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Montagsthemen (vom 8. September)

Das EM-Qualifikationsspiel knipst unserer Kolumne ein paar Zeilen ab, zur Strafe gönnen wir ihr hier keine einzige. Nur ein Wort: Gibraltar! Sogar ein Felsen spielt mit. Die EM wird also nicht verwässert, sondern verfelst.
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An ein Verfels … quatsch … an ein Verfallsdatum, leider an das eigene, erinnert eine kleine Meldung von den US Open: »Altmeisterin Hingis verpasst Titel im Doppel.« – »Altmeisterin«? War die Hingis nicht gestern noch ein junges Mädchen?
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Ebenfalls bei den US Open: Martina Navratilova macht ihrer Freundin öffentlich einen Heiratsantrag, sinkt dabei auf die Knie. Da läuft’s mir immer kalt über den Rücken. Auch bei Heteros. Diese aufdringliche öffentliche Selbstinszenierung!
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Rückblende: Christoph Daum heiratet, im Stadion des 1. FC Köln. Der Bräutigam steht im Tor vor der Südtribüne, die Braut im anderen. Dann gehen beide aufeinander zu und treffen sich im Mittelkreis, wo der Standesbeamte wartet. Grusel, grusel.
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»Aufdringliche öffentliche Selbstinszenierung« – wie heißt, wer ist das Gegenbeispiel? Da gibt es ein paar sehr angenehme Kandidaten, Klose & Co., aber the winner is, ganz klar: Dirk Nowitzki. Haben Sie das große Interview im SZ-»Wochenende« gelesen? Man könnte den Jungen für fast jeden Satz abknuddeln.
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Ist ihm bewusst, kein leichter Interviewpartner zu sein? – »Nein, warum?« – Weil er so bescheiden, zurückhaltend und bodenständig sei. Böse Jungs hätten oft die besseren Geschichten zu erzählen. – »Tut mir leid. Ich denke auch manchmal: Mensch, Dirk, sei doch nicht immer so vernünftig, sei doch mal wilder, aber was soll ich sagen, ich bin’s einfach nicht.«
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Natürlich kann auch Bescheidenheit aufdringlich öffentlich selbstinszeniert sein, aber nicht bei einem wie Dirk Nowitzki. Demnächst im Kino (Premiere: 16. September): »Der perfekte Wurf«, ein Dokumentarfilm über einen der größten deutschen Sportler aller Zeiten. Und morgen in der »Ohne weitere Worte«-Kolumne noch ein paar Interview-Happen aus der Süddeutschen Zeitung.
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Oscar Pistorius kann ganz gewiss nicht die »besseren Geschichten« erzählen. Ob er vor Gericht wenigstens die wahre Geschichte erzählt hat? Das muss die Richterin am Donnerstag beurteilen. Unabhängig davon hat sich Pistorius durch das, was im Prozess bekannt wurde und wie er sich dort verhalten hat, selbst zu lebenslänglichem Ansehensverlust verurteilt.
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Und nun zu einem ganz anderen Thema: Auch die Telekom will Sportwetten veranstalten. Hessen vergibt, im Auftrag der Länder, 20 Konzessionen, die Telekom hat eine davon dem Vernehmen nach sicher. Einige Bewerber werden leer ausgehen und klagen. Kein Wunder, denn die Lizenz ist eine zum Gelddrucken.
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Da fällt mir wieder einmal nur die alte Geschichte vom römischen Kaiser Vespasian ein, der seine Steuer auf Bedürfnisanstalten mit dem Satz verteidigte, der Flügel bekommen hat: Pecunia non olet (Geld stinkt nicht).
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Früher hausten Wettanbieter dort, wo es stank, in schäbigen Bahnhofsvierteln neben anderen Bedürfnisanstalten. Die Zeiten ändern sich, die Bedürfnisse bleiben die gleichen, nur ihr Ambiente nicht. Die Wettanbieter residieren in Vorstandsetagen und verstecken sich nicht im Zwielicht, sondern präsentieren sich stolz im Rampenlicht, bevorzugt auf den Trikots von Fußballern der von ihnen gesponsorten Bundesligaklubs. Dazu der O-Ton eines ZDF-Experten: »Ihre Wette in sicheren Händen!«
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Da bekommt der alte Karl Marx (»… jedem nach seinen Bedürfnissen«) neue Bedeutung. Non olet? Olet? Jeder riecht mit seiner eigenen Nase.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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