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Sonntag, 10. August, 6.30 Uhr

Meine alten amerikanischen “Freunde” aus dem Werferlager, unter ihnen Weltrekordler und Olympiasieger,  posten auf Facebook die merkwürdigsten Dinge. Videos und Lebensweisheiten der erbaulichen oder absonderlichen Art, bevorzugt aber Erinnerungen an das eigene sportliche Heldenleben. Einige sind aber noch aktiv und berichten von Siegen bei Seniorensportfesten, als seien es Olympische Spiele. Für mich immer wieder Anlass, die eigene relative Erfolglosigkeit (keine internationalen Rekorde, keine olympischen  Medaillen) nachträglich ganz in Ordnung zu finden – das bewahrt davor, in glorreicher Vergangenheit verhaftet zu bleiben.

Schon als die Vergangenheit noch Gegenwart war, registrierte ich mit Verwunderung, wie das Sportgröße-Sein das Bewusstsein bestimmt. Einmal tauschten wir, Freund R. und ich, mit dem damals aktuellen Weltrekordler Trainings-Erfahrungen und -Ansichten aus. In scheinbarer Selbstironie beendete er seine Sicht der Trainingsdinge mit dem ebenfalls nur scheinbar relativierenden Nachsatz, ob es stimme, was er sage, wisse er nicht, denn: “I’m only the world record holder.”

Zu Facebook hat mich die Neugierde getrieben, was die Größen meiner Zeit heute so tun. Der “I’m only the world record holder” zum Beispiel fliegt kreuz und quer über den amerikanischen Kontinent und ist, wenn ich es richtig verstanden habe, eine Art Kameraassistent bei Übertragungen von Footballspielen. Bevor ich auf Facebook von seinem Alltag (der Mann ist auch schon über 65) las, glaubte ich noch an die Fama, der einstige Hippie-Typ lebe als Aussteiger in Kalifornien und kiffe den ganzen Tag, dabei Gitarre spielend und über die Welt sinnierend.

Auch zu einem deutschen Werfer hat mich die Neugierde getrieben. Er postet aber gar nichts (wie ich übrigens), und jetzt hat er mich offenbar vor kurzem aus seiner Freundesliste gestrichen. Warum? Wenn ich mich zu wichtig nähme, könnte ich den Grund in meiner Kritik an seiner Sportlotterie sehen (aha, jetzt wissen Sie, wer es ist). Aber dann müsste er ja meine Kolumnen lesen. Das halte ich aber für extrem unwahrscheinlich.

Andererseits: Wenn er seinen Namen und die ihm wichtige Sportlotterie googelt und die Suche auf die letzten Stunden oder Tage einschränkt, stößt er sicher ziemlich schnell auf meine Kolumnen. Das hat mich schon einmal überrascht, als ein junger deutscher Schriftsteller, über den bzw. sein neues Buch ich in der “Nach-Lese” für unser Feuilleton ein paar Zeilen geschrieben hatte, sich schon per Mail meldete, bevor die Kolumne im Blatt (aber schon zwei, drei Stunden online) stand. Er reagierte freundlich und witzig (Sie können es irgendwo in “gw-Beiträge Kultur” nachlesen, ich weiß nicht mehr, wann und wo, aber zu finden ist es). Dabei ging es übrigens auch, wenn ich mich recht erinnere, um Kornkreise (siehe “Sport-Stammtisch” vom Samstag / ebenfalls Link rechts bzw. rechts Link unter “gw-Beiträge Anstoß”; dabei habe ich, wie das immer bei solchen Kalauern ist, an den “Korngreisen” selbst den meisten Spaß gehabt. Oder fanden Sie das etwa auch so witzig wie ich?).

Noch mal zur gestrichenen “Freundschaft”: Wahrscheinlich hat er einfach nur die Karteileichen eliminiert, deren Namen ihm nichts sagten.

Dass auch ich im Sommerloch stecke, merke ich am Sommersonntagsmorgenblog. Von wegen Stein(es)bruch für die Kolumnen, speziell für die “Montagsthemen” – das ist nur Geröll, nicht zu bearbeiten. Das wird heute eine schwere Geburt. Aber Zeit genug habe ich ja (diesmal kein Sauerland).

Einer der letzten Blogeinträge (oder war’s sogar der letzte? Zu meiner Blog-Manier gehört, so etwas nicht zu verifizieren, auch wenn’s nur einen Tastendruck bräuchte (ebenso verifiziere ich nicht diesen Konjunktiv von brauchen; weil ich’s nicht brauche) … und wenn ich mich im Satz verheddere, wie soeben, lasse ich ihn verheddert, auch mit Klammer in der Klammer; müsste jetzt nicht wieder eine kommen? Hier ist sie:) … und wie soll ich den Satz beenden, wenn ich nicht einmal weiß, wie er angefangen hat? Also doch mal kurz ein Blick zurück … aha … “Einer der letzten Blogeinträge” hat sich als schöner großer Blog-Block im Stein(es)bruch entpuppt (falls sich Steine entpuppen können wie die Libellenlarven in meinem Teich; dieses Jahr sind es übrigens nur wenige. Woran liegt es?), denn er bildet den großen Kern von “Mein progressiver Alt-Tag” im nächsten “Seniorenjournal”. Die Chefin (von mir und dem “Seniorenjournal”) hat es genehmigt, findet es sogar gut. Auch dem Bub hat der Blog-Grundtext (mit frühester Glosse) gut gefallen, ich müsse ja schon damals ganz in Ordnung gewesen sein  – gibt es für Papas ein schöneres Kompliment?

Für die heutige Sonntagmorgen-Hilflosigkeit gibt es ganz sicher keine Komplimente. Auch die Meldungen der Nacht bieten nichts Verwertbares an. Was das wohl werden mag mit den “Montagsthemen”?  Am besten: Pause, Neustart und dann mit frischem Mut ran, belebt durch Kaffee, Kuchen und Chefinnen-Knicks. Here it comes.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle