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Donnerstag, 4. September, 11.10 Uhr

Keine Zwischen-Kolumne in dieser Woche, es bleibt bei den Standards Montagsthemen, Ohne weitere Worte und Sport-Stammtisch. So sollte es auch sein, maximal, hatten wir vor zwei Jahren vereinbart. Dass es meistens vier und manchmal fünf Kolumnen (mit Feuilleton und Seniorenjournal) pro Woche geworden sind, liegt daran, dass die Redaktion Zusatzkolumnen gerne sieht und ich sie gerne schreibe. Freut mich natürlich, das sagt mir, dass die Jungs nicht denken: Ach, der Alte, schon wieder ein Text von ihm, wann hört das endlich auf? Mich freut auch sehr, wenn ich schöne Kolumnen der Kollegen lese, wie heute im Blatt die von Michael Wiener. Die Jungs sollten sich sowieso öfter trauen, manchmal denke ich, über 40 Jahre gw hemmen den einen oder anderen.

Meine geplante Boris-Becker-Zusatzkolumne war also nicht nötig, glücklicherweise, denn ich bin über Bruchstücke nicht hinausgekommen. Ich wollte Sätze aus dem Beginn des Romans “Karlmann” von Michael Kleeberg mit Passagen aus dem Becker-Interview im Spiegel mixen und … ja, und dann? Daran bin ich  gescheitert, ich finde nicht den Dreh zu einer überzeugenden Conclusio. Ich lasse die Bröckchen im Steinesbruch des Blogs liegen, vielleicht wird irgendwann mal was draus.

Zuerst die Kleeberg-Bröckchen (Karlmann hat geheiratet, seine Traumfrau, am Hochzeitstag sieht er im Fernsehen, wie Boris Wimbledon gewinnt):

 

Wo entspringt diese ungeheure Zuversicht, die sich durch den Bildschirm auf dich überträgt und fortpflanzt: Es kann nichts passieren. Es kann nichts schiefgehen. 

In den leeren blauen Augen, die nach innen horchen (darüber im Sonnenlicht leuchtend der weißblonde Fransenteppich der Schweinswimpern)? In dem ernsten, versunkenen, kalten Kindergesicht? (…)

Vielleicht in dem breitbeinigen, steifen, fast gorillahaft im Oberkörper pendelnden Stand auf weißbeflaumt-weißen, obszön kräftigen, säulenhaften Schenkeln? (…) Oder in der im Grunde lächerlichen geballten Faust, der man dennoch glaubt wie der Geste des Erlösers?

(…) Und wie er fällt! Der Sprung dem ausgestreckten Arm hinterher, quer in der Luft schwebend. Der Aufprall dieses schweren, großen, weißen Kindmann-Körpers. Ein abstoßender Anblick: wie ein erschossenes riesiges Albino-Tier.

(…) Und dann dieser Blick! Dieser blaue, undurchdringliche, unbezwingbare und zugleich nichtsahnende naive Blick aus diesem zarten Kindergesicht! Gott, er weiß gar nicht, was das ist: Verlieren! Er weiß gar nicht, was das ist: Niederlage und Angst und Scham! Er kann zwanzigmal wie ein geschlachtetes Schwein in den Staub klatschen und wird wieder hochkommen mit diesem intakten Blick. Der nichts Gutes verheißt. Das ist mehr als Zuversicht, mehr als Gewissheit, mehr als Sport.

Das ist etwas ganz Neues, etwas, das noch nie da war und wofür es kein Wort gibt. Das ist der, der unsere Träume erfüllen wird, das ist der, der dich spüren lässt, welch grenzenloses, welch unermessliches Potential du selber hast.

 

Es folgen noch weitere schöne Sätze aus dem Roman von 2007, auf den ich erst jetzt gestoßen bin, da Kleeberg einen zweiten “Karlmann”-Roman geschrieben hat, dessen Rezension mich neugierig macht, aber bevor ich mir den kaufe, lese ich erst einmal und erstmals den Ur-Karlmann im Taschenbuch.

Es folgen Becker-Bröckchen aus dem Spiegel-Interview:

 

Es ist 29 Jahre her, dass Sie Wimbledon gewonnen haben  … – “…zum einen ein Moment, den ich mir immer ertäumt habe, zum anderen einer, an dem ich ein Monster erschuf: den 17-jährigen Leimener. Es ist wie bei der ersten Mondlandung, da erinnern sich die Leute  auch noch, wo sie waren damals.”

Ist es nicht eher so, dass die Leute, die früher mit Ihnen mitfieberten, heute Mitleid haben? - ”Warum sollten sie? Es geht mir gut.” – Weil Sie im Fernsehen dämliche Hüte aufsetzen und sich zum Affen machen.  Die Leute fragen sich: Warum, um Himmels Willen, benimmt sich Boris Becker nicht wie ein erwachsener Mann? – “Ja, da schenke ich mir erst einmal etwas Wasser ein, bevor ich zur Antwort aushole. Also, ich lebe mein Leben nicht, um es anderen recht zu machen. (…) Ich habe niemanden gewungen, die Sendung einzuschalten, die ich übrigens amüsant fand. Offenbar hat nicht jeder meinen Humor.”

“Last doch die Kirche im Dorf, Freunde! Komischerweise sind diejenigen, die mich ständig dafür kritisieren, die Schlimmsten. Die schließen von ihrem traurigen Leben auf das anderer.”

“Ich bin auch der Meinung, dass er so gut aufschlägt wie noch nie. Jetzt dürfen Sie mal raten! Ich habe das ja auch ganz ordentlich gemacht.” (über seine Trainingsarbeit mit Djokovic)

“Schon als Tennisspieler habe ich provoziert, aber ich konnte mich mit dem Argument rechtfertigen: Einen Wimbledonsieger kritisiert man nicht, ich bin Siegfried, der Drachentöter, ich kann alles, ihr könnt mich mal. Dieses Argument ist mir entfallen.”

“Ich wollte Unternehmer werden. Ich habe mich mit erfahrenen Wirtschaftsmanagern umgeben. Durch die vielen Meetings  in den letzten 15 Jahren habe ich quasi ein Fernstudium in BWL machen können. Learning on the Job! Dadurch habe ich die Chance bekommen, in verschiedenen Metiers Geld zu verdienen.”

“Für mich stellt sich die Frage: Bin ich im Herzen ein Autoverkäufer? Verkaufe ich die Häuser lieber? Oder fusioniere ich mit anderen Häusern, damit ich größer und rentabler werde? Da bin ich mit Mercedes-Benz im Gespräch.”

“Ich lebe in London, und hier habe ich drei Joint Ventures. Es sind summa summarum 50 Menschen für und mit Boris Becker im Einsatz.”

“Ich mache Geschäfte mit einer Investmentbank. Den Namen möchte ich aus Diskretion nicht nennen. (…) Ich vermittle Geschäfte im Bereich Immobilien, Bodenschätze und Neuer Medien. Sozusagen Mergers and Acquisitions. Ich bringe A und B zusammen. Dafür stehe ich jeden Morgen auf, ohne da jetzt im Detail mehr drauf einzugehen.” – Schade.

Seit Januar sind Sie kein Markenbotschafter mehr für Mercedes (…). Auch der Werbevertrag mit Poker-Stars ist ausgelaufen. Als Testimonial sind Sie nicht mehr gefragt. – “Es war nie mein Berufswunsch, Werbeträger zu sein.”

“Ich arbeite gern. Ich bin fast ein Workaholic. So funktioniere ich, so habe ich auch Tennis gespielt.”

 

Beim Abtippen kommt mir der Gedanke: Die Zitate aus Buch und Spiegel benötigen gar keine Conclusio, gut gemixt sind sie schon eine. Sehr traurige. Vielleicht also doch demnächst im Blatt.

 

 

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle