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Begegnung mit dem “jünger ego” (“Seniorenjournal” vom 23. August 2014)

 

Mein progressiver Alt-Tag soll sich diesmal um die fortschreitende Unsichtbarkeit drehen, die auch das Älterwerden von Männern begleitet. Ich bastele noch an einem möglichst gelungenen Einstieg, komme nicht so recht voran, schaue zwischendurch in die Mailbox und stoße auf die Mail einer langjährigen Leserin meiner Kolumnen. Das Thema tut hier nichts zur Sache (ist aber online in meinem Blog »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen). Nur soviel: Sie erinnert mich an lange zurückliegende Kolumnen wie das »Italienische Tagebuch« zur Fußball-Weltmeisterschaft 1990. Fast ein Vierteljahrhundert ist es her. Und das war noch lange nicht der Anfang. Der war viel, viel früher … und plötzlich habe ich ein neues Thema für die heutige Kolumne. Voila!

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Alles begann mit kleinen Sportberichten für die WNZ, meiner damaligen Heimatzeitung in Wetzlar. Vor fast einem halben Jahrhundert. Kommt mir wie gestern vor. Zum Beispiel der Anschiss des Sportchefs, weil ich einen Leichtathletik-Bericht mit der Bemerkung beendet hatte, es sei ein sportlicher Skandal, dass zu Leichtathletik-Wettkämpfen der leistungsstarken Athleten des TV Wetzlar so wenige und zu den schwachmatischen Kickern von Eintracht Wetzlar so viele Zuschauer kämen. Der Sportchef der WNZ entdeckte es erst im letzten Moment, er stand kurz vor dem Herzinfarkt. Da merkte ich schon, dass man nicht alles schreiben darf, was man für richtig hält …

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Etwas später schrieb ich Artikel für die Jugendseite, meist Buch-Rezensionen. Ich nutzte die Gelegenheit, meine pseudorevolutionäre jugendliche Gesinnung verbal auszuleben. Zum Beispiel in der Rezension der Gesammelten Schriften eines Uni-Rektors: »Wie morsch und brüchig muss die Welt dieser Leute doch sein, in der ein ›Vorsitzender des Vorstands des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft‹ ein schlaffes, aalglattes Geleitwort schreibt« … und so weiter.

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Ha! Wow! Ganz schön angry, dieser young man! Neugierig geworden, lese ich weiter in seinen erbaulichen Schriften. Hier aus seiner allerersten Glosse, Thema: Jugend: »Man ist nur einmal jung – das scheint die Devise eines großen Teils der heutigen Jugend zu sein. Doch die Jugendlichen, die so denken, sind nur den Jahren nach jung, in Wahrheit seit Kindesalter vergreist. Für sie ist die Jugend als zeitlich festgesetzte Phase ihres Lebens eingeplant, wird bewusst erlebt und nach einer angemessenen Zeit bewusst beendet – hinter der frischen Coca-Cola-Keglerin und ihrem lachenden Partner stehen bereits die Frau, die weißer wäscht, und der würdige Herr von Asbach Uralt. Deutlich offenbart sich diese Geisteshaltung in der modernen jugendlichen Kleidung. Diese Uniformen der Jugendzeit werden pünktlich am Ende der Dienstzeit als Jugendlicher abgelegt. Während dieser Dienstzeit hat MAN zuerst reimlose Gedichte anzufertigen, Raucherzimmer in den Schulen zu fordern und die Tanzstundendame zu küssen, freie Liebe zu fordern oder, was seltener ist, sie auch zu praktizieren, Geld zu verachten, aber im Besitz eines Sparbuchs zu sein und die Leute, die in ihrem Lebensplan die Jugendzeit bereits absolviert haben, so lange zu verachten, bis man selbst an deren Stelle getreten sein wird.«

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Den Text schreibe ich (vor einem halben Jahrhundert gab es ein elektronisches Archiv nur in meinen Science-Fiction-Romanen) aus einem alten, vergilbten Ordner ab. Unterdessen ändert sich meine Gemütslage: Eigentlich wollte ich als altgedienter und abgeklärter Journalist diesen jungen naiven Schreiber vor mir selbst vorführen und so richtig durch den Kakao ziehen, doch das ändert sich von Satz zu Satz. Am Schluss lese ich, nach einigen weiteren Beispielen schon einigermaßen beschämt: »Jugendlichkeit ist eine Eigenschaft, derer sich nur wenige erfreuen – ein Leben lang. Wer das Leben lebt, nicht verplant, ist jugendlich. Zum Lebensstil vieler moderner Jugendlicher gehört aber, dass sie ihr Leben nicht leben, sondern verplanen, oft ohne sich dessen bewusst zu werden. Mir erscheint daher kennzeichnend für die meisten Jugendlichen unserer Zeit, dass ihnen die Jugendlichkeit fehlt.«

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Herablassend wollte ich ihn gönnerhaft veräppeln, diesen angehenden Journalisten, aber ich spüre, nicht ich Alter führe mich Jungen vor, sondern es ist umgekehrt. Bange Frage, deren Antwort ich lieber erst gar nicht wissen will: Habe ich seitdem jemals wieder eine so ehrliche, so wahre Glosse geschrieben?

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In meinem progressiven Alt-Tag jammere ich augenzwinkernd und auch ein wenig kokett über manche Zipperlein, an denen man feststellt, wie alt man doch geworden ist. Aber alt, so richtig alt, ist man erst, wenn man sich über die Jahrzehnte hinweg weit entfernt hat von jugendlicher Aufrichtigkeit, von undiplomatischer Ehrlichkeit, auch von gewiss naiver Unbedingtheit.

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Dass wir alle nicht jünger werden, die Plattitüde stimmt zwar, aber nur für den Körper. Für den Kopf brauchen wir keinen Jungbrunnen, da reicht ein Aha-Erlebnis wie das meine. Ein wenig von unserem alter beziehungsweise jünger ego würde dem Ego von uns Alten gut tun. Was sind schon die paar Zipperlein an Arm und Bein gegen neue Frische im Kopf?!

Baumhausbeichte - Novelle