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Sport-Stammtisch (vom 30. August)

Sechs Tage ohne Handy, Internet, Mail, Zeitung, Radio, Fernsehen. Teils unfreiwillig (kein Netz), teils gewollt. Andere gehen dafür ins Kloster, ich fahre Rad. Einziges Problem: Zu Hause wächst der Zeitungsstapel, der abgearbeitet werden muss, um als ausgewiesener Experte die Kernkompetenz für das Spezialwissen über »Sport, Gott & die Welt« aufzufrischen.
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Der noch sehr hohe Stapel hat mir schon eine Inspiration für die nächste zu suchende Person der »Wer bin ich?«-Serie (dies als erster Tipp!) gegeben. Hängen geblieben bin ich aber an zwei Interviews. Sie haben die unbeabsichtigte Gemeinsamkeit, das Gegenteil von dem auszudrücken, was der Interviewte rüberbringen will. So möchte Boris Becker im »Spiegel« gar zu gerne sein peinliches Image korrigieren, wird aber gnadenlos vorgeführt. Fast jeder Satz reif für unsere Zitaten-Kolumne »Ohne weitere Worte«. Aber da ich mich nicht daran ergötzen kann, wie Becker den Kakao trinkt, durch den er gezogen wird, will ich lieber mit eigenen Worten auf diese tief traurige Selbstentblößung zurückkommen, zumal mir der echte Boris am Tag, als ich das Interview las, in einem anderen, einem literarischen Zusammenhang begegnet ist. Mehr dazu nächste Woche.
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Was bei Becker leider allzu offensichtlich dem eigenen Anspruch widerspricht, findet sich bei Thomas Schaaf zwischen den Zeilen. Von der »Frankfurter Rundschau« aus gegebenem Anlass befragt, behauptet er: »Ich habe mit Alex Meier kein Problem.« Die Aufregung in Frankfurt sei unsachlich und überemotional, »für mich gibt es diese Diskussion nicht«. Als die »FR« ungläubig nachfragt, legt Schaaf nach: Er müsse sich mit Meier genauso beschäftigen wie »mit Kinsombi«, Meier nähme »genauso viel Raum ein wie jeder andere auch. Er steht bei mir nicht infrage. Kein Spieler steht bei mir infrage. Sie führen die Debatte emotional.«
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Was Schaafs Image zu entsprechen, also sachlich und unemotional zu sein scheint, ist zwischen den Zeilen gespickt mit unsachlich emotionaler Manipulation, so berechnend und clever, wie Boris Becker gerne wäre. Meier ist seit Jahren der beste und wichtigste Fußballer der Eintracht, hat größte Verdienste und wäre der logische Kapitän, wird aber von Schaaf übergangen und als einer unter vielen, als einer unter allen im Kader bezeichnet, was wiederum neidischen Mitläufern gut gefallen dürfte. Gruppendynamisch nicht unklug von Schaaf, zumal Meier schon als Typ nicht groß aufmucken wird. Menschlich handelt Schaaf aber zumindest diskussionswürdig. Sportlich dagegen, und dieser Aspekt gehört natürlich dazu, ist es völlig in Ordnung, den angeschlagenen Rekonvaleszenten nur behutsam ins Team einzubauen.
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Neben dem großen Stapel hat sich auch ein Stapelchen Leserbriefe feinster Art angehäufelt. Ich danke sehr herzlich (zum Beispiel Barbara Tomsch, Elsbeth Weil und Klaus Abel). Eine Auswahl der liebenswürdigen Zuschriften steht online in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«. Zwei »kritische« Zuschriften sind auch darunter. So korrigiert Rüdiger Trebing (Karben) eine falsche Tageszeit im »Sport-Stammtisch« vom 23. August: »Unsere Verteidigungsministerin hat die Transall-Flugzeuge auf dem Fliegerhorst Hohn (!) nicht in der Abenddämmerung auf die Reise geschickt – nein, es graute der Morgen. Oder besser, mit Blick auf die Ministerinnen-Pose – dem Morgen.« – Danke, das ist Kritik, die man gerne liest.
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Wie die von Matthias Weidner (Lollar), der »mit Vergnügen Ihre Fundstücke zum Subjekt-Objekt-Tausch« liest. Jetzt aber stieß unser Leser »auf eine Schlagzeile, mit der der Autor einen Schritt weitergeht: ›Dach vom Gerätehaus saniert‹. Das ist ja ein Ding! Geht das auch bei Wohnhäusern?« Daran knüpft unser Leser amüsante Gedanken (ungekürzt in der »Mailbox«) und schlägt (»wenn schon falsch, dann richtig falsch«) diese Schlagzeile vor: »Dem Gerätehaus sein Dach saniert.«
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Matthias Weidner fand das vom Gerätehaus sanierte Dach in der … welcher Zeitung? Hab ich jetzt vergessen, liebe Kollegen. Keine Amnesie überfällt mich aber, wenn es um eigene Peinlichkeiten geht. Gestern zum Beispiel, abends zurück von der Radreise, hole ich uns noch schnell eine Pizza aus der Gaststätte. Beim Bezahlen purzelt mir alles Münzgeld aus dem Portemonnaie und rollt durch die Kneipe. Normalerweise kriege ich da einen roten Kopf und sammele das Geld gebückt und hastig ein. Doch diesmal, inspiriert von einer Schlagzeile oben auf dem Stapel, die ich kurz vorher zu Hause gesehen hatte, fiel mir ein hammermördersuperguter Gag ein. Also rief ich, als geborener Comedian, meinen Über-Gag stolz auftrumpfend in die Runde. Niemand lachte. Betröppelt zog ich als armer Trottel ab. Aber ich wette, Sie, meine lieben Leser, können darüber herzlich lachen, »Anstoß«-Leser haben schließlich den besten Humor, gelle? Denn ich rief, situationskomisch unschlagbar: »In Frankfurt werfen sie mit Scheinen, ich hab leider nur Münzen!«
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Ich bin nicht nur humor-, sondern auch telepathisch begabt. Daher warte ich jetzt auf dröhnendes Gelächter und einen donnernden Applaus. Ich warte. Ich warte. Ich WARTE! – Tja. Doppelt betröppelt geht ab:  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle