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Lebe Deinen Traum, Peps Appetit und … »Geht’s?« (“Beste Reste” vom 28. August)

Beim Zusammenstellen der wöchentlichen »Ohne weitere Worte«-Kolumne bleibt aus Platzgründen einiges von dem gesammelten Material unberücksichtigt. Bevor der große Stapel entsorgt wird, präsentieren wir heute das Beste vom Rest der letzten Monate, beginnend mit drei Zitaten zum Aufwärmen, gefolgt von meinen drei Favoriten des Sommers.
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»Ich habe damals fast keinen akzeptiert, der nicht so viel vom Fußball verstanden hat wie ich. Und ich habe gedacht, ich verstehe ohnehin am meisten davon, ich konnte mich also eigentlich mit niemandem unterhalten. (…) Na ja. Bescheuert halt.« (Armin Veh im SZ-Interview über den Armin Veh von früher)
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Noch heute, 35 Jahre nach Woodstock, genügt der endlose, gurgelnde, gequälte und triumphierende, legendär tierische Schrei, und jeder weiß: dieser vokale Koitus ist Joe Cocker bei »High with a little Help from my Friends.« Andere hätten damit auf der Stelle ihre Stimme verloren. (FAZ zum Siebzigsten von Cocker)
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Tex Rubinowitz, der am Ende den Hauptpreis gewinnen wird, wirkt (…) wie ein einzelgängerischer Mod, der seine Hefte der Geste wegen in einer Aldi-Tüte zur Schule trägt und dessen Alleinstellungsmerkmal seine ungeheure Lässigkeit ist. Der Gedanke an ein Mofa mit Fuchsschwanz drängt sich auf (die Schriftstellerin Helene Hegemann über den Auftritt von Rubinowitz beim Bachmann-Preis in Klagenfurt).
Es war ein heißer Tag, der immer stickiger wurde und der Stau immer länger. (…) Wir klebten in unseren Sitzen und hinter diesem Riesenmobil, auf dessen Rückfront, in geschwungenen Buchstaben, geschrieben stand: »Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum.« (Tobias Rüther in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Dann ist die Reihe an Takashi Inui. Er könne noch nicht wirklich Deutsch, warnt der Moderator vor, lerne aber fleißig, und sofort forderte die Menge lauthals einen deutschen Satz von dem Japaner. Der nimmt allen seinen Mut zusammen und spricht seinen möglicherweise ersten deutschen Satz durch ein Mikrofon: »Geht’s?« (Stefan Behr in der Frankfurter Rundschau zur Saisoneröffnung bei Eintracht Frankfurt)
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Diesen Satz nur kurz lesen zu müssen, auf T-Shirts oder in Facebook-Profilen, ist ja schon sonst wie ein Faustschlag. Aber anderthalb Stunden lang hinter ihm herzufahren, ihn quasi anderthalb Stunden lang direkt hereingerieben zu bekommen von einem Nonkonformisten, der auf die Konventionen und Regeln und die Maskeraden unserer Gesellschaft pfeift, der endlich durchschaut hat, wie’s läuft, und sich nicht mehr abfinden will mit den Fassaden, hinter denen wir uns tagtäglich verstecken in unseren Büros und an den Fließbändern, der fertig ist mit dem ganzen Streben nach materiellen Werten und Sicherheiten, der so was von keinen Bock mehr hat auf unsere Vollkaskomentalität und gecheckt hat, ein für alle Mal, wann der erste Tag vom Rest des Lebens beginnt, nämlich heute, Ihr Spießer, und sich aus Protest gegen die Zwänge und Kompromisse und die gottverdammten Pflichten des Erwachsenendaseins für hundertfünfzigtausend Euro ein Wohnmobil gekauft hat, um (…) dann schön rückwärts eingeparkt neben den ganzen anderen Nonkonformisten in Dreiviertelhosen, die ihren Traum auch leben wollen – … (Rüther/FAS)
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Guardiola isst gerade Linguine mit Trüffeln. Vor den Spielen, auch vor Freundschaftsspielen, kann er wegen der Anspannung nichts essen. Er bringt einfach nichts hinunter. Er trinkt nur Wasser, literweise Wasser. (Der spanische Schriftsteller Marti Perarnau in seinem Buch »Herr Guardiola« / Vorabdruck in der Zeit)
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Kurz ist Stille, dann geht ein Raunen durch die Menge. »Was hat er gesagt …Geht’s? … hat er wirklich »Geht’s« gesagt …« Als alle einig sind, dass er tatsächlich »Geht’s?« gesagt hat, ist die Freude groß, denn alle sind sich einig, dass Inui mit nur ganz wenigen Worten, nämlich genau einem, genau die Frage auf den Punkt gebracht und gestellt hat, die die Fans der Eintracht vermutlich die komplette Saison über beschäftigen wird. (Behr/FR)
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Dafür hält er sich beim Abendessen schadlos. Er hat eine ganze Schüssel Kartoffelcremesuppe verschlungen, danach einen Tomatensalat mit Mozarella, ein halbes Dutzend Rostbratwürstchen mit Sauerkraut, die Linguine mit Trüffeln, und gleich wird er ein saftiges Schweinefilet verspeisen. (Perarnau/»Herr Guardiola«)
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… ich war endlich dabei, auf die linke Spur zu wechseln, da rollte dort nur leider eine Horde Harley Davidsons aus dem Großraum Bonn heran, und bevor ich mit der nächsten Beamtenrebellion kollidierte (…), blieb ich, wo ich war. »Träume nicht Dein Leben«, las ich weitere zehn Minuten lang, »sondern lebe Deinen Traum«. (Rüther/FAS) (gw)
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(www.anstoss-gw.de / gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle