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Sport-Stammtisch (vom 13. September)

Dass Bastian Schweinsteiger eine neue Freundin hat: So etwas kommt vor. Dass »Bild« die Sache exklusiv meldet: Na klar, wie immer. Auch das große Foto auf Seite 1, händchenhaltend, gehört zum Alltagsgeschäft, ebenso die Frage: Wer ist sie? Dass aber »Bild« Tomaten auf den Augen hat und erst tags darauf erkennt, dass die Unbekannte eine große Tennisspielerin ist, das ist … ein schwaches Bild, »Bild«!
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Auch ich hatte mal eine knallige Exklusiv-Schlagzeile aus dem weiten Feld der zwischenmenschlichen Beziehungsgeschichten. Als ich erfuhr, dass sich ein früheres deutsches Sportler-Traumpaar trennen und SIE zum besten Freund und Konkurrenten von IHM überlaufen würde, vereinbarte ich mit deren Trainer, die Sache bei uns exklusiv und vergleichsweise dezent zu melden. Hintersinn: Wenn »Bild« und Co statt vorpreschen zu können nachziehen müssen, werden sie – als »Verlierer« gegen eine popelige Provinzzeitung – zurückhaltender berichten. Doch nach der Veröffentlichung bedrängten mich die großen und nicht nur bunten Blätter, gierten nach weiterem exklusiven Stoff, was mir sehr unangenehm war. Ich fühlte mich, trotz der Abstimmung mit dem Trainer, ziemlich mies und beschloss, mich in Zukunft aus diesem unschönen Metier herauszuhalten. Den Vorsatz habe ich bis heute einhalten können, problemlos. Mangels Exklusiv-Masse wurde ich aber auch gar nicht mehr in Versuchung geführt.
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Ana Ivanovic also. Man hätte es ahnen können, denn von ihr wurde Schweinsteiger kürzlich für das Eiswürfel-Dingsbums nominiert. Mir fällt kein anderer schreibbarer Name ein, denn das Perfide ist ja, dass die Verknüpfung mit einem guten Zweck jede Kritik ins Bösmenschen-Abseits stellt. Aber ich erinnere mich gerne an das ökologisch vorbildliche Projekt einer großen Brauerei, die versprach, für jeden verkauften Kasten Bier einen Quadratmeter Regenwald zu retten. Da ließ sich mancher nicht lumpen. Beim Saufen für den Regenwald wurde um jeden Quadratmeter aufopferungsvoll gekämpft.
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Würde diese am Freitag vormittags geschriebene Kolumne live gelesen, käme jetzt »… breaking news … Pistorius der fahrlässigen Tötung schuldig.« Es wird heiße Diskussionen geben. Warum nicht Mord, nicht einmal Totschlag? Oder: Warum nicht straffrei, da Notwehr? Ich halte mich raus und denke an Bubi Scholz. Fast identische Tat. Frau durch die Klotür erschossen. Verurteilt wegen … fahrlässiger Tötung.
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Habe mir soeben einige zynisch klingende Sätze gestrichen, es ging um Prominenz-Bonus oder -Malus, Pistorius, O. J. Simpson, Behinderung, Hautfarbe und um die Frage, ob Bubi Scholz, wäre er schwarz und behindert gewesen … aber: gestrichen. Auch weil bei mir die Gefahr besteht, auf Kosten ernster Themen zu sehr zu witzeln.
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Wie zuletzt bei Legats »Nehgersaffd«. Dazu schreibt Bodo Gemmeker: »Oh Captain, my Captain! Ich bin ja in 99,Periode 9 Prozent der von Ihnen veröffentlichten Statements Ihrer Meinung. In der Rassismusdebatte jedoch nicht. Es ist nicht zielführend, eine dumme Äußerung, die gleichzeitig rassistisch ist, als lediglich dumm zu bezeichnen, weil sie vielleicht nicht rassistisch gemeint oder (wegen Dummheit) vom Autor nicht als solche verstanden wurde. Es kommt nämlich nicht auf die subjektive Intention, sondern auf die objektive Wirkung an. Und jetzt sind wir bei den Dummen, denn bei denen ist die Wirkung in Richtung Rassismus am größten und deswegen hochgefährlich.« – So ist es.
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Der Leser schließt mit einem P. S. »Ich bin übrigens der, der mal die Kombination Kugelstoßen und 10-km-Lauf vorgeschlagen hat. Immer noch keine Lust?«. – Ja, ich erinnere mich. Lust hätte ich schon, zehn Kilometer wären kein Problem, aber das Stoßen mit der Kugel scheitert an einem weiteren Vorsatz: So ein Ding nie mehr in die Hand zu nehmen.
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Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass zehn Kilometer nur auf dem Rad kein Problem wären. Würde ich laufen und käme ins Ziel, könnte ich aber gewinnen. Eine Wette gegen Andrea Pirlo. Die läuft im Internet, und es ist viel netter als das Eiswürfel-Dingsbums, »wenn der große Andrea Pirlo in Sydney sitzt, auf das Opernhaus schaut, Breakdancer, Beach Girls und eine Sängerin vor ihm agieren und er einfach cool keine Miene verzieht« (»FAS«). Die »Challenge« ist, Pirlo eine Regung zu entlocken. Jenem Juve-Profi, den der Kolumnist Axel Hacke so treffend beschreibt: »Ein Mann, der die herrlichsten Pässe mit einer Aura spielt, als wollte er sagen: Na gut, dann spiele ich diesen Pass eben doch, wenn ihr es unbedingt wollt, aber was ändert es schon daran, dass die Welt schlecht ist und wir alle sterben müssen.«
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Unter »pirloisnotimpressed« können sie nachprüfen, wie die Welt versucht, Pirlo zu beeindrucken. Ich wette, sähe er mich nach zehn Kilometern auf dem Zahnfleisch zum Opernhaus kriechen, würde er wenigstens einen Mundwinkel leicht nach unten ziehen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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