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Sport-Stammtisch (vom 20. September)

Dass der FC Bayern, selbst wenn er als WM-Höchstgeschädigter erst bei 85 Prozent ist, am Ende eben doch noch 1:0 gewinnen kann, gehört zu den gesicherten Grunderkenntnissen des Fußballs, von denen es gar nicht so viele gibt. Denn die Erkenntnisse müssen, wie in der Naturwissenschaft, durch Wiederholung nachprüfbar sein.
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Im Fußball misslingt die Verifizierung am augenscheinlichsten im Fernsehen, wenn man nach dem Spiel überprüft, welche erkenntnishaften Überzeugungen die Berufsexperten vor dem Spiel verkündet hatten. Diese Falsifizierung funktioniert aber auch in der Zeitung. Zum Beispiel in unserer. Da hieß es in den »Montagsthemen«: Wer vor dem BVB-Spiel gegen Freiburg live Arsenal gegen City hat spielen sehen, könnte befürchten, dass die Dortmunder wie Gänse gerupft werden. – Und dann rupfte der BVB die Engländer in einem berauschendem Spiel zwar »nur« 2:0 nach Toren, nach Wertungspunkten aber ungefähr mit 11:1. Zum Glück habe ich noch nie, nie, nie behauptet, ein Fußball-Experte zu sein.
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Ein Fachmann bin ich aber, auch dank genügender Gelegenheiten, im Eingestehen eigener Fehler und in der Anerkennung besserer Leistungen von anderen. Von uns gibt es nicht allzu viele, vor allem nicht im Journalismus. Da freut es mich ganz besonders, wie einer der – jetzt ehemaligen – Spitzenreiter der »Wer bin ich?«-Rangliste auf die Lösung »Hoyzer« reagiert. Dr. Joachim Bille (Reiskirchen): »Alle Achtung, jetzt, in Kenntnis der Lösung, kann ich nur sagen: tolles, raffiniertes, feingewebtes, hintergründiges Rätsel! Bravo. Sie haben mich so richtig reingelegt… Großer Respekt vor den WBI-Wettbewerbern, die sich nicht von Ihnen hinters Licht führen ließen! Es hat schon ganz schön an mir genagt, dass ich die Nuss nicht knacken konnte, aber glücklicherweise hat mich unser BVB wieder aus dem Jammertal geführt.« – Ja, und was ist für den BVB-Fan schon ein popeliger Hoyzer-Punkt gegen den grandiosen CL-Dreier!
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Noch mal zur Nachprüfbarkeit. Zum Beispiel Immobiles Führungstor: Massel beim Fastverstolperer oder »Schieß-mich-selbst-an-Trick« (Fußball-Magazin »11Freunde«, leicht ironisch)? Oder der deutsche Slapstick-Freistoß bei der WM: Absicht? In beiden Fällen nur durch Wiederholung zu verifizieren. Do it again!
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Komplett anderes Thema: Besuch des Emirs von Katar. Tanz um den heißen Brei. Die absurde WM 2022, die Ausbeuterei beim Stadionbau, Korruptionsvorwürfe, Unterstützung islamistischer Kreise und einiges mehr, was man dem Emir unter die Nase reiben könnte – aber der gute Mann hat viel zu viel lockeres Geld im Portemonnaie, um ihn zu vergrämen. Als ich kürzlich wieder in Kontakt geriet mit einem alten Sportkameraden, der einst aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen war und nun schon seit über 30 Jahren in Katar als Trainer arbeitet, dachte ich daran, die Gelegenheit journalistisch zu nutzen. Nach kurzer Bedenkzeit lehnte er ab und vertröstete mich auf spätere Jahre. Mit meinem vollen Verständnis. Zu heiß der Brei.
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Heiß ist auch dieses Eisen: Warum greifen plötzlich gleich fünf Hochspringer den für unangreifbar gehaltenen Weltrekord (Sotomayor/2,45m/1993) an? Das Thema, um das es geht, ist nicht mehr mein Thema, daher kann ich mich nur auf einen weiteren alten Sportkameraden berufen, einen sehr erfolgreichen Trainer, der die gleiche Frage stellt, aber immerhin zumindest einen vom Verdacht freispricht: Mutaz Essa Barshin, ein Naturtalent. Die spindeldürre Sprungfeder kommt aus … Katar! Nicht eingebürgert, sondern ein echter einheimischer Prinz. Es gibt also auch angenehme Gesprächsthemen mit dem Emir.
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Mit Heribert Bruchhagen, meinem Helden schwieriger Eintracht-Jahre, gäbe es sicher einige angenehme Gesprächsthemen. Eines aber gehört garantiert nicht dazu. »Die Strittigkeit der Entscheidungen ist ein wesentliches Tool unserer Sportart«, sagt Bruchhagen dieser Tage, sein altes Mantra vom Salz in der Suppe mit dem IT-Wort (für »Werkzeug«) scheinmodern aufmotzend. Ich halte weiter mein altes Mantra von der Video-Hilfe dagegen und behaupte, die altvordere Verklärung des Salz-in-der-Suppe-»Tools« ist, mit Verlaub, quatsch, quätscher und unsportlicher geht’s nicht.
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Vom Video-Beweis halte ich natürlich auch nichts. Die Entscheidungshilfe für den Schiedsrichter ist mein Ding, aber wenn der Schiedsrichter zum Erfüllungsgehilfen eines nicht immer wirklich beweiskräftigen Video-»Beweises« gemacht werden soll, bin ich »ganz nah bei« Bruchhagen.
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Womit ich wieder einmal ein Schüttelfrost-Modewort zum ersten und letzten Mal benutzt habe. Noch ein solches: »Thomas Schaaf hat an vielen Stellschrauben gedreht« (Frankfurter Rundschau). Oder: »So sehen Sieger aus« (ebenfalls FR), eine der beliebtesten Mir-ist-sonst-nichts-eingefallen-Bildunterschriften überhaupt. Immer wieder apart auch, wenn »scheinbar« und »anscheinend« verwechselt werden. Beckenbauer: »Beim HSV hat sich scheinbar nichts geändert.« Also hat sich anscheinend was geändert – sagt Beckenbauer, das Gegenteil meinend.
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Mit solchen Beispielen will ich keiner der zur Penetranz neigenden Sprachbesserwisser sein, sondern mir den Spiegel vorhalten, wie schnell man selbst Sprachdummheiten fabrizieren kann. Sogar Sinn-Verschiebungen, die ich so gerne aufspieße, sind mir schon unterlaufen. Aber die Leser versorgen mich auch gerne mit Fremdobjekten. Alexander Jörg: »Anbei ein schönes Fundstück vom Journal Frankfurt für Ihre Sammlung. ›Staatsanwaltschaft stellt Verfahren wegen Kinderpornographie ein.‹«
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Das ist ja wirklich ein dicker Hund. Gruselig aber auch der Satz, den ich im aktuellen Spiegel lese und der wie der Titel eines Horrorfilms klingt: »Röhrenknochen lutschten die Esser aus.« Also Vorsicht beim Hähnchenessen, das Imperium der Geflügelten schlägt zurück. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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