Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Tinte auf Löschpapier, das Disneyland-Gefühl und ein zerfallender alter Gartenzaun (»Ohne weitere Worte« vom 12. August)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft, heute zu Ehren der beginnenden EM mit leichtahletischem Start

*****

»In der Schule war ich Außenseiter, wir hatten nicht viel Geld (…). Diese soziale Schwäche hat mich tierisch angekotzt. Ich war immer der, dem nichts zugetraut wurde. Ich hatte nie das, was Prestige hatte unter Kindern, nicht die richtigen Klamotten oder Spielkonsolen.« (Robert Harting im taz-Interview)

*

»So intensiv hatte ich Zufriedenheit noch nie erfahren. Vielleicht kann man sich das vorstellen wie Tinte auf Löschpapier. Wie dieser Fleck sich ausbreitet, wie sich Adern bilden und die Farbe von immer größeren Flächen Besitz ergreift, so fühlt sich diese um sich greifende Zufriedenheit an. Plötzlich hatte ich Spaß am Leben.« (Harting im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Gefühl, Olympiasieger geworden zu sein)

*

»Ich betrachte die Niederlage als meinen Freund. Die Niederlage kommt viel zu schlecht weg, obwohl sie uns stärker voranbringt als der Sieg.« (Mode-Unternehmer und Ex-Ski-Ass Willy Bogner im Zeit-Magazin)

*

»Erfolg ist nur ein Moment, kein dauerhafter Zustand. (…) Ein Rekord macht nicht glücklich, der Weg dorthin macht glücklich.« (Harting/taz)

*

»Bei 22 Meter«, sagt Storl, »beginnt doch erst das wahre Kugelstoßen.« (Welt am Sonntag)

*

»Ich war noch nie in Disneyland. Aber wenn ich ein zehnjähriger Junge wäre und ich hätte lange warten müssen, bis ich dorthin komme, dürfte ich ungefähr das gleiche gefühlt haben.« (Neven Subotic über den ersten Trainingstag nach seinem Kreuzbandriss, zitiert in der Welt)

*

Ich wünsche mir (…), was ich mir schon die ganze vergangene Saison über gewünscht habe: dass endlich Ilkay Gündogan zurückkommt (…), dass er zusammen mit Marco Reus die euphorischen, überfallartigen Angriffe der Dortmunder einleitet und uns Fans damit glücklich macht. Ich weiß, was der Preis dafür wäre: Eine tolle Saison von Gündogan wäre wahrscheinlich zugleich auch seine letzte für die Borussia. Er und Reus würden dann gehen, zu Vereinen, die besser zahlen. Aber das wäre es mir wert. (»Was sich die Fußballfreunde der ZEIT von der neuen Saison erwarten und erträumen.« Hier: Beitrag von Anna Kemper)

*

Traut sich Klose die EM in zwei Jahren zu? Erklärt er seinen Rücktritt beim Spiel der Deutschen gegen Argentinien am 3. September in Düsseldorf? Welche Rolle wird er bei Lazio spielen? (…) Und was sagt Klose zur Insolvenz seines Heimatvereins SG Blaubach-Diedelkopf? (FAS)

*

(OWW-Anmerkung: Beim Frankfurter Testspiel in Genua) … standen in der Anfangsformation noch genau drei deutsche Spieler. (…) Die übrigen Fußballer kamen aus Serbien, Brasilien (2), Peru, der Elfenbeinküste, Japan (2) und Tschechien. Es gab mal andere Zeiten (…), in denen mehr Wert auf Identifikation und Identität gelegt wurde. (…) Es gibt Fans, die ein wenig fremdeln mit einer zusammengekauften Mannschaft (Frankfurter Rundschau)

*

Können Sie uns als Mann mit 35 Jahren Bundesliga-Erfahrung denn etwas Hoffnung machen, dass es in der kommenden Saison mal wieder spannend wird und die Bayern nicht wieder schon an Ostern den Titel feiern? – »Die Hoffnung kann ich Ihnen leider überhaupt nicht geben.« (Eintracht-Trainer Thomas Schaaf im Welt-Interview)

*

Boateng und Hummels (haben) bewiesen: Es geht auch ohne Außenverteidiger, wenn die Innenverteidigung so bombastisch steht. Das war vielleicht die größte Offenbarung der WM. Mats und vor allem Jerome galten als unsichere Kantonisten, die bei gegnerischen Angriffen sich gern mal Gedanken machten über den nächsten Kopfhörer (Boateng) oder das nächste tiefgründige Interview der Freundin (Hummels). (Kabarettist Django Asül in der Kicker-Kolumne »Abpfiff«)

*

Der FDP verdankt Deutschland Rainer Brüderle, Martin Bangemann, Klaus Kinkel, Jürgen Möllemann, Philipp Rösler, Guido Westerwelle und Dirk Niebel. Namen, die man fast vergessen hätte, wenn sie hier nicht leider gerade genannt worden wären. (»Zipperts Wort zum Sonntag« in der Welt am Sonntag)

*

Zum Schluss begreift der Leser, wie sehr es mit geheimer Zufriedenheit erfüllen kann, wenn man einfach ratlos in der Gegend steht wie ein zerfallender alter Gartenzaun. Alles andere wäre nicht im Ernst etwas Besseres. (Aus einer Zeit-Rezension des neuen Romans »Bei Regen im Saal« von Wilhelm Genazino) (gw)

*

(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle