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Sommer-Sonntagmorgen („Rück-Blog“ vom 14. August)

Die Internet-Seite »Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Da nicht alle »Anstoß«-Leser im Netz aktiv sind oder sein wollen, veröffentlichen wir im Blatt ab und an Auszüge, zuletzt im April. Es folgt ein »Rück-Blog« ausschließlich geschrieben an Sommer-Sonntagmorgen.

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1. Juni: Die Leser haben sich so an mich gewöhnt, für viele von Kindesleserbeinen an, dass ich für sie zum täglichen Leben gehöre, vertraut bin wie ein Familienangehöriger (der seltsame alte Onkel?).  Als ich anfing, gab es einen Vorgänger, William R., der einen fabulösen Ruhm hatte. Bei fast allem, was ich schrieb oder mir als Innovation einfallen ließ, hieß es bei den älteren Kollegen: Ach, das hat doch der alte William R. schon gemacht. Ich hörte dabei immer ein weiteres Wort heraus: Er habe es »besser« gemacht. Und auch, als ich mit dem »Sport-Stammtisch« begann, der Mutter aller »Anstoß«-Kolumnen, grunzte der alte K., der Chef-Umbruchmetteur (so was gibt’s schon lange nicht mehr): Ist doch nix Neues, hat doch der William schon … und so weiter.

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15. Juni: Kein Thema in meinen Kolumnen: Das Geißeln von Missständen in Brasilien. Nicht, weil ich verharmlose, nicht, weil ich die Augen verschließe, sondern weil ich mich an dem Ritual nie beteilige, das im Vorfeld von WM und Olympia abläuft. Immer dient das Großereignis als Vehikel für Kritiker, ihrem Protest gegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung, Kriminalität, Wirtschaftsschweinereien usw. zu weltweiter Aufmerksamkeit zu verhelfen, meist zu Recht, aber pünktlich zur Abschlussfeier, nein, meistens schon zur Eröffnungsfeier interessiert sich die Weltöffentlichkeit nicht mehr dafür. Auf den Kurzzeit-Zug springe ich nie auf. Außerdem, und hier kommt mein resignativer Pessimismus hinzu, gibt es kein Land auf dieser Erde, in dem es nicht, wenn es Ausrichter wäre, berechtigte Proteste gegen schlimme Missstände geben müsste.

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Ebenfalls 15. Juni: Aus den »Montagsthemen« einen Absatz entfernt, um den Kollegen nicht mit einem zu großen Kolumnen-Trumm das Layout für die erste Sportseite zu erschweren. Den Text parke ich hier: »Apropos Müller-Wohlfahrt: Französische Ärzte beschuldigen ihn, Ribery falsch behandelt zu haben. Müller-Wohlfahrt gilt als Schüler des ehemaligen Freiburger Sportmedizin-Gurus Klümper, der einen Ruf wie Donnerhall hatte, er schwört wie dieser auf ungewöhnliche Behandlungsmethoden, preist jetzt zum Beispiel sein Kälberblutserum – aber mit Cortison fitzuspritzen, wie es die Franzosen gerne getan hätten (und Ribery ablehnte), das würde ›MW‹ nie tun, auch Klümper nicht, denn das lindert zwar kurzfristig die Beschwerden, macht sie mittelfristig aber nur noch schlimmer. Die französischen Ärzte sollten sich also mit Spitzen gegen Müller-Wohlfahrt so zurückhalten, wie sie es mit Cortison-Spritzen nicht tun.«

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3. August, 6.15 Uhr: Um schreiben zu können, muss ich Licht machen. Bleibt es jetzt schon so viel länger dunkel? Oder ist es draußen dunkelwolkig, Nachboten von Gewittern, die ja irgendwo gewesen sein sollen (nicht hier jedenfalls), oder etwa Vorboten? – Traum: Neue sportliche Entwicklung in den Sprüngen, ich habe sie entdeckt, niemand glaubt mir, dass die Weltrekorde fallen, im Training schon gefallen sind. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, spüre es sogar in mir, diese Leichtigkeit beim Absprung, diese nicht enden wollende Flugphase. Ist es eine neue Technik? Erst wach und klar weiß ich, wieso ich dieses Zeug träume: Rehm, Prothese, Inklusion usw. Ein Grund mehr, das Thema für mich ad acta zu legen. Schluss damit, wenn es schon den Traum beherrscht!

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10. August: Meine alten amerikanischen »Freunde« aus dem Werferlager, unter ihnen Weltrekordler und Olympiasieger, posten auf Facebook die merkwürdigsten Dinge. Videos und Lebensweisheiten der erbaulichen oder absonderlichen Art, bevorzugt aber Erinnerungen an das eigene sportliche Heldenleben. Schon als die Vergangenheit noch Gegenwart war, registrierte ich mit Verwunderung, wie das Sportgröße-Sein das Bewusstsein bestimmt. Einmal tauschten wir, Freund R. und ich, mit dem damals aktuellen Weltrekordler Trainings-Erfahrungen und -Ansichten aus. In scheinbarer Selbstironie beendete er seine Sicht der Trainingsdinge mit dem ebenfalls nur scheinbar relativierenden Nachsatz, ob es stimme, was er sage, wisse er nicht, denn: »I’m only the world record holder.«

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Ebenfalls 10. August: Wer die Starterlisten der Leichtathletik-EM sieht, denkt auch an gewisse Tricks, denn mancher bekannte weibliche Name fehlt. Beliebter und erfreulicher Abwesenheitsgrund: Schwangerschaft. Es gibt zwar keine Statistik dazu, aber nach dem empirischen Gefühl ballen sich die Schwangerschaften zwischen den olympischen Jahren, und oft kommen die Frauen mit gesteigerter Leistungsfähigkeit zu Olympia zurück. Hat was mit Hormonen zu tun. Aber warum auch nicht? Ist schließlich nicht zu vergleichen mit Hormontricks früherer (?) Jahre, als manche Sportlerin nicht die Anti-Baby-Pille nahm, die zu ihrem Typ passte, sondern eine, die zur sportlichen Erfolgssteigerung führte. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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