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Sport-Stammtisch (vom 16. August)

Eine aus dem Stutzen gezauberte Gesichtsmaske – der mediale »Höhepunkt« des »Supercups« – führt uns aus Dortmund nach Zürich. Aubameyangs Spiderman-Maske erfüllt die gleiche Funktion wie Robert Hartings Trikotzerreißungs-Ritual. Aber man muss sparsam mit dem Image-Logo umgehen, damit das Alleinstellungsmerkmal nicht überstrapaziert wird. Aubameyang wird, auch aus begründeter Angst vor Klopp, die Maske nach der folgenlosen Deutschland-Premiere frühestens nach seinem entscheidenden Tor in der Meisterschaft oder in den Schlussminuten des Champions-League-Finales wieder aus dem Stutzen ziehen. Harting ließ, schlau dosierend, bei der gegenüber WM und Olympia minder wichtigen EM die Zerreiß-Probe aus, warf den Medien aber ein Bonbon hin, das sie gerne auslutschten: Die Oma habe es ihm verboten. Ha. Ha. Ha.
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Kein Wunder, dass Sportler aus der zweiten Reihe verzweifelt versuchen, auf ähnliche Art Aufmerksamkeit zu erregen. Haben Sie die seltsame Frisur des Zehnkämpfers Rico Freimuth gesehen? Freimütig gibt er zu, das sehe zwar bescheuert aus, aber irgendwie müsse man ja auffallen.
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Das sieht die Speerwerferin Linda Stahl ganz anders. »Ich bin nicht bereit, mir was auszudenken, damit ich doch in die Zeitung komme«, sagt sie. Auch in den »Playboy« wollte sie nicht, obwohl »2012 alle Olympia-Sportlerinnen gefragt wurden. Das machen die vom Playboy immer, und drei, vier sagen dann normalerweise ja« (Quelle: »Süddeutsche Zeitung«). Das sind die ganz verzweifelt Freimuthigen, gelle Rico?
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Linda Stahl hat in diesem Jahr ihr Medizin-Examen bestanden und Speer-Bronze gewonnen, eine ganz große Leistung, doch was schlagzeilt das Organ für den klugen Kopf, die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«? »Bronze statt Gold für Stahl« – dieser schwache Metall-Gag auf Kosten der Sportlerin ist nicht mal Blech, höchstens Pappe. Papperlapappe.
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Überhaupt wird in Zürich viel Papperlapappe produziert, von Medien und von Kampfrichtern. Da reißt sich ein Hindernisläufer, den Sieg vor Augen, vor Freude das Trikot vom Leib, offenbar spontan, nicht als geplante Aktion à la Aubameyang oder Harting, und wird disqualifiziert, wegen »Unsportlichkeit«. Er ist der sportliche Sieger und hat keinen Konkurrenten unfair behindert – nur die Disqualifikation an sich und der ihr zugrunde liegende spanische Protest zur Erschleichung einer nicht erlaufenen Medaille erfüllen da das Kriterium der Unsportlichkeit.
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Die »Unsportlichkeit« ist so etwas wie der Gummiparagraph 1 der Sportverkehrsordnung, nur mit ihm konnte man damals Katrin Krabbe (und nicht wegen Dopings) sperren, heute kann man mit ihm den »unsportlich« jubelnden Läufer eliminieren und morgen den Athleten, der den Kampfrichter nicht gebührend höflich grüßt.
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Viel Spaß hatten Stoß- und Wurfkenner vor den Fernsehgeräten, als die Reporter über »Stütz-« und »Umsprung-Abstoß« fabulierten. Nun gehört das Thema zu den wenigen, ja, zugegeben: sehr, sehr wenigen Bereichen, in denen ich mich wirklich gut auskenne, ich bin da sogar, obwohl das Wort zu schreiben mir schwerfällt, ein echter Experte. Hier nur so viel: Bei jedem Stoß (gilt aber für alle Würfe) muss das linke Bein (beim Rechtshänder) stützen und stemmen,  bis die Kugel die Hand verlassen hat. Danach kann es zu einem Umsprung kommen, muss es aber nicht. In früheren DDR-Jahren galt es sogar als technisches Nonplusultra, das Stemmbein bis zur Beendigung des Versuchs wie festgemauert an bzw. vor den Balken zu rammen. Und die DDR-Stoßer waren die Besten! Der Umsprung selbst ist eine eher unwillkürliche Aktion, verlängert man den Beschleunigungsweg zu sehr, tritt man zwangsläufig über, springt man zu früh um (ein Anfängerfehler), fliegt die Kugel nicht weit. Das Patellaspitzensyndrom, an dem David Storl leidet, dürfte jedenfalls keine Rolle spielen, denn das ist eine lästige Berufskrankheit der Werfer und hat mit Stützabstoß und Umsprung wenig zu tun. Und dass der reine Stützabstoß 30, 40 Zentimeter an Weite kosten soll, ist sozusagen die Oma von Robert Harting.
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In fast allen Sportarten ist der »Stützabstoß« die Voraussetzung zum Erfolg. Versuchen Sie mal, einen Elfmeter ohne den Stütz des Stand-und Stemmbeins zu schießen. Oder im Boxen: Einen echten Knockout spürt nicht nur der Verlierer, meist im Kopf, sondern immer auch der Sieger, und zwar in dem Moment, in dem er mit der rechten Faust den Gegner trifft, in der linken großen Zehe des eigenen Standbeins.
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Der eigentliche Grund für diese Ausführungen: Wenn schon ich mir meinen Teil bei der Fabuliererei der »Experten« denke, was denken dann echte Kenner ihrer Fachgebiete, wenn »Terrorismus-«, »Israel-«, »NSA«, »Wissenschafts-« »Klima-« und all die anderen Fernsehexperten uns die Welt erklären? Und haben diese meist senderselbsternannten »Experten« einen ähnlichen Durchblick wie die aus dem Bereich, in dem ich den Durchblick zu haben glaube? Unschöner Gedanke.
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An Zahl werden die »Experten« mittlerweile aber von den »Aktivisten« übertroffen, von A bis Z sind sie zugange, zum Beispiel die Maidan-. Medien-, Menschenrechts-, Naturschutz- und Netz-Aktivisten, womit aber nicht einmal von M bis N alle Aktivisten erfasst sind. Ich kannte die Aktivisten vor ihrem Medien-Boom nur aus dem Fußball, genau gesagt aus dem DDR-Fußball mit seinen aparten Vereinsnamen wie »BSG Aktivist Schwarze Pumpe« oder »Aktivist Briesge-Senftenberg«. Sehr gut gefielen mir aber auch »Stahl Eisenhüttenstadt«, »Traktor Schwerin«, »Turbine Erfurt« oder gar Babelsberg, das die »Rotation« schon im Vereinsnamen trug, als Pep Guardiola noch nicht auf der Welt war. Der »Fortschritt« im Fußball kam also aus der DDR, nicht nur in Bischofswerda. Und wie hieß einer der größten DDR-Klubs überhaupt? Den Namen übernehmen wir zum Pokalstart der Eintracht als nomen est omen für die kommende Spielzeit: Vorwärts! Frankfurt! Oder? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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