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Montagsthemen (vom 18. August)

Endlich. Der Ball rollt wieder. Natürlich auch, weil er rund ist. So rund, dass man mit Saison-Expertisen nicht anecken kann. Da morgen nichts so alt ist wie die Zeitung (und diese Kolumne) von heute,  sind Vorab-Analysen  nach dem letzten Spieltag das nichtigste Nichts, uralt und längst vergessen.
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So kann jeder munter drauflos prophezeien, ohne sich lächerlich zu machen. Sogar ich. Darum veröffentlicht die »FAS« schon mal eine Abschlusstabelle mit Bayern als Meister vor Bayer, Schalke und dem BVB, Eintracht Frankfurt auf Platz 13 und Augsburg (Relegation), Mainz und Paderborn auf den Abstiegsplätzen. Meine Prognose dieser Prognose: Die Trefferquote wird allerhöchstens 50 Prozent betragen, sich also im Rahmen der Zufälligkeit bewegen, die bei ähnlichen Orakeln auch von Kraken und Schimpansen erreicht wird. Also Knoten ins Taschentuch: Wenn die »FAS«-Prognose wie von mir prognostiziert endet, erinnere ich am Ende der Saison daran, falls meine Prognosenprognose in die Hose geht … schon vergessen.
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War nur Spaß. Kein solcher: In Frankreich hat die Saison bereits begonnen, Paris schlägt Bastia am zweiten Spieltag mit 2:0, was Sack-Reis-in-China-Dimension hätte, wäre da nur nicht die auf Youtube zu sehende Szene nach dem Abpfiff im Kabinentrakt: Brandao (Bastia) steht scheinbar gelangweilt herum, aber als Thiago Motta (PSG) hereinschlendernd auftaucht, springt er auf ihn zu, rammt ihm den Schädel gegen die Nase und läuft feige weg, vom blutüberströmten Motta verfolgt. Eine irre Szene. Da gut dokumentiert, müsste der Irre ungleich härter bestraft werden als der WM-Beißer. Dieser feige, hinterhältige Hund! – Halt, stopp, das nehme ich zurück: Hunde sind nicht feige und hinterhältig, jedenfalls nicht im Vergleich mit Menschen.
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Auch in England wird schon um Punkte gekickt, und da fällt – und gefällt  mir – vor allem ein Ergebnis ins Auge: Van Gaal, der nicht nur von sich selbst als Trainer aller Trainer betrachtet wird, verliert mit ManU zu Hause gegen Swansea. Das könnte dem alten E…go  heilsam gut tun, aber dazu ist es wohl schon viel zu groß. Dafür fällt mir eine Landsfrau des Niederländers positiv auf: Dafne Schippers, eine Holländerin wie aus dem Bilderbuch. Schon der Name: von Daphne, der griechischen Bergnymphe und jungfräulichen Jägerin (allerdings: Bergnymphe aus der niederländischen Tiefebene? Und jungfräuliche Jägerin? Wie dem auch sei:), eine auf den ersten Blick rundweg beeindruckende junge Athletin. Klar, dass sie jetzt bereits mit der »fliegenden Hausfrau« Fanny Blankers-Koen verglichen wird. So vielseitig und hochklassig wie diese ist sie schon.
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Auf den ersten Blick? Nun ja, der zweite ist immer der skeptischere. Zum Beispiel hat  manchen Leser erstaunt, was ich vor der Leichtathletik-EM über erstarkt zurückkommende junge Mütter geschrieben habe. Während der EM gab es dann einige Aha-Erlebnisse, und mittlerweile bekommt das Wort von den »Baby-Boomern« eine ganz neue Bedeutung.
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Neben manchen anderen ebenfalls ein Ärgernis: die  Tribünen-Kurzinterviews mit den Trainern. Was sollen sie schon sagen, hochfokussiert auf ihre Athleten? Erhellendes wäre in diesem Moment schwer zu vermitteln, schon gar nicht in einfachen Worten für Laien, daher belassen sie es meist mit Blabla und schämen sich hinterher vor der Mit-Fachwelt.
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Apropos: »Zuerst möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich noch NIE einen Leserbrief  geschrieben habe. Dies ist mein ›Erster‹! Ich lese Ihre Kolumne so gut wie jeden Tag und kann Ihnen vollumfänglich bestätigen: Was Sie über das Fabulieren erkannt haben, trifft vollständig auch auf mein Thema ›Golfspiel‹ zu. Was weit über 90% aller (deutschen) Kommentatoren erzählen, hat mit den Gedanken und Aktionen der Golfer auf dem Platz nichts, aber auch gar nichts zu tun!« – Der Leser (er bezieht sich auf die »Stützabstoß«-Passage im »Sport-Stammtisch« vom Samstag) nennt seinen Namen, möchte ihn aber nicht veröffentlicht wissen – er ist ehemaliger Bundesligaspieler, mit Handicap 0 und war als Golfer auch international erfolgreich.
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Einen Namen aber sollte man nennen und sich gut merken: Carlo Tavecchio, neuer Präsident des italienischen Fußballverbands. Gewählt wurde er trotz kritischer Analysen wie dieser: »Bei uns kann ›Opti Poba‹, der vorher Bananen gegessen hat, plötzlich Stammspieler bei Lazio werden.« Für seinen neuen Job ist der alte (= vecchio) Narr-atore (Erzähler) fast schon überqualifiziert mit seinem »Opti Poba«, einem Phantasie-Synonym für, na ja, etwa: dahergelaufener Neger. Denn mit solcher rassistischen Kompetenz könnte bzw. konnte man sogar UEFA-Präsident werden. Wie Lennart Johansson, der einst nach einer Veranstaltung in Johannesburg sagte: »Der Saal war voll von Schwarzen. Wenn so viele von denen zusammen sind, wird es ja verflucht dunkel. Außerdem ist es nicht mehr so lustig, wenn die in Rage geraten.«
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Stimmt, ist nicht lustig. Der Johansson. Eher, dass in England jetzt auch die Gärtner in Rassismus-Generalverdacht geraten. Grund: Ben Pitcher, Soziologe der Universität von Westminster, hat festgestellt, dass deren Fachsprache »von rassistischen Untertönen« wie »reine Erde« und »heimische und nichtheimische Arten« durchsetzt sei, was »das Aufkeimen nationalistischer und faschistischer Parteien in ganz Europa« erkläre (Zitatenquelle: FAS). Darauf muss man erst mal kommen.
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Aber es sind ja nicht nur die Gärtner. Was ist  mit – siehe oben –den Hunden? Zum Beispiel mit jenen, bei denen am  anderen Ende der Leine ein Kolumnist und seine allerliebste Zielgruppe stehen? Beide »reinrassig«! Die  Hunde. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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