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Sonntag, 14. September, 6.20 Uhr

Meldung der Nacht: Britische Geisel enthauptet. Mit dem Üblichen: Video im Netz, Report der kritischen Zwangsäußerungen der Geisel, ohnmächtige Trauer der Angehörigen, ebensolche Pflichtrhetorik aus der Politik. Insgesamt also genau die Propagandawirkung, die beabsichtigt ist. Wie damit umgehen? Totschweigen? Ich glaube ja, ich weiß es nicht (“Totschweigen”, welch ein Wort).

Tot ist nicht nur Blacky Fuchsberger, sondern auch Ruth Kappelsberger. Der Name sagt nur noch Älteren etwas. Eine der ersten Ansagerinnen im Fernsehen, als es das “Erste” noch gar nicht gab, weil es auch kein “Zweites” gab, sondern nur “das Fernsehen”. Ruth Kappelsberger war verheiratet mit dem ebenfalls in diesem Jahr gestorbenen Fred Bertelmann. Den habe ich in kindlicher Erinnerung als “lachender Vagabund”. Sehr beeindruckt von dem langgezogenen Lachen. Wie man als Kind von fast allem sehr beeindruckt ist.

Sophia Loren wird 80. Hat mich damals auch sehr beeindruckt. Aus anderen Gründen. Das Foto als Fünfzehnjährige … schwirrt das noch im  Netz herum?

Heutzutage bin ich beeindruckt vom Satellitenfoto der Erde mit 52 000 Lichtpunkten – mit Spezialantenne empfangene Signale von Schiffen auf ihren Routen durch die Weltmeere. Auf manchen der 52 000 wäre ich gerne. Am gernsten in der Ägäis. Interessant auch die befahrensten Schifffahrtslinien, die durch die Ballung der Lichtpunkte gut zu erkennen sind. Da sieht man auch, warum und wo die Piraten lauern – wo die Fische wie Heringsschwärme vorbeikommen, werden sie am leichtesten herausgefischt.

Die Schifffahrtslinie, die ich suche, liegt leider im Dunkeln: Am Monatsende von irgendwo (wohin man fliegen kann) aus Griechenland nach Samos. Bisher nur eine akzeptable Fähre gefunden: Montags um 17 Uhr ab Piraeus, Ankunft 4.30 Uhr. Samos war schon einmal Zwischenstation auf einer derartigen Reise. Zwischenstation und Drehscheibe. Die Insel hat drei Häfen. In Karlovassi damals verspätet eingetroffen, mit dem Taxi über die Insel gehetzt, am anderen Ende, in Phytagorei, rechtzeitig eingetroffen, um die eingeplante Fähre nach Kos ablegen zu sehen, nach Vathi gefahren, dort gab’s überhaupt kein Schiff, zurück nach Phytagorei, lange gewartet, dann über kleine Inseln (Kalymnos etc.) nach Kos. Dort die Anlaufstelle (sehr liebe urlaubende Verwandte) getroffen, ein, zwei Tage ausgeruht, dann zurück mit der Fähre nach Piraeus, einsteigen in Buslinie 96 zum Flughafen. Schon mehrmals so oder so ähnlich gemacht. Warum nicht geflogen? Kos hat doch einen Flughafen? Es gibt doch schöne Direktflüge von Frankfurt? Das kann nur jemand fragen, der kein Herzensfreund rumpeliger, schrottreifer griechischer Fähren ist. Von denen es leider kaum noch welche gibt, die meisten sind fast schon kreuzfahrtkomfortable neue, moderne Schiffe. Meine liebsten Fähren verkehren, wenn überhaupt, nur noch zwischen kleineren Inseln. Die meisten, nun wirklich schrottreif, dümpeln jetzt wohl vor Afrika und Asien herum.

Herrlich immer die An- und Ablegemanöver in der Ägäis, ebenfalls vor allem auf kleineren Inseln. Noch zehn Minuten vorher absolute Ruhe, Menschenleere rund um den scheinbar verlassenen Kai. Langsam kommen Mopeds, Autos, Lkw  von überall her. Menschengewimmel. Scheinbar aufgeregtes Stimmengewirr (klingt in Griechenland immer so, als ob eine große Katastrophe passiert sei). Plötzlich ist die Fähre da, kommt angerauscht, mit schon offener Klappe. Aus der allgemeinen Aufregung wird ein unglaubliches Tohuwabohu, aber plötzlich sind alle im Bauch verschwunden, vom Moped bis zum Zement-Lkw, von der zahnlosen Bäuerin bis zur Schulklasse (mit erstaunlich vielen dickleibigen Kindern), der Fährenoffizier, meist sehr stolz, immer weißuniformiert, paradiert noch einmal auf und ab, verschwindet als Letzter im Bauch, die Fähre legt ab, mit noch immer offener Klappe, auf dem Kai verläuft es sich, und wer zehn Minuten später hier vorbeischaut, würde nicht glauben, dass an diesem verlassenen, menschenleeren Ort gerade das Leben getobt hat.

Von Fährschifferlebnissen könnte ich noch zigzeilenlang erzählen. Aber ich muss ja jetzt was anderes erzählen. “Montagsthemen”. Bisher noch Leere auf dem Themenblatt und im Kopf. Business as usual also und same procedure as every sunday. Kalimera!

 

 

Baumhausbeichte - Novelle