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Montagsthemen (vom 15. September)

Kagawas Rückkehr. »Gänsehaut-Erlebnis«. Ein Ichkannesnichtmehrhören-Wort. Da krieg ich Piloarrektion im ursprünglichen Sinn (pilus = Haar; arrigere = aufrichten): Fellsträuben. Denn laut Darwin ist die menschliche »Gänsehaut« ein Überbleibsel der aufgerichteten Haare von Säugetieren »als Ausdruck von Wut«.
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Vollständig zitiert, aus dem Lexikon der Neurowissenschaft: » … und Angst mit der Funktion, bedrohlicher zu erscheinen«. Das kenne ich wiederum von meinem Hund, dem kleinen Angsthasen: Wenn ihm etwas bedrohlich erscheint, sträubt sich ihm das Nackenfell, auf dem Rücken fährt er die »Bürste« aus, und schon wiegt er  zwei Zentner und misst zwei Meter. Glaubt er.
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Auch Kagawa hatte Gänsehaut, aber nicht deswegen wirkte er vor der Südtribüne riesengroß. Ich hatte, zugegeben, ebenfalls eine … Erpelpelle. Ein zoologisches Synonym, das sich im Fußball leider nicht durchsetzen wird. Vielleicht löst aber Klopps neue Kreation das »Gänsehaut-Erlebnis« ab: »Mir stand die Jacke ab.«
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Die menschliche »Gänsehaut« leitet sich vom Aussehen einer gerupften Gans ab. Wer vor dem BVB-Spiel am Samstag live Arsenal gegen City hat spielen sehen, könnte befürchten, dass es der Borussia am Dienstag ergehen könnte wie früher (wirklich nur früher?) den Gänsen, die bei lebendigem Leib gerupft wurden.
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Aber wir wollen die Assoziationsspielchen mit dem G-Wort nicht übertreiben. Den Fans ist zu wünschen, dass der BVB gegen Arsenal wieder ihren G-Punkt trifft. Das gibt dann ein echtes … genau!
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Hinunter auf den Boden der Tatsachen des Frauenfußballs: WM-Qualifikationsspiel Russland – Deutschland in Moskau. Live in der ARD. Ein Geisterspiel? FIFA-Strafe als zusätzliche Sanktion? Oder sind die Russen schon alle auf dem Weg in die U …pps, sorry, damit treibt man keinen Scherz. Auch nicht mit dem Frauenfußball, sonst kriegt man gendermäßig zwischen die Hörner. Einigermaßen korrekt formuliert, jedenfalls nach Neukaltkriegsmaßstäben: Nur 500 Zuschauer – die Russen haben halt keine Kultur, auch nicht im Fußball. Bei uns dagegen platzen die Stadien der Frauen-Bundesliga aus allen Nähten. Und mancheR jetzt vor Lachen. Heimlich im gendergeschützten Keller.
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Und sonst? Die Leichtathletik-Saison ist beendet, David Storl verabschiedet sich mit starken 21,55 m in die Patella-OP-Pause. Auch die Rad-Saison endet langsam, bei der Vuelta lieferten sich Contador und Froome ein misstrauisch beäugtes Duell, und in diesem Zusammenhang müsste nach dem G-Wort und dem G-Punkt das D-Tabuwort folgen. Doch ich hüte mich und erwähne nur den Autofahrer, der  jetzt in Kandel bei einem Alkoholtest Kunsturin aus einer Penisattrappe abgeben wollte.
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An dem Trick des Autofahrers sind schon ganz andere gescheitert, zum Beispiel Eddy Merckx 1969, Michel Pollentier 1979 bei der Tour de France oder der ungarische Diskuswerfer Robert Fazekas 2004 in Athen, dem die Goldmedaille aberkannt wurde. Der Sport als Speerspitze der Bewegung – es dauert halt nur seine Zeit, bis er als »Miniaturkopie der Arbeitswelt« (ein Wort des Gießener Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter) im Alltag ankommt.
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Für mich aber die staunenswerteste Meldung: Bei der Spanien-Radrundfahrt wurden ein Italiener und ein Russe, der sich in einer Ausreißergruppe an dessen Sattel festgehalten hatte, disqualifiziert, weil sie sich während der Etappe wie die Kesselflicker kloppten – auf dem Rad, bei Tempo 40! Eine artistische Leistung, reif für den Tigerpalast (Tempo 40 ist dort allerdings nur schwerlich auf die Bühne zu bringen).
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Zwei Nachträge zum »Sport-Stammtisch« vom Samstag: Die »pirloisnotimpressed«-Kampagne ist keine Neuerfindung, sondern geht zurück auf die US-Turnerin McKayla Maroney, die als Olympia-Favoritin 2012 in London »nur« Silber gewann und bei der Siegerehrung eine derart angewidert-enttäuscht-zickige Schnute zog, dass eine Art Eiswürfel-Welle durch das Netz wogte und jeder eine noch angeekeltere Miene zeigen wollte, selbst US-Präsident Obama.
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Beim am Samstag von einem Leser aufgezeigten Rassismus-Aspekt (Legats »Nehgersaffd« / Tenor: Dummheit ist keine Entschuldigung) habe ich aus Platzgründen nicht mehr die aktuelle Umfrage anhängen können, dass es in Deutschland »viele Vorurteile gegen Sinti und Roma« gibt, denn »jedem dritten Bundesbürger wären sie als Nachbarn unangenehm«. Allerdings: Wie so manch andere Statistik bestätigt  auch diese nur mein Vorurteil gegen solche Umfragen, denn im Umkehrschluss wären 66 Prozent der Bundesbürger gerne Nachbarn von Sinti und Roma. Wer’s glaubt, wird selig und singt wie einst Alexandra: »Zigeunerjunge, Zigeunerjunge, wo bist du, wer kann es mir sagen … doch es blieb alles leer und ich weinte so sehr.«
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Übrigens hat auch das »SZ«-Streiflicht ein Ichkannesnichtmehrhören-Wort: »Nahbar«, das »in jenen Sprachbehälter gehört, den man die Betroffenheitskiste nennt«. Womit ich im großen K-Kreis (K für Kalauer) den integrativen Bogen ziehen kann: Nahbar wird der Nachbar in der Nachtbar. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle