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Montag, 1. September, 12.20 Uhr

Gestern wurde es sehr spät und stressig, weil sich der Anlass tief im Westen lange hinauszögerte (ich saß aber nur wie auf heißen Kohlen im Auto). Beim Aussteigen, um den Hund Gassi zu führen (während der andere mit seinem und meinem Menschen Prüfungen ablegte), stieß ich auf dieses schöne Hinweisschild vor dem weitläufigen Gelände:

Gutsverwaltung

Zech von Hymen

Bewohner und Besucher

10km-Kinder und Hunde

Alarmanlage – Signal

Ich rätselte nicht lange über “Zech von Hymen”, denn auf den zweiten und dritten Blick merkte ich, dass dort nicht “Hymen” und auch nicht “Hymnen” stand, sondern eben “Hymmen”. Wird sich wohl um die alte Zeche des Ortsteils Hymmen handeln. Dachte ich. Nein, so heißt der Besitzer! Alles klar. Aber was sind “10-km-Kinder”? Ist hier ein Heim, führt eine der Gruppen diesen Namen, weil sie 10-km-Märsche macht? Spät erst löst sich, löst sie, löst mein Mensch das Rätsel: Die 10 km stehen für sich, das Zeichen, das ich für ein Divis gehalten hatte, ist nur zu nah an die Kinder gekommen. Immerhin, so habe ich mir etwa eine Stunde lang die Zeit vertrieben, um dann endlich zu wissen: Auf dem Gelände des Herr Zech (hübscher Vorname) von Hymmen  beträgt die Höchstgeschwindigkeit 10 km/h, ist frei nur für Bewohner und Besucher und Kinder und Hunde, und Strolche werden von Alarmanlage und Signal in Schach gehalten.

Sprache ist Glücksache. Oder Pechsache. Soeben habe ich eine Mail von Dr. Siegfried Grosse in die “Mailbox” gestellt. Bitte reinklickern und lesen, ich warte solange.

 

Fertig? Meine Anmerkung dazu, weil es um eines meiner Zeitungs-Babys geht etwas ausführlicher:

Die Rubrik “kurz notiert” habe ich vor vielen Jahren eingeführt, um kleine Meldungen kompakt ins Blatt   zu bringen. Ich habe die Rubrik immer sehr gerne selbst bearbeitet,  weil sie auch eine Stil- und Disziplinübung ist. “kurz” notiert war  das Programm: Selbst umfangreiche Artikel, für die kein Platz war, wurden nicht in den “Stehsatz” abgeschoben, sondern mit ihrem nackten Nachrichtenwert in aller Kürze in diese Rubrik gepackt. Das ist mühsam, verlangt große Kürzungen und Umformulierungen, oft auch eine eigene Zwei-Sätze-Zusammenfassung des Agenturartikels. Es ist, wie gesagt, ein echtes Schreib- und Redigiertraining. Gut macht es, wer so viele Meldungen wie möglich verständlich mit ihrem echten     Nachrichtenwert unterbringt. Schlecht, wer die Rubrik nur mit wenigen längeren Meldungen füllt, oft dann auch nur mit dem Beginn des Agenturartikels.
Ich hatte auch den Anstoß mit Absicht auf die erste Sportseite oben und kurz notiert auf die letzte (überregionale) unten platziert, als gleich wichtige Kür und Pflicht zwischen den üblichen Artikeln.
Ähnlich war die Absicht bei den Rubriken “Auslandsfußball in Zahlen”  und “Aktuelles in Zahlen” – Interessenten kleinerer Sportarten bzw.     ihrer Urlaubsorte konnten sich stets an der gleichen Stelle über das Wichtigste aus ihrer Randsportart oder über das Ergebnis des Fußballklubs ihres Urlaubsorts informieren.
Dass meine Vorstellungen zumindest nicht mehr durchgängig eingehalten werden, ist aber nicht schlimm. Jede Zeit hat ihren Stil  und dessen Interpreten, es werden neue Prioritäten gesetzt, zum  Beispiel der bewusste Verzicht auf umfassende Information, weil gerade die Informationen der kleinen Einheiten  wie “kurz notiert”  nur Spezialinteressen berühren und jederzeit im Internet zu finden  seien.
Auch auf Sprache, auch auf komplexe Zusammenhänge und Logik wird  nicht mehr so viel Wert gelegt, gefördert durch das Getwitter und  Gezwitscher im Netz, dafür netzmenschelt es mehr, mit der Casting-Seuche und ähnlichem.  Insofern hält sich “meine” (frühere)  Redaktion an Vorgaben von außen, ist aber, was mich sehr freut, dem Geist der neuen Zeit nicht so beflissen hinterher, wie man das in     anderen Zeitungen sieht.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle