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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Die zu wahrende Würde von Geist und Moral über den körperlichen Niedergang

Musste unbedingt Ihren Beitrag im Seniorenjournal lesen. Mühsam genug, aber das war Pflicht, die Pflicht des Geistes,  die Unzulänglichkeit des Körperlichen zu ignorieren. Denn: Steines-Beiträge zur Kenntnis zu nehmen übt diesen, den Geist genau so wie sie ihn herausfordern. Alles konnte ich nicht hinreichend gründlich entziffern, das Wesentliche vielleicht schon. So weit Ihr Text ein Plädoyer für die zu wahrende Würde von Geist und Moral über den körperlichen Niedergang ist, kann ich aus ganzem Herzen und mit einigem Verstand zustimmen. Und genau so war es ja heute morgen mit der Verpflichtung, die ich meinem Körper auferlegt habe, diesen Artikel zu lesen, um die Würde des Alters gegen die jugendliche Gesundheit zu wahren. Gelungen. Genau so gelungen wie Ihr Beitrag insofern er die Kritik des jugendlichen Geistes an den etablierten Alten ebenso gelten lässt, wie die Kritik der Alten, die den Jungen zurufen: Euer Radikalismus ist vorübergehend, seid Ihr erst einmal etabliert. Allein, so stimmt es nicht vollständig. Mir scheint, oder besser: es ist allzu evident, dass die modernen Alten nicht alt werden wollen, weder an Geist noch an Körper. Sie kleiden sich sorgfältig nachlässig, man sieht ihnen ihre Designerhosen genau so an wie den Jungen die Designerturnschuhe oder das teuere Smartphone. Antiaging, rote kurzgeschorene Haare, wellness, Körperlichkeit über alles. Da hat Ihr junges Alter Ego schon recht, immer noch und ohne Relativierung. Ob diese alte Generation, zu der ich rein äußerlich ja auch gehöre, wirklich die Würde, Souveränität und das politische Interesse hat, Gesellschaft weiter zu gestalten, bezweifle ich. Das gilt allerdings auch für die moderne Jugend, die doch so ganz anders erscheint als Ihr jugendlicher Steines. Es kommt mir so vor, als hätten sich die Gruppen geistig und vom Lebensstil angenähert. Junge haben selten oder viel seltener als früher Interesse für Fragen, die ihr eigenes Wohlergehen übersteigen. Da gibt es keine Protestkleidung mehr, kaum noch erkennbare Meinungen zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Das Einkommen, die Party, das Event, der Wellness-Urlaub, der Tauchkurs in fernen Ländern. Das ist es, was junge, auch alte, Menschen interessiert. Mit diesen kann eine entschlossene politische Bewegung machen, was sie will. Vielleicht subjektiv alles verständlich. Man wird vereinnahmt vom Job, wie man heute sagt. Man bricht aus, aber nur noch in das Event. Schon 20jährige interessieren sich nur noch für Karriere, die man sich nur als Banker vorstellen kann.
Geschimpfe eines Alten? Ich bin alt, ich bin jung. Und bleibe bei der Diagnose: ein Unterschied der Gruppen gibt es schon rein äußerlich kaum noch, aber auch im inneren Habitus nicht mehr.
Sie haben aber Recht: es bleibt der Sieg des Geistes über den Körper am Ende übrig. Aber für viele erst dann, wenn gar nichts mehr geht. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle