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Ein Jubilar will nur nach vorne schauen (“Wer bin ich?” vom 11. September)

Niemand hatte es mir zugetraut. Selbst der Macher der »Wer bin ich?«-Fragerunde nicht. Er war genauso baff wie die Journalisten aus der Medien-Bundesliga. Klar, dass sie alle meine epochale Leistung  gebührend würdigten. Nicht nur die Sportteile waren voll davon, auch die Talkshows standen Schlange (zum Beispiel war ich bei Kerner), und selbst ganz Sportferne erkannten verblüfft, was ich da zustande gebracht hatte: Mit »viel Geschicklichkeit, Fingerspitzengefühl und wahnsinnigem Timing« habe ich, so ein ganz Großer der schreibenden Zunft, die »diffizile Aufgabe mit grandiosem Einsatz gemeistert«.
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Natürlich mache ich es Ihnen nicht so einfach, das Zitat schnell mal nachzugoogeln, ich habe den Wortlaut geändert, aber nicht den Sinn. Apropos googeln: Solch ein neudeutsches Wort wurde auch mir gewidmet.
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Wie immer, wenn ein Sportler eine spektakuläre Leistung zeigt, wirken fleißige Hände im Hintergrund mit, manchmal ist das Geleistete ohne sie gar nicht denkbar. So auch bei mir. Ohne echtes Teambuilding hätte ich damals keinen Erfolg haben können.
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Damals … wie sich die Zeiten ändern. Meine Prämie (ein mittlerer fünfstelliger Betrag und ein Plasmafernseher) gälte heute als Peanuts, mittlerweile kann man in dieser Disziplin  Millionen scheffeln.
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Auch Künstler haben sich mit mir auseinandergesetzt, angeblich war ich ein beispielhaftes bürgerliches Subjekt in meiner Sportart, die von jeher von der Dialektik zwischen der Subjektivität der Arbeiterklasse und der …
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… ach, was weiß ich wovon sie geprägt sein soll, es muss irgendwas mit der Theorie dieses argentinischen Trainers vom »rechten« und vom »linken« Fußball zu tun haben. Rechten? Linken? Wissen die überhaupt, wovon sie reden?
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Ich möchte sowieso nicht immer nur mit der Sensationsleistung von damals in Verbindung gebracht werden. Tempi passati. Ich gehöre schon lange nicht mehr zu den hoffnungsvollsten Talenten, zumal ich vor dem erhofften Höhepunkt meiner Karriere eine quälend lange Zwangspause einlegen und abtreten musste. Kürzlich feierte ich Jubiläum … nein, nicht ich, die Medien begingen den Jahrestag mit einer ihrer üblichen Pflichtübungen, wenn runde Geburtstage, Weltrekorde oder Goldmedaillen von Sportgrößen anstehen.
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Meiner Sportart bin ich treu geblieben. Nach der langen Pause zunächst aktiv, aber unterklassig. Mittlerweile jedoch habe ich die Sportschuhe an den Nagel gehängt (man wird ja nicht jünger), gebe aber dem Sport etwas von dem zurück, was er mir gegeben hat und arbeite ehrenamtlich in verantwortungsvoller Führungsposition bei einem mittelgroßen Verein.
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Was ich gut finde: Dort zählen nicht meine Leistungen der Vergangenheit, sondern nur die der Gegenwart. Das kommt mir entgegen, denn ich schaue nur nach vorn, nicht wie so viele andere ehemalige Größen nostalgisch zurück. Wie sagte doch mein neuer Klubchef so richtig? »Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.« – Wer bin ich? Wer es weiß, gewinnt weder Peanuts noch Plasmafernseher, sondern einen Punkt (Einsendeschluss: 15. September) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle