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Sport-Stammtisch (vom 6. September)

»Hallo gw! Hat unser wortreichnichtssagender ZDF-Bela Rethy wirklich gesagt, dass er ›fast überzeugt ist, dass die deutschen Nationalspieler lieber dieses Spiel als das WM-Endspiel verloren haben‹??? Ich glaub es irgendwie nicht«, fragt unser Leser Thomas Bernsdorff. – Ich habe es zwar nicht gehört oder überhört, aber ich glaube es irgendwie doch, denn diese messerscharfe Analyse ist Rethy durchaus zuzutrauen. Interessant auch das relativierende »fast« – man weiß ja nie, vielleicht hätten sie doch lieber dieses Spielchen als das WM-Finale gewonnen …
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Zum Beispiel Bastian Schweinsteiger. Eilmeldung von dpa: »Nach Niederlage gegen Argentinien: Schweinsteiger tritt als Kapitän zurück.« Die dpa bekundet »Respekt vor dieser Entscheidung“ und zitiert Schweinsteiger: »Natürlich könnte ich sagen, ich saß nur auf der Tribüne, weil ich verletzt war, aber als Kapitän sollte man sich nicht hinter fadenscheinigen Ausreden verstecken. Da muss man ein Vorbild für die Mannschaft sein.« Bravo! So spricht ein echter Kerl!
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Entschuldigung, ich sehe soeben: Die Meldung kommt nicht von dpa (Deutsche Presse-Agentur), sondern von dpo, dem Kürzel für die Internet-ten Veralberer von »Der Postillon«. Und noch einmal sorry für den kalauerigen Einstieg in diese sonst so sportfachlich seriöse Kolumne, doch belangvolle Schlüsse kann man aus dieser WM-Feierlichkeit mit argentinischen Spielverderbern nun wirklich nicht ziehen. Auch ZDF-Rethy hat’s wohl ebenfalls nicht ernsthaft gemeint. Hoffentlich.
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Aber ich kann auch ernsthaft: Wie das deutsche Fußballpublikum den vom Fußball-Schicksal gebeutelten Mario Gomez nicht erst seit Mittwoch behandelt, das ist eine Schande. Mobbing auf höchster und öffentlicher sportlicher Ebene. Zum Glück ist Gomez ein kluger Junge (und zudem ein angenehmer Typ), weiß das einzuordnen und scheint stabil genug, um seine von Häme begleitete Pechsträhne (Torflaute, Verletzungen, WM-Aus) und das ihm aufgepappte Tölpel-Schönlings-Image ertragen zu können, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen.
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Verletzungsfrei, in Topform, ohne dieses ungewöhnliche Schusspech und in einem mit ihm kompatiblen Spielstil gehört Mario Gomez zu den besten Stürmern der Welt. Vielleicht beweist er es schon morgen gegen Schottland.
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Noch einmal zu Schweinsteiger: Er ist der logische Kapitän, dass die Nachfolge von Lahm überhaupt diskutiert wurde, verstehe ich nicht. Hätte Löw einen anderen ernannt, wäre das in etwa so absurd, als hätte Thomas Schaaf in Frankfurt einen anderen als Alex Meier … upps!
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Ach ja, die Eintracht. Joschka Fischers Mittelmäßigkeits-Ausfälle gegen Heribert Bruchhagen zeigen nur eigene Maßlosigkeit, gepaart mit nicht einmal mittelmäßigem Fußball-Verständnis. Da schleicht sie wieder heran, die Angst, dass manche Politiker in ihrem eigenen Metier den gleichen Durchblick haben könnten wie Fischer im Fußball: Plakative Sprüche kloppen, ohne zu verstehen, wie die Sache wirklich läuft.
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So. Drei Kreuze gemacht und etwa einen Kilometer Kolumnentext gelöscht. Denn von Joschka kam ich über Cohn-Bendit, die Frankfurter Traumfußballphantasten, deren krachend gescheiterte Spinnereien vom linkssozialromantischen Fußball und das von ihnen lange bejubelte Heynckes-Intermezzo (auch Spontis träumten heimlich von der Peitsche, wusste jede Domina am Main) auf das havarierte Narrenschiff, das erst von Bruchhagen flottgemacht wurde … aber als ich dann auch noch mein Wort von der »Legatisierung der Okochas« aufwärmen und zum von der Bild-Zeitung vorabgedruckten Legat-Buch kommen wollte, mit besonderer Berücksichtigung der »Negersaft«-Affäre, da erst erkannte ich, meine Leser nicht schon wieder mit diesen alten Geschichten belästigen zu sollen. Also: Kill Text.
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Das von Legat über das Werbefoto seines Saft trinkenden späteren Stuttgarter Mitspielers Thiam geschriebene Wort (ich hatte ihm das gar nicht zugetraut, sondern von ihm eher »Nehgersaffd« erwartet) zeugte nicht von Rassis-, sondern von Brummsdummismus. Für die wieder aufgeflammte Rassismus-Debatte um den Footballklub Washington Redskins fehlt mir noch das bezeichnende Wort. Auf der Meinungsseite der Washington Post heißen die Redskins ab sofort nicht mehr Redskins, sondern politisch korrekt »Native Americans«. Auf der Sportseite der Post bleiben die Redskins aber Redskins. Eine echte Doppelmoral.
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»Rothaut« sei eine Diskriminierung, meinen die Meinungsmacher. Wie doppelt diskriminiert war denn dann ich, der rothaarige Junge, der im Kinderfasching als Rothaut ging!
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Aber kann es etwas mit Diskriminierung zu tun haben, wenn sich Redskins Redskins nennen? Für ihre Namen wählen die NFL-Klubs schließlich positiv besetzte Begriffe, oder gibt es etwa die »Stinktiere New York« oder die »Dallas-Deppen«? Dennoch stieß ich bei meinen Recherchen im eigenen Archiv dann aber doch auf den Beweis, dass die Redskins nicht nur Indianer diskriminieren, sondern alles, was sich ihnen in den Weg stellt: »Für einen Sieg würde ich sogar meine eigene Mutter über den Haufen rennen«, gab einst »Redskin« Russ Grimm zu. Sein Mitspieler Matt Millen bestätigte: »Ich würde für einen Sieg auch die Mutter von Russ über den Haufen rennen.«

Baumhausbeichte - Novelle