Ob er aber auch auf das Geschäftsmodell setzen würde, Schiedsrichtern in der Champions League abgeschnittene Schlafanzughosen zu verordnen? Sind das Restbestände, genäht von Omis in Bangladesch? Oder wird das Schlabberzeug gestrickt? Oder gehäkelt? Oder geklöppelt? Man müsste mal die Genderbeauftragte fragen, Frauen wissen das doch (dafür krieg ich Haue, doch Masochisten gönnen sich ja sonst nix).

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Wer näht, häkelt, strickt oder klöppelt  die weißen Bademäntel von Udo Jürgens, sein Tournee-Markenzeichen? Udo Jürgens ist gewiss nicht nur ein ganz Großer des deutschen Schlagers, sondern auch eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Er hatte aber auch Tiefen, steckte ganz unten im Popularitätsloch. Im Gedächtnis eingebrannt: Berlin, späte 70er Jahre, auf dem Kudamm parkend. Ein Auto schert ein, aus steigt mühsam ein gehbehinderter Mann. Sofort erkannt: Lord Knud von den Lords, der bekanntesten deutschen Beat-Band (zusammen mit den Rattles), nach einem Autounfall beinamputiert, jetzt Musik-Manager. Ihn kennt man. Zielstrebig überquert er humpelnd den Bürgersteig, verschwindet in einem Eingang, nicht nach links oder rechts blickend. Nach ihm  aus dem Auto gestiegen, tänzelt einer, nach links und rechts blickend, an einem Zeitungsstand Halt machend, immer noch tänzelnd in Zeitschriften blätternd, sich immer wieder demonstrativ umschauend, schließlich enttäuscht im Eingang verschwindend. Niemand hat ihn beachtet.

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Natürlich Udo Jürgens, damals in einem gewaltigen Zwischentief seiner Karriere. Heute weiß kaum einer, wer Lord Knud ist, aber alle kennen Udo Jürgens. Was lehrt uns Normalsterbliche das? »Irgendwann kommt das Glück auch zu Dir« (sang, glaube ich, Freddy Quinn). Auch wenn es ein halbes Jahrhundert dauert. Aber das ist ein … Sie wissen schon. (gw)

* (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle